14.09.12

Schauspielhaus

Ein Bankerdrama frei nach Shakespeare

"Ein Pfund Fleisch" von Albert Ostermaier wird heute im Schauspielhaus uraufgeführt - nach mit Plot und Personal des britischen Dramatikers.

Foto: M. Lengemann
Bankerdrama nach Shakespeare
Bankerdrama nach Shakespeare

Schauspielhaus. Wer Shakespeare verbessern könne, solle das ruhig tun, sagte einmal Bertolt Brecht. Der Münchner Autor Albert Ostermaier hat zwar nicht vor, Shakespeare zu verbessern, als Materialfundus hat er ihn dennoch benutzt, um eine eigene Geschichte zu erzählen. Dem Besucher der Uraufführung von "Ein Pfund Fleisch", die heute auf dem Spielfeld des Schauspielhauses über die Bühne geht, dürften Plot und Personal verdächtig bekannt vorkommen. Nur dass Antonio hier ein Banker ist und sein in die unerreichbar reiche Portia verliebter Freund Bassanio ein Investmentbanker.

Deutlich ist die Komödie "Der Kaufmann von Venedig" zu erkennen. Jenes Stück um den reichen jüdischen Wucherer Shylock, der Antonio Geld leiht, damit der seinem Freund beim Liebeswerben auf die Sprünge helfen kann. Shylock verzichtet auf Zinsen, sichert sich aber bei nicht fristgerechter Rückerstattung das Recht auf "Ein Pfund Fleisch" aus dem Körper Antonios. Er wird untergehen, weil er auf diesem unmenschlichen Recht beharrt.

Albert Ostermaier, Jahrgang 1967, gilt als einer der anerkanntesten Dramatiker, Romanautoren und Lyriker der Republik. Er war langjähriger Dramaturg bei Andrea Breth und Kurator diverser literarischer Festivals, ist geehrt mit zahlreichen Auszeichnungen, darunter der "Welt"-Literaturpreis. Schon lange spürt er einer Faszination Shakespeares nach. Wissend, dass er sich angreifbar macht, wenn er den Shakespeare-Plot in die obszöne, weltweit blamierte, aber noch immer mächtige Welt der Finanzzocker verlegt. Aber das Prinzip, Figuren fortzuschreiben, ein literarisches Gespräch weiterzuführen, findet er bei Shakespeare selbst und in dessen Zeit angelegt.

"Das ist ja ein unglaublich verstörendes Stück, das einen mit Zweifeln, Aggressionen und Wut zurücklässt", sagt Albert Ostermaier, in München sitzend, durchs Telefon. "Ich beschreibe die Gegenwart einer Gesellschaft, die sich selbst verkauft, durch und durch korrumpiert ist und alle Werte ad absurdum führt." Zum Subtext des Stücks gehört, dass die Figur des Shylock bis heute als Role Model für das Bild des brutalen, raffgierigen Juden herhalten muss. "Mir war es wichtig, einen anderen Shylock zu zeichnen, von dem man weiß, in welchem Kontext er so werden musste", sagt Ostermaier.

Auch die Figur des Antonio hat er vollkommen umgedeutet. Der Christ Antonio hält vorgeblich Werte des Kaufmanns hoch, ohne jedoch die Kette von Gier und Ausbeutung zu Ende zu denken. "In diesem Kontext kann es keinen Sympathieträger geben."

Auch die Liebe zwischen Portia und Bassanio ist nur noch Produkt. Symptom emotionaler Taubheit. Portia verkleidet sich als Mann, weil sie nur so in einer Männerwelt bestehen kann. In der drastischen Schilderung der Lage, die für ihn eine in Entropie begriffene Gesellschaft beschreibt, die sich zudem einer unglaublichen Verdummungsmaschinerie bediene, hält es Ostermaier mit Heiner Müller. "Man muss die Katastrophe beschleunigen, damit etwas Neues entstehen kann." Die bei Shakespeare das Geschehen auflösende Utopie schmeckt für Ostermaier schal. In "Ein Pfund Fleisch" liegt sie außerhalb, in der Jugend. Bei Phänomenen des Widerstands wie der Occupy-Bewegung.

Die Männerwelt wird Regisseur Dominique Schnizer, wie von Ostermaier angelegt, als Duell in einem Boxring zeigen. Hauptdarsteller Dominique Horwitz hat der Autor die Rolle des Antonio auf den Leib geschrieben. Seit einer Begegnung anlässlich der Verleihung des Brecht-Preises an Ostermaier 2010 sind beide befreundet.

Mit guten Ratschlägen hält sich der Autor beim Regisseur nicht zurück. Natürlich im Bewusstsein, dass er sich in das System des Regisseurs hineindenken muss, um dann mit einem dramaturgisch geschulten Auge wahrzunehmen, was nicht funktioniert.

Jenseits aller Moden ist Albert Ostermaier ein Autor im klassischen Sinne. Einer, den existenzielle Dinge umtreiben. Der Sprache riskieren und sich nicht auf eine pseudocoole Reduktion zurückziehen will. Auch wenn ihm Kritiker anlässlich seines zweiten Romans "Schwarze Sonne scheine" einen übermäßigen Einsatz von Metaphern und Pathos vorwarfen. "Der Roman war aus der Perspektive eines 21 Jahre alten angehenden Autors verfasst, der um sein Leben schreibt. Da war klar, dass ich ohne Rücksicht dahin gehen musste, wo man sich lächerlich macht. Hier schreibt einer mit allen Metaphern gegen den Tod an", sagt Ostermaier. "Mich interessiert Erkenntnisgewinn über Sprache als Wahrheitsmoment. Sie ermöglicht einen Perspektivwechsel, um etwas Neues über Figuren zu erfahren."

Neues vom Kaufmann wird dieser Abend sicherlich erzählen.

"Ein Pfund Fleisch" Uraufführung heute, 20.00, Schauspielhaus (U/S Hbf.), Kirchenallee 39, Karten zu 10,50 bis 42,50 unter T. 24 87 13 und unter www.schauspielhaus.de

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