Ansichten eines Querdenkers
Interview: Elmar Lampson, neuer Präsident der Hochschule für Musik und Theater, will sich in Hamburg spartenübergreifend für Kultur einsetzen
ABENDBLATT: Wie sind Sie eigentlich zur Musik gekommen?
ELMAR LAMPSON: Meine Mutter hat wunderschön gesungen. Ihr Schlaflied, ihre selbst erfundenen Kindermelodien habe ich heute noch im Kopf. Und ich hatte in der Waldorfschule einen Lehrer, der auch Komponist war und eine unglaubliche musikantische Kraft hatte.
ABENDBLATT: Ihr Weg war nicht gerade. Viele Stationen liefen auf den ersten Blick nicht auf das Ziel "Präsident der Hochschule für Musik und Theater" zu.
LAMPSON: Wenn man auf eine musikalische Form schaut, dann kann man auch nie voraussehen, was geschehen wird, aber im Rückblick erscheint es einem immer als die beste Möglichkeit. So scheint es mir auch, wenn ich jetzt auf die Chance schaue, diese Präsidentschaft zu übernehmen.
ABENDBLATT: Musik hat für Sie etwas mit Alltagsleben zu tun, mit der Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen.
LAMPSON: Musik macht intelligent, fördert die Lernfähigkeit, die Konzentrationsfähigkeit - alles richtig. Aber zuallererst ist Musik selbst eine Form von Intelligenz, Musikalität ein menschlicher Wesenszug. Von meinem neuen Amt aus kann ich mich da einmischen: Ich wünsche, eine Stimme in der Stadt auszubilden, die die Stärken, die diese klassische Musik hat, geltend macht und darauf hinweist, was fehlt, wenn sie nicht vorhanden ist.
ABENDBLATT: Können Sie das bitte mal präzisieren?
LAMPSON: Wenn keine Musik da ist, fehlt die Musik - und vor allem auch die Musikalität und damit ein subtiles Verhältnis zu den Qualitäten der Zeit. Musik beginnt da, wo das Reden endet. Lässt sich ein Lebensgebiet finden, in dem man auf solche Qualitäten verzichten könnte? Keine Behörde, keine Firma, kein Krankenhaus oder Kindergarten sollte darauf verzichten, eine musikalische Kultur zu entwickeln.
ABENDBLATT: Sie haben in Witten/Herdecke Musik zusammengebracht mit Leuten, die sonst damit nicht viel zu tun hatten.
LAMPSON: Es gibt dort fünf Fakultäten: Medizin, Zahnmedizin, Wirtschaftswissenschaften, Biowissenschaften und integriert in diesen Zusammenhang die "Fakultät für das Studium fundamentale", mit der Aufgabe, den Studierenden den Blick zu öffnen für Philosophie, Kunst und Musik. Es wird in Witten nicht gefragt: Wozu brauchen wir die Künste? Sondern sie sind fragloser Bestandteil der Universitätskultur. Unter ähnlichen Gesichtspunkten sind wir in Wirtschaftsunternehmen aktiv geworden.
ABENDBLATT: Was auch zur Refinanzierung der Fakultät beitrug.
LAMPSON: Was schon im ersten Jahr Deckungsbeiträge erwirtschaftete. Wir haben Dirigierkurse für Manager eingerichtet. Durch die Erfahrungen mit Musik wurden sie zur Reflexion ihres Führungsstils angeregt. Es gibt Unternehmer, die sich fragen: "Wie klingt mein Unternehmen?" Als Ergänzung zur Frage: "Wie rechnet es sich?" Wenn man bedenkt, wie viel von der "Stimmigkeit" der Strategien abhängt, von der Fähigkeit, zuzuhören und im Team zum "musikalischen Zusammenspiel" zu kommen, klingt diese Frage nicht mehr abwegig. Längst nicht alle Probleme in Unternehmen sind durch wirtschaftliches Know-how zu lösen.
ABENDBLATT: Gab es auch skeptische Reaktionen?
LAMPSON: Wenn einer in einem Unternehmen auf mein Seminarangebot sagte: "Das klingt ja interessant - aber mein Chef wird fragen, was kommt denn für die Firma dabei rum?", habe ich mir andere Gesprächspartner, andere Firmen gesucht. Daraus sind oft die interessantesten Projekte geworden. Egal, ob es Ingenieure, Finanzberater, Führungskräfte aus der Auto- oder Bauindustrie waren, immer wurde Kreativität durch diesen Perspektivwechsel freigesetzt.
ABENDBLATT: Wollen Sie ein solches "Studium fundamentale" auch in Hamburg einrichten?
LAMPSON: In einer Hochschule für Musik und Theater muss man kein "Studium fundamentale" einrichten, weil sie das ihrem Ausbildungskonzept nach bereits ist. Wir können an das anschließen, was mein Vorgänger Hermann Rauhe seit Jahren veranlagt hat. Er hat deutlich gemacht: Dies ist ein Ort mit einem gesellschaftlichen Auftrag.
ABENDBLATT: Was kann die Hochschule zu einem Wertewandel der Gesellschaft beitragen?
LAMPSON: Oft wird von der Krise der klassischen Musik gesprochen. Aber es gibt weltweit sehr viele ausgezeichnete junge Musiker - auch wenn die Überalterung der Konzertabonnenten beklagt wird, klassische Musik ist immer noch eine Jugendkultur. Wenn es eine Krise gibt, dann im Selbstbewusstsein, in der Selbstreflexion der Künste. Die Hochschule für Musik und Theater muss hervorragend ausbilden und gleichzeitig Teil einer sich wandelnden internationalen Kunstszene sein.
ABENDBLATT: Wie wirkt sich das auf die Ausbildungen aus?
LAMPSON: Die Absolventen sollten nicht nur auf ein spezielles Berufsbild hin ausgebildet werden, etwa als Orchestermusiker oder Theaterschauspieler, sondern die Ausbildung muss flexibler werden. Solche Entwicklungen haben in der Hochschule bereits begonnen. Für fatal halte ich eine Ausbildung, die nur eine berufliche Option lässt. Dann würden hoch begabte Leute als gescheiterte Existenzen enden, weil sie ihr Können nicht woanders einsetzen können. Auf Orchester und Theater kommen neue Aufgaben zu. Wenn sie überleben wollen, müssen sie in Kontakt mit unterschiedlichen Bevölkerungsschichten kommen und neue Veranstaltungsformen finden. Eine zentrale Aufgabe der Hochschule ist es, darauf vorzubereiten. Es gilt, künstlerische Entwicklungen anzustoßen, Ideen für die Weiterentwicklung der Kulturinstitutionen zu bilden, darüber hinaus Kontakt mit der freien Szene zu halten in einem großen internationalen Netzwerk.
ABENDBLATT: Wie soll es weitergehen mit Schwerpunkten, die an der Hochschule schon existieren?
LAMPSON: Das, was da ist, will ich vertiefen - z. B. im Kulturmanagement. Musiktherapie sollte, wie andere künstlerische Therapieformen auch, zum selbstverständlichen Partner der Medizin werden. Jeder Musiker sollte mit der therapeutischen ebenso wie mit der pädagogischen Dimension der Musik zumindest einmal in Berührung gekommen sein.
ABENDBLATT: Sie bilden ja auch Kulturvermittler aus - zum Beispiel Musikpädagogen.
LAMPSON: Immer noch kämpfen Musiklehrer in vielen Schulen auf verlorenem Posten gegen die Dominanz der wissenschaftlichen Fächer und haben bei Schülern einen schweren Stand. Aber wie sollen sich Schüler, in deren Lebensumfeld keine klassische Musikkultur vorkommt, für Musik interessieren? Das Problem kann nicht von den Schulmusiklehrern allein gelöst werden. Wir brauchen ein Zusammenspiel zwischen Musikhochschulen, Musikschulen, Ensembles, Solisten und Orchestern. Das schulische Musikleben müsste mit professionellen Szenen vernetzt werden. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür. Bei der Schulmusik kann der Unterricht in den Klassen nur ein Teilbereich sein. Instrumentalunterricht gehört ebenso dazu wie Chor-, Orchester-, Jazz- oder Bigbandinitiativen, Besuche von externen Musikern, besondere Konzerte, auf die im Unterricht hingearbeitet wird . . .
ABENDBLATT: Sie schreiben selbst Musik. Was treibt Sie als Komponist?
LAMPSON: Das Komponieren ist für mich der rote Faden in meinem Leben; wenn ich nur zehn Minuten stillsitze, dann bin ich in einer sich formenden Klang- und Musikwelt. Ich versuche mich immer im Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen Hörgesten zu halten. Einer, die Tonalität, Dreiklangwelten und musikalische Vitalität erreicht. Oder schroffe atonale Clusterwelten, nicht so sehr um des klingenden Gegenstandes willen, sondern um die inneren Umkehrpunkte im Hören aufzurufen. Gerade ist eine CD mit Kammermusik unter dem Titel "Fadenkreuze" bei "col legno" erschienen. Dann habe ich ein neues Stück für Streichorchester geschrieben, das vor einigen Wochen uraufgeführt wurde, und ich habe einen Kompositionsauftrag von den Niederrheinischen Sinfonikern für eine Sinfonie für den April 2006.
ABENDBLATT: Sie sind ein viel beschäftigter Mann und leben hier am Kiekeberg mit ihrer Familie abseits vom Getümmel. Wie kriegen Sie das unter einen Hut?
LAMPSON: Ich habe nie versucht, alles unter einen Hut, sondern viele Hüte auf einen Kopf zu kriegen. Diese Bereiche werden alle durch eine gemeinsame Haltung zusammengebracht, eine Balance aus Konzentration, Spannung und Gelassenheit. Konzentration und Spannung sind kein Widerspruch zur Gelassenheit.
Interview: Hans-Juergen Fink



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