Tanzen kann ich nur jetzt
Künstler, die am Anfang stehen, nehmen vieles auf sich, um ihren Lebenswunsch zu verwirklichen. Das Abendblatt stellt in dieser Serie junge Menschen vor, die sich für die Kunst entschieden haben. Sie erzählen von Zweifeln und Ängsten, aber auch von Erfolgen und Sehnsüchten. In der zweiten Folge berichtet die Tänzerin und Choreographin Antje Pfundtner aus ihrem Leben. Zu Beginn schien krankheitshalber eine Karriere mit körperlichen Höchstleistungen völlig unmöglich.
Ich konnte mir immer vorstellen, ganz viele andere Sachen zu machen. Psychologie zu studieren oder Journalismus. Aber ich konnte mir nie vorstellen, nicht mehr zu tanzen. Studieren ginge ja immer noch, habe ich mir gedacht. Tanzen kann ich nur jetzt.
Das Unglaubliche ist: Als ich geboren wurde, konnte ich mich gar nicht bewegen. Es waren noch keine Verbindungen zwischen mir und meinen Muskeln hergestellt. Und kein Arzt konnte mir helfen. Das ist auch die erste Geschichte in meinem Solo "eigenSinn", das ich 2003 in Kooperation mit Kampnagel herausgebracht habe. Da fragten sich die Leute schon, ob die von mir erzählten Storys so passiert sind oder nicht. Das Irre aber ist: Ausgerechnet bei dieser ersten Geschichte denken sie, die stimmt nicht. Es war aber tatsächlich so. Die Ärzte haben meiner Mutter gesagt, sie solle lieber einen Rollstuhl kaufen. Und sich keinen Kopf mehr machen, das würde man nicht hinkriegen.
Mein Glück war unser Kinderarzt. Er hat mich an eine Physiotherapeutin verwiesen, die sich mit solchen Kindern beschäftigte. Die hat ihn am ersten Tag noch angerufen: "Ich hab dir doch gesagt, du sollst mir nicht immer die hoffnungslosen Fälle schicken. Das ist so deprimierend." Der Arzt hat aber nur gemeint, sie solle es versuchen. Dann hat meine Mutter mit mir ein Jahr lang fünfmal am Tag geturnt. Danach konnte ich krabbeln, ditschte aber überall dagegen. Die Physiotherapeutin hatte vergessen, mir das Anhalten beizubringen. Wir gingen wieder hin und haben das auch noch gepackt. Aber es war unklar, ob nicht Schäden bleiben, eine komische Koordination oder ein nachschleifendes Bein. Es ist nichts übrig geblieben. Hoff ich mal.
Zum Tanzen kam ich durch eine Freundin im Haus. Das typische Kinderballettklischee. Sie ist hingegangen. Da wollte ich es auch. Meine Eltern fandens erst komisch, ließen mich aber machen. Mein Ballettlehrer verschaffte mir sogar einen Platz in der Ballettschule von John Neumeier, den ich aber nicht annahm. Er riet mir, nicht zurück auf eine Privtaschule zu gehen. So entschied ich mich für das Gymnasium in Essen-Werden und ging dann nach Amsterdam an die Hochschule der Künste, um modernen Tanz zu studieren.
Am Tanz interessieren mich Schönheit und Virtuosität nicht vordergründig. Am spannendsten finde ich die Begegnung mit mir selber, die neuen Erfahrungen im Dialog mit mir auf der Bühne, die Herausforderung, körperlich und psychisch an Grenzen zu geraten. Das Solo ist für mich die nackteste Form der Aussage. Schwierig zu erarbeiten, weil es viel Disziplin kostet. Dafür ist man einzig und allein sich selbst verantwortlich.
Meine Ausbildung habe ich 1999 beendet. Im letzten Studienjahr lebte und lernte ich in New York. Als ich zurückkam, musste ich Auditions machen wie blöd. Ich bin in Belgien, Holland und Deutschland herumgefahren, hatte anderthalb Jahre keinen festen Wohnsitz, was ich sehr nervig fand. Dazwischen jobben, um die Reisen bezahlen zu können. Callcenter und so. Und dann immer das Warten auf Antwort. Teilweise wochenlang. Ich kam beim Vortanzen meist bis in die Schlussrunde, aber genommen wurde ich nicht.
Da begann ich, das auf mich zu beziehen und zu denken: Irgendwas muss ja sein. Du kommst immer bis zum Ende, aber es reicht wohl nicht. Ich hatte aber immer ein Netzwerk aus Freunden, Familie und Lehrern, die an mich glaubten, mir Mut machten und über die Hürden halfen. Glücklicherweise kamen dann auch die Angebote für Produktionen. Von Choreographen wie David Hernandez oder Tony Vezich. Ich arbeite eben ohne Sicherheitsnetz. Meistens habe ich in den Löchern zwischen den Einzelengagements selber Stücke gemacht. Von daher lief es wieder ganz gut.
Mein "erstes Loch" hat mich überhaupt zum eigenen Arbeiten gebracht. Ich hatte eine Durststrecke von drei Monaten, bevor ich nach Hamburg gekommen bin. Hier habe ich mich um Existenzgründerförderung beworben, bekam auch sieben Monate lang so viel Geld, dass ich knapp meinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Die Miete für meine Wohnung in St. Pauli, die ich mir mit einer Freundin teile, war wenigstens sicher. Und ich hatte den Kopf frei, um mein erstes Hamburger Solo "überMutter" zu erarbeiten, das ich zusammen mit der Tänzerin Trinidad Martinez von der Magpai Production Group und anderen im Lichthof zeigte.
Zweimal habe ich ein danceWEB-Stipendium bekommen und war bei den Impuls-Tanzwochen 2002 und 2003 in Wien. Ein weiterer Ansporn. Zehn-Tage-Workshops acht Stunden am Tag mit verschiedenen tollen Choreographen wie Emio Greco. Das war ein wichtiger Input für meine Arbeit und eine Stimulation für mein Solostück "eigenSinn". Es wurde tatsächlich zum Kick nach draußen und brachte mir die Einladung zur Deutschen Tanzplattform 2004 in Düsseldorf.
Hätte dort ja schief laufen können. Aber die Resonanz war überwiegend positiv. Jetzt bin ich zur Biennale in Lyon, nach Wien zu Impuls Tanz, nach Helsinki, Litauen und auch nach Südamerika eingeladen. Bin wohl nicht mehr so leicht zu übersehen, denk ich mir mal, das war ein Plus der Plattform. Vielleicht habe ich das Glück, dass jetzt auch mehr Leute auf mein neues Stück "If you can't fix it, feature it" - so heißt der Arbeitstitel - gucken, das ich im Mai 2005 in der Kampnagelfabrik herausbringe.
Als Choreographin wird man erst akzeptiert, wenn man ein Stück mit mehreren Tänzern gemacht hat. Was natürlich wieder Druck erzeugt, nach dem Motto: "Mal sehen, was sie jetzt bringt." Ist aber ein logischer Schritt. Die neue Choreographie für fünf Tänzer hat auch thematisch was mit mir und meinem Leben zu tun: Wenn du der Mangel bist, setz den Mangel ein, um den Mangel zum Vorteil zu machen. Es wird sicher noch ein, zwei Jahre brauchen, bis ich mich richtig etabliert habe. Mein Traum ist, als Künstlerin unabhängig zu sein: eigene Stücke machen und auch mit anderen arbeiten zu können.
Aufgezeichnet von Klaus Witzeling




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