Die Herzogin entfloh gern nach Hamburg
Ein Barockschloss, ein großartiger Park - und Spuren aus der Hamburger Geschichte
Ludwigslust. Die Wolken hängen tief, und über dem Schloss braut sich ein Gewitter zusammen. Schaut man aber auf der großen Sichtachse über die prächtige Kaskade hinüber zur Stadtkirche, die so gar nicht wie eine Kirche aussieht, sondern eher wie ein griechischer Tempel, scheint strahlend die Sonne. Aber was heißt das schon in einem Sommer wie diesem? Gleich darauf fallen dicke Regentropfen, und über den alten Eichen im Park zucken die ersten Blitze.
Ein Reisebus aus Landshut hält vor dem Schloss. Eilig steigen die bayerischen Touristen aus und laufen zum Nebeneingang, denn das eigentliche Entree des Ludwigsluster Schlosses ist zurzeit geschlossen, wird renoviert, ist in Plastikplanen verhüllt.
Zwei Etagen höher sitzt Ralf Weingart, der Leiter des Schlossmuseums, in seinem Büro mit vorzüglichem Blick auf Park und Stadt. "Diese wunderbare Verbindung von barocker Schlossanlage, Kirche, Park und Stadt ist etwas in dieser Art wohl Einzigartiges", sagt Weingart und erzählt, wie das kleine mecklenburgische Versailles entstanden ist: Der Name stammt von Herzog Christian II. Ludwig (1683-1756), der sich in dem von wildreichen Wäldern umgebenen Dörfchen Klenow ein kleines Jagdschloss bauen ließ. Aber erst sein Sohn Herzog Friedrich von Mecklenburg-Schwerin ließ an Stelle des väterlichen Jagdsitzes 1772-76 das prächtige Barocksschloss erbauen. Er verlegte sogar seine Residenz von Schwerin in den Ort, der nun Ludwigslust hieß.
Wie es sich für einen Barockfürsten gehörte, schuf Friedrich eine planmäßige Anlage mit dem Schloss als Mittel- und Bezugspunkt von Sichtachsen zu Stadt, Park und Kirche. "Friedrich war künstlerisch und wissenschaftlich sehr interessiert, machte aber auch seinem späteren Beinamen ,der Fromme' alle Ehre", erzählt der heutige "Schlossherr". Nach Ludwigslust sei er auch gezogen, um dem Getriebe der "Großstadt" Schwerin möglichst fern zu sein. Und hier habe er zuerst die Kirche erbauen lassen - typisch für diesen Herrscher, der das Theater in seinem Land verbot, die Kirche aber im Inneren wie ein Theater gestalten ließ. Der Altarraum sieht tatsächlich wie eine riesige Bühne aus und wird hinten von einem raumfüllenden Weihnachtsgemälde begrenzt, das wie ein Bühnenbild wirkt. Raffiniert hinter den gemalten Orgelpfeifen einer Engelskapelle versteckt ist die Friese-Orgel, die 2003 restauriert wurde und nun wieder in voller Klangpracht zu hören ist.
Friedrich beschäftigte zwar eine der besten Hofkapellen weit und breit, doch statt Oper spielten die Musiker überwiegend sakrale Musik. Und das war Herzog Friedrichs Gemahlin, der aus Württemberg stammenden Luise Friederike, eindeutig zu wenig. Um der entsagungsvollen Frömmigkeit des Ludwigsluster Hofs zu entfliehen, zog es die mecklenburgische Herzogin Jahr für Jahr für längere Zeit nach Hamburg, wo sie ein eigenes Haus besaß und fleißig die Oper besuchte.
Doch so fromm Friedrich auch war, auf äußere Prachtentfaltung mochte er denn doch nicht verzichten. So zeigen sich die Bayern aus Landshut beim Rundgang durch die Prunkgemächer schwer beeindruckt - auch wenn hier nicht alles Gold ist, was golden glänzt. Da der Herzog aufs Geld achten musste, ließ er die üppigen goldenen Dekorationen im Goldenen Saal nicht etwa aus Edelmetall herstellen, sondern aus "Ludwigsluster Karton". Dieses wie Gold schimmernde Papiermache wurde aus alten Akten hergestellt. So konnte Friedrich zwar nicht aus Stroh Gold spinnen lassen, verfügte aber über ein Recycling-Verfahren, mit dessen Hilfe der Abfall seiner Bürokraten einen goldenen Schein erhielt. "Mit diesem Verfahren hätte auch Ihr Märchenkönig eine Menge Geld sparen können", sagt der Reiseführer zur Erheiterung seiner bayerischen Gruppe.
Inzwischen scheint wieder die Sonne, und trotz der etwas aufgeweichten Wege lädt der Schlosspark zum Spazierengehen ein. Ursprünglich als barocke Anlage ausgeführt, hat der Gartenarchitekt Josef Peter Lenne den heute 175 Hektar großen Park Mitte des 19. Jahrhunderts in einen Landschaftsgarten umgewandelt.
Hier im Park, unweit des Schlosses, findet sich ganz unerwartet ein Relikt aus dem alten Hamburg: Über eine steinerne Brücke gelangt man auf eine Insel, auf der sich der Backsteinbau der katholischen Kirche erhebt. Im Inneren der 1809 geweihten kleinen Kirche befinden sich zwei wertvolle Glasfenster, die aus dem Hamburger Dom stammen. Der Architekt der Kirche, hatte die aus dem 15. Jahrhundert stammenden Glasmalereien 1805 preisgünstig in Hamburg erworben, wo man damals gerade dabei war, den Dom abzureißen. Die Scheiben zeigen Apostelfiguren und die Mutter Gottes.
Leider ist die katholische Kirche meistens geschlossen, wer sich die Hamburger Fenster anschauen möchte, sollte sich ans Gemeindebüro (Tel. 03874/472 75) wenden.





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