Die Welt des billigen Glücks
"Die rote Katze" Robert Brack hat den ersten Teil seiner Krimi-Trilogie über das einstige Leben auf St. Pauli geschrieben
Hamburg. Der Mann, der sich Virginia Doyle nennt, lächelt. Es ist noch früh am Tag, und der Mann zeigt seine Wunde. Eine Verletzung am Zeigefinger, eine kleine Schnittwunde, umhüllt von einem bunten Kinderpflaster seiner Tochter. Wenn der Mann sich an seinen Computer setzt und zu schreiben beginnt, geht es auch um Wunden, wenngleich um größere. Dann lächelt er nicht mehr.
Der Mann heißt im wirklichen Leben Robert Brack lebt seit rund 20 Jahren in Ottensen und schreibt Kriminalromane. Unter dem Pseudonym Virginia Doyle - eine Idee seines damaligen Lektors - sind sieben historische Kriminalromane mit dem Meisterkoch und Amateurdetektiv Jacques Pistoux erschienen, zuletzt "Das Totenschiff von Altona".
Als Virginia Doyle, aber ohne den heldenhaften Koch, hat sich Brack jetzt erneut einem historischen Stoff kriminalistisch gewidmet, einer Trilogie über das einstige Leben rund um die so genannte sündige Meile. "Ich habe mich gewundert", erzählt Brack, "dass noch niemand einen historischen St.-Pauli-Roman geschrieben hat, obwohl St. Pauli, die Reeperbahn und der Hafen ja Hamburg in der Welt berühmt gemacht haben." Das Wundern hat ein Ende, am 18. März steht der erste Band, "Die rote Katze", in den Buchhandlungen.
Die Katze stirbt einen qualvollen Tod, eine Revuetänzerin ist sie, gewandet in ein Kostüm in Rot. Die Farbe der Liebe. Erdrosselt mit einem Drahtseil. Das ist der Prolog des ersten Bandes, den Brack zwischen 1895 und 1903 angesiedelt hat. Mit gutem Grund, denn im Laufe des 19. Jahrhunderts hat sich St. Pauli als Vergnügungsviertel immer weiterentwickelt, hin auch zu einem Hauch von Mondänität. "Vor allem um die Jahrhundertwende boomte der Stadtteil richtig, in jener Zeit sind die ganz großen Etablissements entstanden."
In jenen Mikrokosmos des Amüsements, des billigen Glücks und der verlorenen Träume, des großen Glamours und der kleinen Sehnsüchte entführt Brack mit atmosphärischen Schilderungen, die den Geist jener Zeit atmen. "Man muss diese Welt erst einmal wieder auferstehen lassen, so dass die Leser sich vorstellen können, wie es damals auf St. Pauli gewesen ist. Denn heute ist nichts mehr so, wie es einst war." Die Vergangenheit wird restauriert. Die Quellen, die das ermöglichten, fand Brack auch auf der Davidwache, vor allem aber in Antiquariaten und in der Staatsbibliothek - wie den Stadtteilführer "St. Pauli wie es leibt und lebt", 1891 von einem gewissen Johannes Meyer verfasst, "St. Pauli: Davidwache", ein Buch, in dem der einstige Revierleiter Wilhelm Ramming 1937 seine Erinnerungen an die 20er-Jahre niederschrieb, oder auch die Dokumentation polizeilicher Dienstvorschriften von 1903.
Diese Vorschriften gelten auch für Heinrich Hansen, Bracks Held, als er nach Jahren auf See in seine Heimat zurückkehrt, um sich dem Polizeikorps anzuschließen. Heinrich Hansen? "Na ja", sagt Brack und lacht, "HH wie Hansestadt Hamburg. Heinrich Hansen ist halt eine Art Parade-Hamburger." Ein Hamburger mit dunklem Geheimnis, dessen Familie 1895 bei einem Brand ums Leben kam, die Umstände, die zu dem Feuer führten, konnten nie geklärt werden. Auch deshalb kehrt der verlorene Sohn nach Jahren bei der Marine zurück in sein Viertel, wird Polizist auf der Davidwache.
Als Schutzmannanwärter bekommt er es gleich mit dem Mord an der Revuetänzerin zu tun. Gegenwart und Vergangenheit bilden in dem Fall ein unheilvolles Gebräu, denn auch die schöne Lilo, Heinrichs Jugendliebe, tanzt im Reigen der Katzen, und der hinterhältige Friedrich, sein alter Rivale, spielt ein undurchsichtiges Spiel. Und als der wackere Heinrich erfährt, wer so alles den Verführungskünsten der schönen Toten erlegen war, lernt er die Welt mit anderen Augen zu sehen. Der schöne Schein der Glitzerwelt ist demaskiert, dahinter zeigen sich Schmutz, schnöde Begierde und Geltungsdrang. Auch das ist St. Pauli. Schon damals.
Mit seiner Geschichte liegt Robert Brack im Trend. Historische Romane, vor allem auch im Genre des Kriminalromans, boomen. In Hamburg sind es vor allem Petra Oelker und Boris Meyn, deren Geschichten, gespeist aus der hanseatischen Historie, sich gut verkaufen. Brack überrascht das nicht. "Hamburg ist eine sehr flüchtige Stadt, die sich sehr schnell verändert. Diejenigen, die über das Hamburger Stadtbild bestimmen, sind nicht besonders sentimental gestimmt, weshalb immer wieder Historisches aus diesem Stadtbild verschwindet, auch wenn es nur ein Detail ist. Die Architektur bietet immer weniger Zeichen, anhand derer die Menschen sich erinnern können." Das Bild der Stadt verweigert sich seiner Geschichte, die geliftete Architektur will das Alter vergessen machen.
Bleiben also außer Fotos nur historische Romane, um die Vergangenheit in einer spannenden Geschichte wieder lebendig werden zu lassen. "Ich versuche", sagt Brack, "in meinem Roman auch St. Pauli zu retten, jedenfalls ein Teil von dem, was zwar war, aber nicht mehr da ist." Er hat sich das Viertel genau angesehen und mit historischen Bildern verglichen. "Was St. Pauli einst ausgemacht hat, kann man heute nicht mal erahnen. Wer historische Romane schreibt, betreibt eine Art Rettung." Der Retter von St. Pauli. Jenseits des Kiezclubs, ohne T-Shirt.
Spielt der zweite Teil der Trilogie, der 2005 erscheint, in den 20er-Jahren, so endet sie im Jahre 1943 in der Hamburger Bombennacht, als das Viertel schon längst unter Beobachtung der Nazis stand. Wie entwickeln sich die Figuren? Wird aus Friedrich, dem klassischen Schurken, ein Nazi? "Mal schauen", sagt der Mann, der sich Virginia Doyle nennt. Dann lächelt er wieder. Undurchdringlich fast. Das mit der Wunde wird schon wieder.
Virginia Doyle: Die rote Katze. Heyne, 416 S., 20 Euro. Der Autor liest am 18. 3., 20.30 Uhr, im Thalia-Buchhaus, Gr. Bleichen 19. Eintritt 6 Euro. Das Buch gibts in den Abendblatt-Geschäftsstellen Rathausmarkt 10 und Ahrensburg (Hagener Allee 3 A) oder zu bestellen unter Tel. 040/3472-65 66 bzw. E-Mail: Buecher@abendblatt.de



Branchenbuch Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages




