24.10.12

"Die Stände von Agnès"

Ausgezeichnetes Selbstporträt einer Filmpionierin

Agnès Vardas preisdekorierter Dokumentarfilm "Die Strände von Agnès" erzählt berührend von einer Kinobesessenen.

Foto: ARTE France
Die Str  nde von Agn  s
Regisseurin Agnès Vardas im Kreis ihrer Freunde an ihrem bevorzugten Strand.

Hamburg. Wo andere vorwärts laufen, läuft Agnès Varda am liebsten rückwärts. Am Strand in Belgien hat sie die idyllische Dünenlandschaft mit Spiegeln verstellt und lässt ihre Crew sich darin reflektieren. Sie selbst linst koboldhaft durch die dichte rotbraune Ponyfrisur. Die Rückwärtsbewegung ist Sinnbild der Filmdramaturgie für die heute 84 Jahre alte Regisseurin, Autorin und Kamerafrau. In ihrer unter anderem mit einem César gekrönten Dokumentation "Die Strände von Agnès" reflektiert die Französin zu ihrem 80. Geburtstag Kunst und Leben, Letzteres darf man durchaus bewegt nennen. Als die Dokumentation Ende 2008 in die Kinos kam, sahen sie in 25 Wochen mehr als 200 000 Besucher. Wer sie versäumt hat, kann das heute auf Arte nachholen.

Varda schreibt ihre Autobiografie mit den Mitteln, die sie am besten beherrscht, mit Kamera und Filmrolle. Sie ist häufig im Bild, ergänzt um montierte Fotos und Werkausschnitte. Eitel und selbstgefällig wirkt sie dabei nie. "Die Strände von Agnès" ist eine Reise durch einen assoziativen Tagtraum mit Varda als Fremdenführerin. Eine Selbstvergewisserung in der Erinnerung an Familie, Freunde und Weggefährten, an Lieben und Einflüsse, an Kunst und Malerei - und die Lust am Puzzlespiel.

Der Beginn kommt heiter und verheißungsvoll daher, schildert Kindheitserinnerungen und die Jugend einer forschen, cleveren Künstlerpersönlichkeit. 1928 als Tochter eines Griechen und einer Französin in Brüssel geboren und in der Provence aufgewachsen, begeht sie im Alter von 18 Jahren einen Akt der Autonomie, lässt offiziell ihren Namen von Arlette in Agnès ändern. Nach dem Studium der Kunstgeschichte in Paris dreht sie im Alter von 26 Jahren ihren ersten Spielfilm, "La Pointe-Courte". Zunächst als Fotografin, später als Filmemacherin setzt sich Varda in einer Männerdomäne durch, erlebt eine Phase wichtiger Umbrüche und wird als einzige Frau Teil der legendären Nouvelle Vague um François Truffaut und Jean-Luc Godard. Zu den amüsantesten Szenen zählen jene über ihren Freund und Kollegen Chris Marker, der sich ein wenig spleenig nur maskiert als Katze Guillaume-en-Egypte ablichten lassen wollte.

Sie sei immer gern in guter Gesellschaft gewesen, erzählt Varda aus dem Off. Mal habe sie die Menschen, die sie filmte, verstanden, manchmal auch nicht. Es sind kleine Begebenheiten, Objekte oder Melodien, die bei Varda den Impuls liefern, eine bedeutungsvolle Erinnerung anzustoßen, und die eloquente kleine Dame ins liebenswürdige Parlieren bringen, etwa wenn Schuberts "Unvollendete" sie an ihre Mutter denken lässt. Wie bei einer göttlichen Regie entfaltet sich zwischen ihren Lebensthemen und den Figuren ihrer Filme eine Kongruenz. Krankheit und Tod, Feminismus und Gesellschaftskritik. Sie selbst hat sich als die Königin der Marginalisierten bezeichnet.

Privat hat sie zunächst mit einer Beziehung zum Schauspieler und Regisseur Antoine Bourseiller wenig Glück. Von der gemeinsamen Tochter Rosalie wollte er nichts wissen. Zur zentralen Figur des melancholischeren zweiten Teils wird ihr Ehemann Jacques Demy, ebenfalls Filmregisseur.

1962 heiratet sie ihn, 1972 kommt der gemeinsame Sohn Mathieu Demy auf die Welt, der später Schauspieler werden sollte. Demy wird auch Ersatzvater der Tochter. Sein Ruhm begründet sich bis heute durch "Die Regenschirme von Cherbourg", der 1964 den Grand Prix bei den Filmfestspielen von Cannes gewinnt und Catherine Deneuve zum internationalen Durchbruch verhilft. In der Dokumentation enthüllt Varda die für sie schmerzliche Erkenntnis der Homosexualität ihres Mannes. Doch das Künstlerpaar hält zusammen. Bis zum Aids-Tod Demys 1990.

Ihre gesellschaftliche Wachheit fördert auch das politische Engagement der Künstlerin, das von der Doku "Black Panthers" bis zu "Fern von Vietnam" reicht. Linke Überzeugungen geht bei ihr einher mit einer feministischen Emanzipation. "Die Strände von Agnès" ist das berührende Dokument einer aufgeweckten Filmpionierin, deren Gespür für die Magie des Lebens und Hang zum Clownesken es ihr sogar ermöglichte, über das Altern zu lachen.

"Agnès Varda: Die Strände von Agnès" 24. Oktober, 20.15, Arte

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