Die neuen Schreibtischtäter
Spannung: Erst Chef, dann Krimiautor: Udo Röbel, früher "Bild"-Chefredakteur, und Wolfgang Schorlau, ehemals Manager in der IT-Branche, schreiben jetzt Polit-Thriller
Hamburg. Fakten mit Fiktion zu paaren ist seit jeher beliebtes erzählerisches Mittel bei Autoren, die Kriminalromane schreiben. Tatsächlich Geschehenes verleiht dem Geschriebenen eine Aura von Authentizität, die Geschichte wirkt glaubhafter. Vor allem im Genre des politischen Kriminalromans gebiert diese Methode lebensnahe Geschichten, die die Realität zeigen, wie sie ist - oder zumindest, wie sie sein könnte.
Zwei Autoren ganz unterschiedlicher Provenienz haben sich nun diesem Genre gewidmet: der Hamburger Udo Röbel, ehemals Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, und der in Stuttgart lebende Wolfgang Schorlau, bis vor wenigen Jahren noch Manager in der IT-Branche. Auch sie reichern ihre Stoffe an: Schorlau seine Fakten mit Fiktion, Röbel eher die Fiktion mit Fakten.
"Man sollte nur über das schreiben, womit man sich auch wirklich auskennt", sagt Röbel (54). Aus seiner Zeit als Chefredakteur heraus habe es nahe gelegen, sich mit dem Werdegang eines Politikers zu beschäftigen. So entwickelt Röbel in "Schattenbrüder" vor dem Hintergrund einer Kanzlerkandidatenkür eine Geschichte um einen offenbar psychopathischen Frauenmörder. An den Tatorten hinterlässt der Mann blutige Botschaften - nur der Kandidat weiß sie letztlich zu entschlüsseln. Wenngleich nicht allein, sondern mit tatkräftiger Hilfe einer astrologisch ambitionierten Psychoanalytikerin - die Lösung des Falles liegt tief in der Jugend des Politikers begründet. So ist denn diese Geschichte, deren Handlungsfäden Röbel überzeugend bündelt, auch ein "Psychokrimi mit politischem Hintergrund", wie der Autor sagt. Zudem erzählt der Roman einiges über den Verlauf politischer Karrieren - etwa von einem, der auszog, um Kanzler zu werden, und das Spiel mit den Medien beherrschte wie kaum ein Zweiter. Allzu viele kommen da nicht in Frage . . .
Die Idee für seinen vielschichtigen Kriminalroman hatte Röbel bereits Anfang 2002. "Da war schließlich Wahljahr, und ich dachte, man könnte zu einem aktuellen Thema schnell einen Thriller schreiben." Schnell geschrieben war die Geschichte dann auch, aber der an das Tagesgeschäft gewöhnte Journalist hatte die Rechnung ohne die bedächtigen Abläufe innerhalb der Buchbranche gemacht. So ist Röbels überwiegend in Hamburg spielender Roman erst in diesen Tagen erschienen. Die Aktualität der gut konstruierten Geschichte ist gleichwohl zeitlos.
Bereits im vergangenen Spätsommer hat Wolfgang Schorlau (52) seinen Politkrimi "Die blaue Liste" veröffentlicht. Tritt der Tod bei Röbel in Gestalt eines Serienkillers auf, gibt er sich bei Schorlau als eiskalter Präzisionsschütze. Und so beginnt alles: Treuhand-Chef Rohwedder wird im April 1991 im Arbeitszimmer seines Düsseldorfer Wohnhauses von einer aus knapp 70 Meter Entfernung abgefeuerten Kugel tödlich getroffen. Die Szene ist der Auftakt für eine furiose Geschichte, in der Schorlau den Rohwedder-Mord mit dem Absturz einer Boeing der "Lauda Air" über Thailand und dem Tod des RAF-Terroristen Wolfgang Grams im Juni 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen verknüpft. Drei Ereignisse, die bislang nicht restlos aufgeklärt worden sind - außer in Schorlaus Fiktion, die die Leerstellen der Realität schlüssig mit Spekulation füllt. Denn Rohwedders vorsichtige Politik des Aufbaus Ost passte vielen Wirtschaftsführern offenbar nicht in den Kram. Sie wollten eine radikale Sanierung, nach Rohwedders Tod erfuhr die Politik der Treuhand eine deutliche Kurskorrektur. Der Rest ist Geschichte . . . Und der Aufbau Ost aktueller denn je.
Röbel wie Schorlau sind weit entfernt von jener Spielart des politischen Kriminalromans, wie sie im Deutschland der 60er- und 70er-Jahre der so genannte Sozio-Krimi à la Hansjörg Martin, Horst Bosetzky (-ky) oder Friedhelm Werremeier repräsentierte: Aufklärung mit erhobenem Zeigefinger. Vor allem Schorlau steht eher in einer Reihe mit zeitgenössischen Autoren wie Ulrich Ritzel, Wolfgang Kaes oder Horst Eckert: Politische Missstände werden beschrieben, Wunden offen gelegt, Folgerungen kann, so er es denn mag, der Leser ziehen.
"Wenn Polizei, Justiz und Politik versagt haben, muss es den Geschichtenerzählern erlaubt sein zu sagen: Es ist nur eine Geschichte, aber vielleicht war es so", sagt Wolfgang Schorlau. Manchmal ist die aus der Realität entwickelte Fiktion halt aufschlussreicher als die dem Blick - beabsichtigt oder zufällig - verstellte Wirklichkeit. Das gilt für Schorlaus Roman wie auch für Röbels. Fakten hin, Fakten her.
Udo Röbel: Schattenbrüder. Ullstein, 384 Seiten, 20 Euro.
Wolfgang Schorlau: Die blaue Liste. Kiepenheuer & Witsch, 351 Seiten, 19,90 Euro.
Die Lesung der Autoren am 15. 4. bei den Lesetagen ist ausverkauft.



Trabrennbahn Hamburg
Branchenbuch Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



