Ihre Ehre konnten sie nicht verbrennen
Ehrenmord: Weil Souad mit 17 schwanger wurde, übergoss sie der Schwager mit Benzin. Die Palästinenserin überlebte - ihr Schicksal ist eine Anklage.
Maike Schiller. Hussein kaut auf einem Grashalm, als er zu seiner jungen Schwägerin in den Hof tritt. Er trägt Arbeitskleidung, eine alte Hose, ein T-Shirt. Er lächelt. "Marhaba", sagt er, "hallo." Und: "Ich will dir helfen." Auch Souad lächelt, wenn auch zögerlicher, dann senkt sie den Blick. Ihre Hände zittern im Spülwasser. Ein Bild, das sich in das Gedächtnis der Frau einprägen wird, ein Bild, das seit 25 Jahren immer wieder zurückkehrt, in Zeitlupe, unauslöschlich, wie in einem Film: zitternde Hände im Spülwasser.
Es ist das letzte Bild, das die damals 17-jährige Souad wahrnimmt, bevor sie etwas Kühles über ihren Kopf fließen spürt. Sekunden später steht sie in Flammen, brennt lichterloh, versucht mit bloßen Händen das Feuer auszuschlagen, schreit, rennt. Sie riecht das flackernde Petroleum, das ihr Schwager ihr über die Haare gegossen hat, riecht den Rauch, das brennende Fleisch, bevor irgendjemand kaltes Wasser über sie ergießt, bevor sie endlich ohnmächtig wird.
Souad - das ist nicht der richtige Name dieser kleinen, drahtigen Frau, die heute lächelnd und offen die Hand zum Gruß ausstreckt. Heute, mehr als 25 Jahre nach der unvorstellbaren Tat, benutzt sie diesen Namen, um ihre eigentliche Identität zu verschleiern. Denn Souad wurde Opfer eines so genannten "Ehrenmordes" - mit einer entscheidenden Einschränkung: Sie hat überlebt. Und sie schweigt nicht. In ihrem Buch "Bei lebendigem Leib", das unter dem Originaltitel "Brûlee vive" wochenlang auf den französischen Bestsellerlisten stand und in diesen Tagen auch in Deutschland erschienen ist, erzählt Souad ihre Lebensgeschichte. Unermüdlich erklärt sie sich in Vorträgen, Interviews und Talkshows einer fassungslosen Öffentlichkeit, sie, die erste Person, von der man weiß, dass sie einen solchen Anschlag überlebt hat.
Nach westlichem Verständnis ist das, was Souad in einem kleinen Dorf im Westjordanland erfahren musste, was auch heute, zu dieser Stunde, während diese Zeilen gelesen werden, unzähligen Frauen und Mädchen in unzähligen Ländern der Welt geschieht, kaum zu begreifen. Weil sie von einem Nachbarn, den sie für ihren Verlobten hielt, zum Geschlechtsverkehr gedrängt und von ihm geschwängert wurde, beschloss ihre Familie, sie zu töten. Souad hatte Schande über den Clan gebracht; um die Ehre der Verwandtschaft wiederherzustellen, musste das Mädchen für immer verschwinden.
Verschwunden ist sie nun tatsächlich. Verschwunden aus dem Leben ihrer Familie, aus ihrem Heimatland, aus ihrer ursprünglichen Existenz. Aber sie ist am Leben - anders als die geschätzten 5000 Mädchen und Frauen, die jedes Jahr weltweit im Namen einer zweifelhaften "Ehre" ermordet werden. Zu verdanken hat Souad ihr Leben Jacqueline, einer Mitarbeiterin der Schweizer Bewegung "Surgir", die sich - als weltweit einzige Hilfsorganisation - nicht nur der Verhinderung dieser Verbrechen verschrieben hat, sondern sich auch ganz konkret um Einzelfälle kümmert. Jacqueline, die ihren Nachnamen aus Sicherheitsgründen verschweigt, hatte das schwer verletzte Mädchen in einem Krankenhaus im Westjordanland entdeckt. Unversorgt, unbehandelt, da sich Ärzte und Schwestern scheuten, sich in "familieninterne Angelegenheiten" einzumischen.
"Die armen Eltern", hieß es stattdessen im Hospital wie auch im Dorf - während Souad mit Verbrennungen dritten Grades vor sich hindämmerte, während ihre eigene Mutter noch im Krankenhaus versuchte, die Tat des Schwagers mit einem Giftcocktail zu vollenden, während die Pflegerinnen sie an den Haaren über die Wanne hängten, weil sie den ekelhaften Geruch verbrannten Fleisches nicht ertrugen. Und während Souad - zu jener Zeit selbst mehr tot als lebendig - eine Frühgeburt zur Welt brachte. Marouan ist heute ein junger Mann von Mitte zwanzig, gemeinsam mit seiner schwer verletzten Mutter hatte Jacqueline ihn damals nach Europa gebracht.
Souad wird ihr Leben lang unter den Folgen der Tat leiden müssen. Ihr gegenüberzutreten ist beklemmend. Das Gesicht, das sie bei öffentlichen Auftritten unter einer weißen Maske verbirgt, das nicht unbedeckt fotografiert werden darf, ist vom Mund abwärts gezeichnet, die Haut weist Brandmale auf, ist dunkel gefleckt und faltig. In den Wochen nach der Tat war das stets demütig gesenkte Kinn an die Brust angewachsen und musste operativ entfernt werden. Kurze Ärmel oder einen Ausschnitt im Sommer wird diese Frau auf Grund ihrer Verbrennungen niemals tragen können.
Warum, wird während des Interviews nur zu deutlich. Als sie sich immer mehr in Rage redet, wütend wird, dabei nachdrücklich bemüht ist, in möglichst klaren Worten ihr Schicksal zu beschreiben, springt Souad plötzlich auf und legt die Strickjacke ab: Darunter kommen vollkommen entstellte Arme zum Vorschein, Geschwülste, die sich wie harte Elefantenhaut vom Ellenbogen über die Schultern wölben. Auch Brust, Rücken und Bauch sind verstümmelt. Die einzige ursprünglich gesunde Haut der Beine wurde zur Lebensrettung auf die betroffenen Körperteile transplantiert. Auf kurze Hosen oder Röcke muss sie seither ebenfalls verzichten - selbst bei heißesten Sommertemperaturen.
Die freilich, und darüber lacht sie heute fast verzweifelt befreit, sind in ihrer neuen Heimat Frankreich ohnehin nicht so selbstverständlich, wie es im Nahen Osten der Fall war. Auch sonst gibt es nichts, was Souad aus ihrem Geburtsland vermissen würde. "Ich habe keine einzige glückliche Erinnerung an meine Kindheit", sagt sie.
Kaum verwunderlich. Mädchen gelten in ihrem Kulturkreis weniger als das Vieh: "Das, so hat es uns unser Vater immer wieder erklärt, kann wenigstens Milch geben oder Eier legen." Sie und ihre Schwestern waren Arbeitssklaven, wurden geschlagen und erniedrigt, mussten angekettet im Stall übernachten, durften den elterlichen Hof nur gesenkten Blickes und in Begleitung eines älteren Verwandten verlassen - oder als Ehefrau eines Unbekannten, was zunächst als Befreiung erscheint, in Wahrheit aber die Fortsetzung der Sklaverei in einem neuen Haushalt bedeutet.
Schon das Gerücht eines Verstoßes gegen die Regeln dieser patriarchischen Gesellschaft reicht aus, um die Mädchen zur "charmuta" zu erklären, zur Hure. Ein lebensgefährlicher Vorwurf. Als eine von Souads Schwestern beim Telefonieren erwischt wurde, erdrosselte der Bruder sie mit dem Telefonkabel.
Moralische Bedenken, Fragen der Nachbarn oder Ermittlungen der Polizei gibt es bei solchen Vorfällen selten. Zwar gelten auch in jenen Kulturkreisen Gesetze, die einen Mord grundsätzlich als strafbar deklarieren. In Jordanien aber zum Beispiel besagt ein zusätzlicher Artikel: "Wird das Verbrechen im Namen der Ehre begangen, soll der Richter Mitleid mit dem Mörder haben." In der Praxis gelten diese Täter als Helden. Sie werden in den meisten Fällen überhaupt nicht belangt.
Religiöse Gründe hat ein "Ehrenmord" im Übrigen nicht. Zwar kommt er gehäuft in islamisch geprägten Bevölkerungsgruppen vor, eine Rechtfertigung findet sich aber weder im Koran noch im Evangelium - und doch sind auch aus christlichen Gesellschaften wie Brasilien oder Ecuador derartige Fälle bekannt.
Seit vier Jahren arbeitet die Schweizer Hilfsorganisation "Surgir" nun bereits unermüdlich gegen das Verüben und Verschleiern solcher Straftaten an. 60 Mädchen haben die acht festen und 20 freien, vor Ort arbeitenden Mitarbeiter retten können. Auf den ersten Blick eine verschwindend geringe Zahl - und dennoch ein unermesslicher Erfolg: 60 weitere Zeugen gegen die weltweite Unmenschlichkeit.
Einen Anspruch auf Asyl haben diese Frauen, die auch nach einer Rettung ständig in Lebensgefahr schweben, nicht. Zwar werden - auch in Deutschland - immer wieder Fälle bekannt, in denen (in einem Fall sogar 20 Jahre nach der eigentlichen Tat) die vereitelten Ehrenmorde vollendet werden. Ein Asylanspruch wird den betroffenen Frauen in Deutschland dennoch nicht zuerkannt, da sie nicht als politisch, sondern als geschlechtsspezifisch Verfolgte gelten. Der Grund ist so simpel wie erschreckend: Würden all jene Frauen, die weltweit vor nicht staatlicher Gewalt fliehen, als Flüchtlinge anerkannt, überträfen sie die Gruppe der politischen Flüchtlinge um ein Vielfaches.
Souad lebt heute mit einem französischen Ehemann, ihrem Sohn Marouan und zwei Töchtern im Teenager-Alter irgendwo in Frankreich. Der Ort sowie ihr voller Name bleiben ein Geheimnis. Bei offiziellen Terminen begleitet sie ein Leibwächter. Empfindet sie Hass gegenüber ihrer Familie, den Wunsch nach Rache? Aber Rache übe sie doch, lächelt Souad und deutet auf das Aufnahmegerät. Jedes Interview, jede Veröffentlichung seien Schritte in die richtige Richtung. "Ich habe", sagt sie und ist sich der Brisanz dieser Formulierung durchaus bewusst, "ich habe mich noch nie so wohl gefühlt in meiner Haut."



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