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Kultur & Live

Zwischen Mozart und Heimweh

Künstler, die am Anfang stehen, nehmen vieles auf sich, um ihren Lebenswunsch zu verwirklichen. Das Abendblatt stellt in dieser Serie junge Menschen vor, die sich für die Kunst entschieden haben. Sie erzählen von Zweifeln und Ängsten, aber auch von Erfolgen und Sehnsüchten. In der ersten Folge berichtet die Sopranistin Lini Gong aus ihrem Leben.

Als ich vier war, habe ich mit dem Klavierspielen angefangen. Ich wollte Klavier studieren und Pianistin werden. Aber das klappte nicht, weil ich wohl kein Talent dafür habe. Mit zwölf habe ich vielen Professoren vorgespielt, aber die mochten mich gar nicht. Ich sei zu jung und verstünde nichts von klassischer Musik, sagten sie. In China haben wir nur wenige Gelegenheiten, klassische westliche Musik zu hören. In meiner Heimatstadt Zhuzhou, gibt es keine Konzerte.

Meine Mutti schlug mir vor, es mit Singen zu probieren. Na ja, dachte ich, wenn ich Talent habe, kann ich das ausprobieren. Gern gesungen habe ich schon immer - nicht klassische Musik, sondern chinesische Volkslieder. In China weiß kaum jemand, wie ein Sopran klingt oder wie man Mozarts "Veilchen" überhaupt mit dem richtigen Gefühl singt. Die westliche Musik ist uns fremd.

Ich habe bei einer Lehrerin vorgesungen, natürlich ein chinesisches Volkslied. Sie fand meine Stimme schön, und so habe ich bei ihr angefangen. Doch damals hatten wir nicht so viel Geld. Schön singen reicht da nicht aus, man muss den Unterricht ja auch bezahlen können. Aber meine Lehrerin war sehr nett und sagte: "Lini, wenn du möchtest, dann brauchst du nichts zu bezahlen."

Zwei Jahre später habe ich dann einen kleinen Wettbewerb in meiner Heimat gewonnen. Meine Lehrerin hat mich danach einer Musikfachschule - das ist so eine Art Musikgymnasium - empfohlen, um europäische Musik richtig zu lernen. Ich habe vorgesungen - mittlerweile war ich 15 Jahre alt - und wurde aufgenommen. Und endlich habe ich viel über die europäische Musik gelernt, Stücke auf Italienisch, Französisch und Deutsch gesungen. Ich fand das toll.

Nach dem Abitur habe ich die Aufnahmeprüfung bei der Musikhochschule in Shanghai bestanden und bei einer Professorin studiert, die viele Jahre in Salzburg war. Nach zwei Jahren, das war 2001, hatte ich dann die erste Gelegenheit bekommen, nach Deutschland zu fahren und beim internationalen Wettbewerb "Neue Stimme" in Gütersloh teilzunehmen. Dort gewann ich den ersten Preis. Deutschland fand ich schön. Der Himmel war so blau, die Luft so frisch und alles war so ruhig.

Ein Jahr später machte meine Professorin den Vorschlag, dass ich in Deutschland weiterstudieren sollte. Also schickte ich eine Kassette ans Hamburger Konservatorium. Vier Monate habe ich gewartet. Dann kam die Einladung. Ich war überglücklich. Aber dann kamen die Zweifel. Soll ich wirklich nach Deutschland fliegen? Ich habe hier noch gar nicht zu Ende studiert und kein Zeugnis in der Hand. Und kann ich überhaupt in Deutschland leben, in einer fremden Kultur? Und wie soll ich das finanzieren? Das Konservatorium kostet nämlich viel Geld. In Deutschland kann ich nicht nur studieren, ich muss auch arbeiten. Viele, viele Sorgen hatte ich damals. Ich habe zwei Monate überlegt.

Meine Mutti sagte schließlich: "Lini, du musst nach Deutschland fliegen. Mach dir keine Sorgen, wir können für dich alles tun. Wir sind deine Eltern und möchten, dass du im Ausland viel lernst."

Am 2. Oktober 2002 kam ich in Hamburg an. Meine Eltern, meine Verwandten und meine Freunde haben Geld gesammelt. Davon konnte ich ein Jahr lang meinen Unterricht am Konservatorium bezahlen und leben. Danach sollte ich auf eigenen Beinen stehen. Meine Eltern meinten, dass ich mir nicht nur ein schönes Leben mit schöner Musik machen, sondern auch erleben solle, wie schwer das Leben ist und dass man dafür arbeiten muss.

Im letzten Sommer habe ich in einer Schokoladenfabrik in Winsen als Einpackerin gearbeitet. Das war ganz schön anstrengend. Ich musste um vier Uhr aufstehen. Aber es hat auch Spaß gemacht, weil ich andere Chinesinnen kennen gelernt habe. Trotzdem ist diese Arbeit blöd. Aber ich finde, dass ich das machen muss. Das ist Lebenserfahrung. Ich habe auch schon bei der U-Bahn-Reinigung gearbeitet.

Letztes Jahr im Juni habe ich dann an vier deutschen Hochschulen Aufnahmeprüfungen gemacht. In Hamburg, Bremen, Berlin und München. Ich wollte wohl auch am Konservatorium gerne weiterlernen, aber ich hatte zu wenig Geld. In der Hochschule bezahlen wir ja nicht so viel. Ich habe bei allen Hochschulen bestanden und habe mich dann für die Hamburger Musikhochschule entschieden.

Ich bin gern hier. Ein wenig Heimweh habe ich schon. Aber ich möchte in Deutschland noch viel lernen - über Musik und die Kultur. Klar gibt es Schwierigkeiten, besonders mit der Sprache, aber wenn man fleißig ist, dann kriegt man das auch hin. Natürlich habe ich manchmal Zweifel, ob ich gut genug bin. Hier gibt es viele ausgezeichnete Studenten.

Manchmal sind diese Zweifel überflüssig, weil ich ja auch bei Wettbewerben mein Talent unter Beweis stellen kann. In diesem Jahr habe ich beispielsweise den Mozart-Wettbewerb gewonnen und bin Stipendiatin der Yehudi-Menuhin-Stiftung. Wenn ich hier fertig bin, dann möchte ich nach China zurück und dort als Gesangs-Professorin arbeiten.

Aufgezeichnet von Bettina Brinker

Lini Gong wurde am 16. Oktober 1981 in der Kleinstadt Zhuzhon (China) geboren. Ihre Mutter ist Englischlehrerin, ihr Vater Techniker. Sie erhielt früh Klavier- und Gesangsunterricht. Das erste Mal kam sie 2001 nach Deutschland zum Wettbewerb "Neue Stimme"" in Gütersloh, den sie prompt gewann. Im Oktober 2002 zog sie von China nach Hamburg, besuchte das Konservatorium. Seit 2003 studiert sie Gesang an der Hochschule für Musik und Theater.

 

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