"Am erschütternden Meere tief gelebt"
Die Insel hat mehr zu bieten als Schampus, Strand und Promis: Eine Entdeckungsreise auf den Spuren von Literatur, Kunst und Geschichte
Sylt. "Heute Nachmittag", schrieb Siegfried Jacobsohn, Gründer und Herausgeber der Berliner Wochenzeitung "Weltbühne", an seinen Freund und Stellvertreter Kurt Tucholsky, "widerfährt meinem niedern Strohdach die Ehre, dass Thomas Mann unter ihm weilt. Der alte Waterkantler hatte die Insel nicht gekannt und ist so erschlagen, dass er sofort entweder ein Friesenhaus oder Terrain kaufen will."
Kampen, 1922. Gekauft hat Thomas Mann damals - zum Leidwesen der Sylter - zwar weder Friesenhaus noch Terrain, doch als Sommerfrischler kam er wie die Komponisten Friedrich Hollaender und Otto Klemperer, die Sängerin Emmi Leisner und die Schauspielerin Valeska Gert, der Theaterkritiker Herbert Ihering, die Herren Frisch und Zuckmayer sowie ihr Verleger Peter Suhrkamp immer wieder gern auf die Insel. "Ich werde Dir jetzt überhaupt lieber täglich mitteilen, wer nicht da ist", schrieb Jacobsohn an Tucholsky, "denn das ist die Minorität."
War es die salzige Luft, das sanfte Licht, die Nähe zum Wasser oder doch eher die Nähe zu den Kollegen, die schon damals Künstler und Kunstsinnige nach Sylt lockten? Von allem ein bisschen, darf man wohl annehmen. "An diesem erschütternden Meere habe ich tief gelebt", schrieb Mann seiner Ferienwirtin, der Schauspielerin Klara Tiedemann, 1928 ins Gästebuch ihres Hauses "Kliffende", jenes winderprobten, reetgedeckten Anwesens in den Dünen, das heute zu den am meisten gefährdeten Gebäuden der Insel zählt.
Später las man dann von den Bismarcks und den Flicks, von Thurn und Taxis, Sachs und Dekadenz, irgendwann von Bohlen, Elvers, Ammer. "Tief gelebt" wurde auf Sylt noch immer, tief gesunken vielleicht noch mehr. Und die Kultur? Die trotzt dem Schickimicki wie das "Kliffende" dem habgierigen Meer.
Auf der Wattseite der Insel zum Beispiel, in Rantums "Sylt-Quelle", fördert das Ehepaar Indra und Joachim W. Wussow nicht nur ein inseleigenes Mineralwasser, sondern, seit mittlerweile fünf Jahren, ebenfalls die schönen Künste: Mit Theaterinszenierungen im Sprudel-Abfüllwerk und Ausstellungen im so genannten "Kunst:Raum", einer kleinen Galerie oberhalb des Rotunden-Cafes, die den Vergleich zu Hamburg oder Bremen nicht scheuen muss. Auch das stets prominent besetzte Meerkabarett am Flughafen verantworten die Wussows, ungleich spannender allerdings ist ihr Engagement für international renommierte Künstler und Literaten abseits des Mainstreams. Das bekannteste Stipendium der Sylt-Quelle ist die Vergabe des Inselschreiber-Postens, den nach Feridun Zaimoglu und Moritz Rinke in diesem Jahr die Leipzigerin Juli Zeh erhielt.
Einen Monat im Sommer, einen weiteren im Winter verbringt die Schriftstellerin nun also auf der Insel. Und lockt, so ähnlich wars ja schon bei Jacobsohn, Mann und Tucholsky, einen bescheidenen Teil des deutschen Kulturbetriebs gleich hinterher: Gerade erst war Zehs Lektor, der Autor Burkhard Spinnen, zu Besuch, und ihr Freund David Finck schreibt in Rantum an seinem ersten Roman.
Vom Insel-Tourismus weitgehend unbemerkt tummeln sich zudem die schottische Bestsellerautorin A.L. Kennedy ("Ein makelloser Mann") sowie die Berlinerin Felicitas Hoppe ("Verbrecher und Versager") in Rantums Abgeschiedenheit. Und der Schriftsteller Peter Kurzeck, dessen jüngster Roman "Ein Kirschkern im März" soeben erschienen ist, nimmt nach ausführlicher Lesereise ein vierwöchiges Arbeitsstipendium in der Sylt-Quelle wahr: "Sorgen, Gespenster und den Abwasch lasse ich zu Hause, um mir immer wieder zu beweisen, dass man überall arbeiten kann." Auch und gerade in direkter Nachbarschaft zu einer Mineralwasser-Abfüllhalle.
A.L. Kennedy lässt sich ganz unmittelbar von der Umgebung beeinflussen: In ihrem nächsten Roman wird Sylt eine Rolle spielen, und für ein britisches Magazin recherchiert die Autorin übers Nacktbaden - inklusive Selbstversuch, versteht sich. Ungleich nüchterner sieht Felicitas Hoppe ihren Aufenthalt: "Ich käme nicht auf die Idee, mich an einen Strand zu setzen und auf die Inspiration zu warten", sagt sie und zieht die Schultern hoch. "Ich halte Inspiration für einen Mythos."
Das sehen die Kunsthandwerker von Keitum vermutlich etwas anders. Aber auch sie gehen abseits jeglichen Promi-Trubels seit Jahren ihren Leidenschaften nach. Goldschmiedin Birgit Damer, die - wie die meisten zugezogenen Insulaner - der Liebe wegen nach Sylt gekommen ist, Wolfram Siebecks letzten Kochwettbewerb gewonnen hat und nun gemeinsam mit Christoph Freier eine kleine Gold-Silber-Werkstatt in Keitum betreibt. Oder Silke Wessel, die im selben engen Friesenhaus am ältesten Webstuhl der Insel arbeitet. Oder Glasbläser Hans Jürgen Westphal, der seine Werkstatt-Galerie im Keitumer Bahnhof eingerichtet hat, wo er sein fragiles Material über dem heißen Feuerstrahl zu Schalen, Kelchen und Figuren formt. Auch ihm kann man - wie den anderen Kunsthandwerkern auf der Insel - live beim Kreativsein zuschauen.
Aus so einem Einzelstück später seinen Rotwein zu schlürfen, ist schon etwas Besonderes - und auch für jene erschwinglich, die nicht gleich ein sechsteiliges Service erstehen möchten: Beim Kunsthandwerkermenü im feinen Benen-Diken-Hof, wenn die Tafel vom Geschirr bis zur Küche ausschließlich mit regionalen Produkten festlich gedeckt wird.
Und selbstverständlich gibt es noch viel mehr Kultur zu entdecken auf Deutschlands nördlichster Insel. Die Keitumer Galerie von Cornelia Kamp zum Beispiel, in der im Herbst selbst Günter Grass für eine Lesung vorbeischaut, oder die frechen Shows im Meerkabarett mit Götz Alsmann, Dieter Hildebrandt und Gerhard Polt, oder den "Kampener Literatursommer" mit Rafik Schami, Hellmuth Karasek und Ingrid Noll.
"Tatsächlich", urteilte Siegfried Jacobsohn schon 1922 über seine Lieblingsinsel, "hat ja Westeuropa zwischen Hammerfest und Gibraltar nicht ihresgleichen." Er hatte schon Recht: Aufzuzählen, wer nicht auf Sylt ist, wäre vermutlich einfacher.





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