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Kultur & Live

Mord im Grünen

Krimilesungen: Lauschige Idylle, spannende Geschichten. In zehn Gärten und Parks Niedersachsens lesen Autoren in den kommenden Wochen aus ihren neuesten Werken.

Walsrode. Was da erbärmlich schreit, ist kein Opfer. Es ist weiß, hat eine blaue Brust und ist vielleicht so groß wie eine Amsel. Seine Heimat ist der Regenwald, sein Ruf gilt als weithin zu hören. Das mag gut angehen, denn der Schrei des Glockenvogels, der gemeinhin als Singvogel gilt, dringt durch Mark und Bein. Traktiert das Trommelfell wie Messerstiche.

Crime Time im Vogelpark Walsrode, Auftakt zu einer bis zum 20. August datierten Reihe mit Krimilesungen in zehn niedersächsischen Gärten und Parks.

Fröhlich flattert das Federvieh in der "Paradieshalle mit Tropenfreiflug" umher, wie dieser eigenheimgroße Käfig genannt wird. Die Menschen sitzen, nur durch eine dünne Stellwand vom tropisch schwülen Paradies getrennt, auf ihren Stühlen und hören zu. Vorn auf dem Podium liest Doris Gercke, Hamburger Krimiautorin, aus ihrem neuen Roman "Beringers Auftrag", den sie unter dem Pseudonym Marie-Jo Morell veröffentlicht hat. Die Menschen schwitzen, es schreit der Vogel. Er ist kein Opfer. Lacht er?

Die Lesungsorte sind Teil des von der EU geförderten Projekts "Gärten Europas", an dem seit 2002 mehr als 100 Gärten und Parks allein aus dem Regierungsbezirk Lüneburg sowie aus Regionen in Schweden, Dänemark und Finnland teilnehmen. Ziel des Projekts mit dem verwaltungsschwangeren Namen "Interreg III B" ist, die Vielfalt der vom Menschen gestalteten Natur zu zeigen sowie die touristische Attraktion der jeweiligen Regionen zu fördern.

"Wir haben alle Gärten, die bei dem Projekt mitmachen, angeschrieben", erzählt Bettina Buschow. Die 35-Jährige organisiert für die Hamburger Agentur Konzepthaus die Lesereihe. "Die Reaktionen waren durchweg positiv, zehn Gartenbesitzer haben spontan erklärt mitzumachen." So kam der Krimi unter die Pflanzen. Das Motto für die Veranstaltungen war schnell gefunden und ist so schlicht wie treffend: "Mord im Grünen" nennt sich die Reihe, bei der elf Autorinnen und Autoren lesen, darunter neben der Bella-Block-Erfinderin Doris Gercke weitere Hamburger Krimischreiber wie Carmen Korn, Petra Oelker, Gunter Gerlach, Robert Brack alias Virginia Doyle, Regula Venske und Boris Meyn (Termine im Infokasten). Ein gelungener Spannungsmix - mit regionalem Schwerpunkt.

"Die Auswahl der Autorinnen und Autoren mussten wir schon deshalb auf Norddeutschland begrenzen, weil unser Etat keine großen Reisekosten zugelassen hat", sagt Bettina Buschow, die selbst gern Kriminalromane liest, wenngleich sie, "bislang", wie sie einräumt, die britischen Autoren bevorzugt.

Die Gärten, in denen gelesen wird, repräsentieren kulturelle und botanisch gestalterische Vielfalt - vom Wandererlebniszentrum Ehrhorn in Schneverdingen über die ausgedehnte Parklandschaft in Harsefeld, vom Rose Garden in Bendestorf über den Heilpflanzengarten Celle bis zum Natur- und Erlebnispark in Bremervörde. "Ein Garten ist etwas, woraus man nur hat vertrieben werden können, denn wie sonst hätte man ihn je verlassen", notierte der aus Königsberg stammende Schriftsteller Rudolf Borchardt (1877-1945) einmal.

So will auch diese Krimilesereihe die Menschen wieder in die Gärten führen - und die Besitzer animieren, eigene kulturelle Veranstaltungen in ihren Gärten anzubieten. "Wir haben allen Veranstaltern sozusagen eine Gebrauchsanweisung mitgeliefert, damit sie wissen, wie sie später Lesungen auch allein organisieren können", erzählt Bettina Buschow.

Ein Konzept, das funktionieren könnte, denn es bedient offenbar ein Bedürfnis. Lauschige Idylle und spannende Geschichten - in Zeiten des globalen Dorfes, in denen die Ferne nicht zuletzt durch das Reisen so nah gerückt ist, dass die heimische Nähe nahezu exotisch wird. Immer mehr Menschen suchen den Rückzugsraum Garten. Und wenn ihnen dort die brutale Realität gut dosiert in literarischen Häppchen serviert wird, fördert das den angenehmen Schauder einer glücklicherweise nur fiktiven Bedrohung.

"Wir dachten halt, laue Sommernächte und grausige Kriminalgeschichten sind ein schöner Kontrast", sagt Bettina Buschow und schaut skeptisch in den wolkenverhangenen Himmel über Walsrode.

Doris Gercke schlägt "Beringers Auftrag" zu. Der Schweiß steht ihr auf der Stirn.

Der nächste Mord im Grünen ereignet sich am 3. Juli im Forsthof Heinschenwall in der Ortschaft Hipstedt nahe Bremervörde. Walsrode ist da weit. Der Schrei des Glockenvogels wird dort nicht zu hören sein.

  • Infos im Internet unter www.gaerten-europas.de

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