Fühlen, wie Emil Nolde gelebt hat
Ausflugstipp: Hinaus ins Grüne: Das Abendblatt startet wieder seine Sommer-Serie. Zum Auftakt gehts ins Nolde-Museum nach Seebüll.
Seebüll. Am Himmel ziehen dunkle Ungetüme auf, Sturmböen fauchen übers platte Land, schieben Wolken vor die Sonne. Dieser Himmel scheint endlos weit. Schnurgerade durchschneidet die Straße das Grün der Salzwiesen, rechts und links Gräben. Der Wind drückt das Schilfgras zu Boden, süßer Duft von Holunderblüten und Heckenrosen liegt in der Luft.
Westküste, Nordsee, Nordfriesland - schönes raues Land, wir sind in Emil Noldes Heimat. So viele dramatische Himmel und tosende Meere kennen wir von ihm - grandiose Spektakel in Rot, in Gelb, in Nolde-Blau.
Das Tosen des Windes ist die richtige Einstimmung für einen Besuch im Haus des Malers in Seebüll. Auf einer Warft im Gotteskoog liegt es - Bunker, Burg, Bauhaus - wenige Kilometer von der dänischen Grenze und seinem Geburtsort, dem Dorf Nolde, entfernt. Dort war der Expressionist am 7. 8. 1867 als Bauernjunge Emil Hansen zur Welt gekommen. Jedes Jahr von März bis November wird die Trutzburg Seebüll zum Wallfahrtsort für etwa 80 000 Kunstfreunde. Er selbst hat hier nur die Sommer verbracht, den Winter über hielt er sich in Berlin auf.
Sein Haus hat Emil Nolde 1927 selbst entworfen, es beherbergt seit dem Tod des Malers am 13. April 1956 die "Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde". Dazu gehören ein Fundus von etwa 500 Ölbildern, darunter der neunteilige Zyklus "Das Leben Christi". Nach wechselvoller Geschichte ist er erst nach Noldes Tod in seinem dafür umgebauten Atelier dauerhaft ausgestellt.
In jährlichem Wechsel werden 46 neue Bilder gehängt, außerdem ausgewählte Blätter aus dem Bestand von etwa 1300 "ungemalten" Bildern (während des Malverbots 1941-45 entstanden), ansonsten Radierungen, Holzschnitte, Aquarelle. Eine Sonderausstellung "Meine vielgeliebte Ada" zeigt in diesem Jahr Porträts und Schmuck seiner Frau Ada Vilstrup, der dänischen Sängerin und Schauspielerin. Von 1902 bis zu ihrem Tod 1946 war sie mit Emil Nolde verheiratet.
"Den Riss zum kleinen Haus, soweit wir es damals beginnen konnten, mit seiner dreiseitigen Fassade, mit seinem eigenwilliGrundriss, dem Gang der Sonne folgend, hatte ich selbst gezeichnet", notiert Nolde in seinen Erinnerungen. Er hatte 1926 einen Bauernhof und eine unbebaute Warft samt etlichen Hektar Land erworben. Auf dem in Sichtweite liegenden reetgedeckten Hof Seebüll wohnten Ada und Emil Nolde bis zur Fertigstellung ihres neuen Hauses im Herbst 1930. Heute sind in dem alten Friesenhof aus dem Jahr 1867 sechs Fremdenzimmer eingerichtet.
Noldes Neubau in violett-roten Klinkern besteht aus zwei Teilen: einem großzügigen Atelier gen Norden, das der Maler 1937 um den Bildersaal aufstocken ließ, und dem sechseckigen Wohnhaus mit einem merkwürdig gewölbtem grünen Kupferdach. In Anlehnung an die "Heudiemen" der Bauern, erläutert Andreas Fluck, seit zwölf Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung und zweiter Mann neben Direktor Manfred Reuther.
Die Strenge des Baus setzt sich im Innern fort. Die privaten Räume sind nur durchs Fenster zu beäugen. Das gelbe Wohnzimmer mit dem Bechsteinflügel, Sofa und Sesselgruppe aus den 50er-Jahren, das korallrote Esszimmer mit petrolgrünen Gardinen und das himmelblau und weiß gehaltene Schlafzimmer mit Blick auf den "Fething" (Teich), den Bauerngarten und das Gartenhaus "Klein Seebüll".
"Den Garten", erklärt Fluck, "hat Nolde gleich 1927 angelegt. Wer genau hinsieht, erkennt, dass die Wege ein A + E, für Ada und Emil, ergeben. Im Garten hat er sich Inspiration geholt, Blumen waren seine Leidenschaft." Flammende Blumengärten, knallrote Mohnblüten, gelbe Sonnenblumen vor blau-schwarzem Himmel, Zinnien, Lilien, Rittersporn, erregte Pinselstriche, lodernde Farben, Noldes innere Fantasielandschaften.
Für die zahlreichen dänischen Besucher gibt es heute eine Picknick-Ecke im Schutz der mannshohen Reetwände. Die hatte Nolde im Westen seines Gartens gegen den ewigen Wind aufgestellt. Ganz im Süden, eine hölzerne Brücke führt über einen Graben, liegen Ada und Emil in einem Mausoleum begraben. Ein schlichter Granitsarkophag in einer Art Hünengrab. Nur an Noldes Geburts- und Todestag ist dieser Teil für Besucher geöffnet.
Das trutzige Nolde-Museum mit dem blühenden Garten erlebt der Besucher als Gesamtkunstwerk. Das ist das Magische dieses Ortes, dass man sich einfühlen kann, vergleichen, nachempfinden. So also hat Nolde gelebt, diesen Hof hat er gemalt, unter diesem Himmel gesessen, an diesen Blumen gerochen.
Damit künftige Besucher die ursprüngliche Einsamkeit dieses Orts wieder erleben können, ist Großes geplant. Bereits 2005 sollen der in den 60er-Jahren eng angebaute Verwaltungstrakt für die Stiftung sowie Museumsshop und Cafe abgerissen werden und in gehörigem Abstand neue Gebäude entstehen. Rechtzeitig zu Noldes 50. Todestag im Jahr 2006 sollen ein neues "Nolde Kontor" und das "Nolde Forum" fertig sein. Finanziert von der materiell offenbar nicht schlecht ausgestatteten privaten "Ada und Emil Nolde"-Stiftung. "Wir besitzen das Copyright für alle Werke - bis 2026. Mit dem 70. Todestag, ist dann Schluss", sagt Fluck.




Branchenbuch Hamburg
Trabrennbahn Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



