Theater im Spaziergang erleben
Hamburg. Gut zu Fuß im Redefluss: Fiona Templetons "Du/Die Stadt" bietet ein nicht alltägliches Theater-Abenteuer mitten im Alltag. Der von Judith Wilske minutengenau ausgetüftelte und inszenierte City-Spaziergang - jeweils für einen Besucher und mehrere Schauspieler - führt die Wahrnehmung von sich und "seines" als westentaschenbekannt gespeicherten Umfelds auf unsicheres Glatteis. Beim Flanieren im Wortschwall wechselnder "Fremdenführer" öffnen sich Bewusstsein und Blick - zumindest für die Dauer des Zwei-Stunden-Trips von der Handelskammer durch die Straßen der Innen- und Speicherstadt bis zum Hafen. "Bist du wirklich?" Die Antwort auf die Frage des exkommunizierten Beichtvaters ist das eigene Bild im Spiegel des Choraufgangs von St. Jacobi. Nach drei Begegnungen mit Wildfremden, die in vertraulichem, manchmal aggressivem oder anzüglichem Tonfall auf einen einreden, ist man sich nicht mehr ganz so sicher, was wirklich ist und was nicht. "Willst du einen Quickie?" Die aufhorchenden U-Bahn-Passagiere wissen nicht: Da sind zwei "Spieler" unterwegs. Denn jeder "Klient" bei "Du/Die Stadt" wird unweigerlich zum Mitakteur, ohne Mitspieltheater machen zu müssen. Die Blicke beim Aussteigen sind eindeutig: Der ältere Mann und der junge hübsche Schwarze werden für Kunde und dealenden Stricher gehalten. Die Überraschungen von "Du/Die Stadt" basieren auf Führung und Verführung durch Sprache. Sie ist der eigentliche Hauptdarsteller, der die realen Kulissen der Stadt an den Rand und unvermittelt wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Sie ermöglicht ein permanentes Wechselspiel der Perspektiven, der Reflexion durch die Spiegelung im Gegenüber, dem gedoppelten oder gar verdreifachten Ich-Du, das einen im munter zwitschernden Zwillingspärchen begegnet. Dort kreuzen sich die Bahnen zwei einander unbekannter Klienten. Ein Blick des Erkennens? Beide sind keine Darsteller, obwohl der eine den anderen dafür halten muss. Das Spiel mit Bild- und Wort-Täuschungen bleibt auch in diesem Augen-Blick Trug - siehe Platons Höhlengleichnis: Wirklichkeit ist nur, was wir für wirklich halten. (-itz) Im Stück wird jeder "Klient" zum Mitakteur, ohne Mitspieltheater machen zu müssen.



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