20.10.12

Schauspieler

Roland Renner: Glückskind des Theaters

Publikumsliebling Roland Renner spielt in "Match" an den Kammerspielen, spricht über seine Rolle und die langen Hamburger Bühnenjahre.

Foto: Esther Haase
Von seiner "Jugendsünde" eingeholt: Tobi (Roland Renner, r.) trifft unerwartet auf seinen Sohn und dessen Frau
Von seiner "Jugendsünde" eingeholt: Tobi (Roland Renner, r.) trifft unerwartet auf seinen Sohn und dessen Frau

Hamburg. Roland Renner lebt zwar in Berlin, ist aber sozusagen Dauergast in Hamburg. "Eine meiner Lieblingsstädte", sagt der 61-jährige Schauspieler und beginnt, in Erinnerungen zu schwelgen. "1989 war Dostojewskis 'Idiot' am Schauspielhaus meine erste große Rolle", erzählt er. "Das war mein Durchbruch. Damals haben die Hamburger mich ins Herz geschlossen und bis jetzt nicht mehr losgelassen." Zuletzt gastierte Renner an den Kammerspielen in der Komödie "Vier Männer im Nebel" und spielt jetzt den alternden Choreografen Tobi in Harald Clemens deutschsprachiger Erstaufführung von Stephen Belbers "Match".

Für Kunst und Karriere verzichtete der bisexuelle Tänzer Tobi auf seinen Sohn. Mike (Josef Heynert) und dessen Frau Lisa (Isabell Fischer) konfrontieren nach 40 Jahren den "Rabenvater" unerwartet mit seiner Jugendsünde und der Vergangenheit. Roland Renner kann Tobi verstehen. "Er war damals 19 Jahre alt und wollte seine Chance, beim Ballet Nacional de Cuba durchzustarten, nicht verspielen." Renner sieht das Vater-Sohn-Duell nicht nur als Abrechnung, es bedeute auch eine Erlösung: "Die beiden haben etwas in sich vergraben und vergessen, dass sie es vergraben haben. Tobi wird nun gezwungen, sich damit zu befassen und zu erkennen, dass seine damalige Entscheidung auch eine nicht umkehrbare Entscheidung gegen sein Kind und die Familie war. Doch ich sehe noch eine Chance für die beiden, auch wenn sich der Bulle und Macho Mike seinen ihm unbekannten Vater ganz anders gewünscht hat."

Für Renner stellte sich die Kinderfrage nicht. "Ich liebe einen Mann. Und zwei Männer bekommen nun einmal keine Kinder. Das ist der Preis." Die Entscheidung für etwas, sei - so banal das auch klinge - immer eine Entscheidung gegen etwas. Doch Renner ertappte sich schon mal dabei, auf seinen jüngeren Partner väterlich zu reagieren. "Ich habe ihn in der Garderobe ermahnt, seine Hosen doch nicht einfach hinzuschmeißen, sondern ordentlich aufzuhängen. Und dachte dann erschrocken: Was machst du denn da? Na ja, Josef könnte mein Sohn sein."

Richtig in Fahrt kommt Renner beim Garderobengespräch, da redet er über die Arbeit mit Kollegen oder Regisseuren. "Ich bin ein Schauspieler, der das Gegenüber braucht."

Renner sieht sich nicht als Einzelkämpfer, sondern als Ensemblespieler. "Es geht nicht um das Ego, sondern um Respekt und gegenseitiges Verständnis in der Gemeinschaftsarbeit, die Theater nun einmal ist." Es sei eine Freude, mit Regisseuren zu arbeiten, die der Fantasie freien Lauf ließen, weder Angst noch Druck erzeugten und es ermöglichten, völlig losgelöst zu spielen, ohne an sich oder die Zuschauer zu denken. So ein "Schutzengel" sei Wilfried Minks bei "Idiot" oder "Tod und Teufel" gewesen. Oder ist es jetzt Harald Clemen. Renner hat auch keine Probleme mit als cholerisch oder schwierig verschrieenen Regieberserkern wie Dieter Wedel oder Hans Kresnik. Wedel begegnete er bei den Wormser Festspielen für "Die Nibelungen". Mit Kresnik begann bei "Gründgens" am Schauspielhaus eine enge, lange Arbeitsbeziehung. Sie setzte sich fort im Pasolini-Stück "Das Testament des Körpers", bei "Woyzeck" und "Antigone" in Hannover bis zur Titelrolle in "Fürst Pücklers Utopia", 2010 am Staatstheater Cottbus. "Uns verbindet etwas über den Beruf hinaus: die Neugier, die Lust am Ausprobieren und Grenzenausreizen bis zur Erschöpfung. Wenn er es wollte, würde ich ihm nachreisen, um in Pusemuckel Pirouetten zu drehen."

Wen wundert es noch, dass Renner als adeliger Party-Löwe seinen großen Pückler-Monolog mit einem Kapuzineräffchen auf der Schulter spielte. Bedenken, das possierliche Tierchen stehle ihm die Show, fegte der Choreograf hinweg. "Du musst mit ihm einen Dialog führen." Wieder Renners vorurteilsfreies Eingehen auf sein Gegenüber.

"Ich bin ein Glückskind des Theaters", sagt er. Es habe sich (fast) immer alles zum Guten gefügt, was natürlich künstlerisches Scheitern keineswegs ausschließe. "Das gehört mal zum Beruf. Aber es haben sich - wie jetzt auch - mir immer Chancen geboten, zur richtigen Zeit, mit den richtigen Kollegen, die richtigen Rollen am richtigen Theater und Ort zu spielen." So freut es ihn, nach 35 Jahren wieder mit Harald Clemen zu arbeiten. "Er hat mich damals von der Schauspielschule für seine Inszenierung von Fleißers 'Pioniere in Ingolstadt' geholt. Mit ihm habe ich wie im Traum sicher die ersten Schritte auf die professionelle Bühne gewagt."

Noch so eine positive Erinnerung und angstfreie Erfahrung, die Renner auf seinen Weg wies und in der Kunst stärkte, auf dünnem Eis einer Figur zu einer oftmals sogar schamlos offenherzigen, doch niemals peinlich wirkenden Wahrhaftigkeit zu verhelfen. Das gelingt dem Schauspieler wohl nur deshalb, weil er nie daran gedacht hat, sich persönlich zu verstellen.

"Match" Deutschsprachige Erstaufführung, So 21.10., 19.00, Kammerspiele, Karten unter T. 0800/413 34 40; www.hamburger-kammerspiele.de

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