Nur das Theater - nichts anderes
Künstler, die am Anfang stehen, nehmen vieles auf sich, um ihren Lebenswunsch zu verwirklichen. Das Abendblatt stellt in dieser Serie junge Menschen vor, die sich für die Kunst entschieden haben. Oft gegen den Rat von Eltern oder Freunden. Sie erzählen von ihren Ängsten und Zweifeln, von ihren Erfolgen und Sehnsüchten. In unserer sechsten Folge berichtet der Schauspieler Andreas Vögler aus seinem Leben.
Schauspielerei und Theater waren bei uns immer so gegenwärtig, dass ich es als meinen eigenen Berufswunsch gar nicht entdecken konnte. Meine Mutter hat früher an der Berliner Schaubühne gespielt, mein Vater war in der Off-Szene, bevor er begonnen hat, Medizin in Tübingen zu studieren, und Arzt wurde. Theater war also irgendwie präsent, und weil es nichts Neues für mich war, hats mich nicht so sehr gereizt. Ich konnte nicht sehen, was Schauspiel mir eigentlich doch bedeutete oder welche Qualitäten es hat. Es ging mir wie bei anderen Dingen im Leben, bei denen man auf den ersten Blick nicht sieht, was sie mit einem machen.
Das Schizophrene war: An der Waldorf-Schule habe ich eifrig und voller Freude beim Schultheater mitgemacht, später auch in Laienspielgruppen von meiner Mutter. Sie hat schon mal nach Aufführungen gesagt, ich sollte das doch verfolgen, wenn ich Lust dazu hätte. Ich hab aber aus jugendlichem Trotz heraus abgeblockt: Nee, mach ich nich. Ich musste immer dagegen angehen. Wollte mir nicht eingestehen, das Gleiche zu machen wie meine Eltern.
Ich besuchte mit ihnen natürlich oft die Theater im Ruhrgebiet, wo ich aufgewachsen bin. Mit vielem konnte ich damals aber noch nichts anfangen. Mal fand ichs zu bürgerlich, mal wars mir einfach noch zu hoch. Ein Schlüsselerlebnis war dann das Bochumer Gastspiel des Berliner Ensembles mit Martin Wuttke als "Arturo Ui". Den fand ich toll. Er hat die Gratwanderung geschafft, überzeugend zu spielen und dabei doch eine Kunstfigur zu zeigen. Weiß ich heute. Es war einer der Momente, in denen ich ernsthaft daran gedacht habe, das auch zu machen. Hab dann aber doch wieder den Schwanz eingezogen und den Wunsch verdrängt bei meiner beruflichen Zukunftsplanung.
Alles Mögliche habe ich zuerst probiert. Mit 15 machte ich Musik in einer Metal-Band. Die hieß "Fatality". Ich wollte Tontechnik machen, interessierte mich auch für Schreiben und Journalismus. Nach dem Zivildienst war ich 1999 dann drei Monate in Australien, wo ich Ruhe hatte und mich auf mich selbst besinnen konnte. Ich bin zurückgekommen und - ratzfatz wie aus dem Nichts heraus - kam der Entschluss, Schauspieler zu werden.
Das fand meine Mutter, die aus einer Theaterfamilie kommt, sicherlich auch gut, sonst hätte sie mir bei der Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung nicht geholfen und auch noch gern auf meine Vorsprechrollen draufgeguckt.
Bei der ersten Prüfung in Bochum bin ich dann gnadenlos durchgerasselt. Ich hab mich zu wohl gefühlt, war mir zu sicher. Ein Dämpfer und ein Ansporn. Jetzt wollte ich es wissen und machte eine Tour durch Deutschland: Essen, Berlin, Hannover, Hamburg. Zehn oder zwölf Aufnahmeprüfungen waren es bestimmt. Habe dadurch ein realistisches Bild bekommen.
Echt heavy war es in Zürich. Ich kam in die letzte Runde, wurde aber nicht genommen. Ein schrecklicher Gedanke kam mir: Moment mal, kann es sein, dass ich jetzt gerade auf dem völlig falschen Weg bin? Ich hing in der Luft und grämte mich. Jetzt kann ich relativieren, weiß: Urteile sind subjektiv. Schulen haben ihre Richtung. Es gibt kaum eine Branche, wo die Beurteilung von einem Produkt so stark auseinander gehen kann. Was die einen in den Himmel loben, treten die anderen in die Tonne.
Aus Frust habe ich dann so 'nen komischen Film gefahren. Einerseits wusste ich, es hängt von mir ab, was ich aus einer Ausbildung rausziehe und daraus mache im Beruf. Letztlich bin ich es, der auf der Bühne steht. Auf der anderen Seite wollte ich aus einem Egotrip heraus auf eine renommierte Schule. Sonst wäre ich nicht zufrieden gewesen. Das Ziel nicht zu erreichen, konnte ich mir zum damaligen Zeitpunkt aus falschem Ehrgeiz oder Stolz nicht eingestehen. Jetzt kann ich darüber lachen.
Meine Mutter wies mich auf die Frese-Schule hin, die sie aus ihrer Zeit in Hamburg kannte. Die hat Tradition und ein paar gute Schauspieler hervorgebracht. Es gab natürlich wieder keine Garantie, dass ich da angenommen werde. Bin dann mit einer guten aggressiven Energie aus einer Absage in München direkt nach Hamburg gefahren, hatte am nächsten Tag das Vorsprechen bei der Frese-Schule - und sie haben mir einen Ausbildungsvertrag angeboten. Ich stehe jetzt kurz vor dem Abschluss, meine Prüfungen sind Ende August.
Persönlich bin ich an einem anderen Punkt angekommen. Früher wollte ich gefallen und es den Prüfern recht machen. Das nützt aber nichts. Wenn ich in ein Ensemble rein will, dann wollen die jemanden haben, der auf seine Art nicht austauschbar ist. Handwerk - sprechen und bewusst seinen Körper einsetzen - sind Grundvoraussetzungen. Die muss man sich erarbeiten, aber das gewisse Extra kann man nur aus sich selber herausholen. Da habe ich an der Schule auch für meine eigene Entwicklung eine Menge dazulernen können.
Ich habe zwar die Schwierigkeiten und kritischen Punkte beim Schauspielerberuf von vornherein gesehen, was mich ja anfangs auch so gebremst hat. Bei allem Zuspruch von den Eltern, sie haben mir gesagt, wie es aussieht auf dem Arbeitsmarkt. Dass die Ellbogen ausgefahren werden. Dass es viele gibt, auch sehr gute, die auf der Strecke bleiben. Vom theoretischen Wissen zur Praxis brauchts dann aber doch noch einen Schritt. Und der ist wirklich nicht leicht. Meine Eltern haben mich aber geistig und finanziell immer unterstützt und mir viel Mut gemacht.
Ich bekomme BAföG, arbeite noch nebenbei in der Garderobe der Kammerspiele. Bei einem Diplomandenfilm der Filmschule von Hark Bohm spielte ich mit. Für das "Zwilling"-Projekt der "plattform" am Ernst-Deutsch-Theater habe ich meine erste Gage bekommen. Dort habe ich jetzt meinen zweiten Stückvertrag bekommen: Ich spiele in Martin Kreidts Studio-Inszenierung nach Marlowes "Doktor Faust" den Mephistopheles. Wenn es in Hamburg so glücklich weiterlaufen könnte, würde ich gern bleiben. Aber im Moment plane ich eine Vorsprechtour.
Seit dieses Gefallenwollen oder Streben nach Erfüllen einer Aufgabe weggefallen ist, bin ich entspannter und auch selbstbewusster geworden. Natürlich muss ich an mir weiterarbeiten, aber ich hab kapiert: Es geht darum, den Leuten zu zeigen, was die Rollen mit mir machen, und nicht darum, sie einem Schema oder einer bestimmten Vorstellung anzupassen. Ich muss versuchen, eine Figur an mich heranzuziehen, sie mir zu Eigen zu machen und sie nicht nur überzustülpen. Das ist die Herausforderung und das eigentlich Spannende am Spielen. Es gibt für mich jetzt keinen anderen Weg mehr als das Theater.
(aufgezeichnet von Klaus Witzeling)




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