08.09.12

Kinderbücher

"Lebendige Schatten" - Jäger in der Spiegelwelt

Cornelia Funke lässt den zweiten Band der Fantasy-Romane "Reckless- Lebendige Schatten" in atemberaubenden Showdown münden.

Foto: Bertold Fabricius/Pressebild.de/Bertold Fabricius
Cornlia Funke, autorin, tintenherz
Auf alten Pfaden: Cornelia Funke, hier vor der Buchhandlung Heymann in Eppendorf, hat lange Jahre in Hamburg gelebt

Hamburg. Europas Grenzen sind verrutscht, die Länder tragen antiquierte Namen: "Austrien" steht da statt Österreich, "Albion" statt England - oder "Goylreich". Vertraut und doch merkwürdig fremd ist die Landkarte, die Cornelia Funke ihrem neuen Roman "Reckless - Lebendige Schatten" vorangestellt hat. Es ist die Karte der "Spiegelwelt", und die basiert auf dem realen 19. Jahrhundert. "Ich finde es sehr interessant, hinter dem Spiegel zu beobachten, wie die Welt, in der wir leben, aus dem Ei geschlüpft ist", sagt Funke am Erscheinungstag, umgeben von eingeschweißten Exemplaren und Flyern: eine Autorin, eins mit sich und der perfekt auf sie eingestellten Marketingmaschinerie. "Das 19. Jahrhundert war eine Zeitenwende. Diesen radikalen Fortschrittsglauben kann sich heute keiner mehr vorstellen!"

Funkes Märchenwelt hat nichts Beschaulich-Verklärendes. In ihr rattern Züge und ramponieren Menschen die Umwelt im großen Stil. Der zweite Teil des Romanzyklus geht über den deutschsprachigen Kulturkreis hinaus. So begegnen dem Leser nicht nur grimmsche Däumlinge und Wassermänner, sondern auch Figuren wie die, die Ende des 17. Jahrhunderts der Franzose Charles Perrault aus volkstümlichen Legenden herausdestilliert hat: der Blaubart.

Bei Funke ist der blutrünstige Adlige kein Unikat, sondern Vertreter einer Gattung. Diese Ausweitung ist kein Zufall. Denn die Autorin nimmt die Märchengestalten, die wundersamen Gegenstände und Zauberkniffe nicht einfach als Blaupause, sondern sie formt sie zu einer Fantasiewelt, die die Härte und die Düsternis der Vorlagen beim Wort nimmt, aber ganz eigenen Regeln folgt.

Auch wer Band eins nicht gelesen hat, bekommt es elegant serviert: Jacob Reckless hat einst den Weg durch einen Spiegel in der Familienwohnung vom heutigen New York in die Spiegelwelt gefunden und kann sich deren Magie noch weniger entziehen als die Leser - 300 000-mal hat sich der erste Band bisher bereits verkauft. An seinem Ende hat der Abenteurer Jacob seinen Bruder vor den Goyl, den menschenähnlichen Wesen mit dem steinernen Fleisch, gerettet und dafür das eigene Leben aufs Spiel gesetzt. Die Bisse der Motte auf Jacobs Brust bilden den unerbittlich pochenden Rhythmus von "Lebendige Schatten": Bei sechs Bissen wird Jacob tot sein. Für ihn beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit - und gegen den Goyl Nerron.

Der ist in der streng hierarchischen Gesellschaft der Goyl als Mischling von Onyx und Malachit fast ein Unberührbarer. Entsprechend maßlos ist sein Ehrgeiz, sich bei den Menschen durch Leistung Ansehen zu verschaffen. Er könnte dem König von Lothringen zu militärischer Überlegenheit über die Goyl verhelfen, die inzwischen weite Teile Europas beherrschen, wenn er die magische Armbrust fände - und nebenbei Jacob Reckless ausstechen, der ihn als Schatzsucher längst an Ruhm überflügelt hat.

+++ Cornelia Funke schreibt "Reckless"-Reihe weiter +++

Nun ist Jacob ausgerechnet auf der Suche nach genau dieser Armbrust. Sie könnte ihm nämlich das Leben retten. Natürlich gerät er auf seinem Weg kreuz und quer durch das verfremdete alte Europa wieder in die haarsträubendsten Situationen. Einmal befreit ihn kein Geringerer als der mörderische Blaubart - oft genug aber entkommt er nur dank seiner ihn kongenial ergänzenden Gefährtin, der Gestaltwandlerin Fuchs, die ihn durch alle Widrigkeiten und trotz seines stacheligen Charakters unverbrüchlich liebt.

Für Fantasy-Fans bietet das Buch jede Menge praller Szenen. Ganze Kirchen bestehen aus menschlichen Knochen, Täuschbeutel und goldene Haare tun ihre Dienste. Wer nüchterner liest, vernimmt gelegentlich ein leises stilistisches Klippklapp, wenn wieder die bedeutungsschweren drei Pünktchen auftauchen oder Einschübe im Plusquamperfekt den Sprachfluss hemmen. Auch dass Fuchs Angst um Jacob hat, seit sie um die Mottenbisse weiß, bräuchte nicht andauernd betont zu werden.

Doch wie raffiniert Funke ihre Handlungsstränge verschlingt und sie zum Schluss zu einem atemberaubenden Showdown zusammenführt, das ist einfach gut komponiert. Ihr Text transportiert Botschaften, ohne den moralischen oder pädagogischen Zeigefinger zu heben. So öffnet sich der ehedem überzeugte Einzelgänger Jacob allmählich der Erkenntnis, dass er ohne Fuchs verloren wäre. Der Suche nach der Armbrust hat Funke eine Gewissensfrage von höchster Aktualität eingeschrieben: Darf man zu einem guten Zweck etwas finden helfen, das in den falschen Händen zur Massenvernichtungswaffe werden kann? Und der aus Minderwertigkeitsgefühlen geborene, an Rassismus grenzende Ekel, den die Menschen den Goyl entgegenbringen, erinnert an Unterdrückungsmechanismen, die bis heute in vielen Ländern am Werk sind. "Ich habe Sympathien für die Goyl", sagt Funke. "Sie wurden jahrelang gejagt, und jetzt haben sie sich gegen die Jäger gewandt."

Fast nebenbei flicht sie ein zentrales Motiv der europäischen Mythologie ein: Jacob nimmt Hilfe an von einem, der von Anfang an im Hintergrund die Fäden zieht, ohne seine Gründe offenzulegen. Wer ist der geheimnisvolle Geschäftspartner? Hat er insgeheim einen Pferdefuß? Und welchen Preis wird er festsetzen? Das bleibt offen. Da hilft nur Geduld. Band drei ist in Arbeit, genauer: auf Seite 150. Sagt die Autorin, präzise wie stets.

Cornelia Funke: Lebendige Schatten. Dressler Verlag, 416 S., 19,95 Euro.

Lesung am 21.11., 18 Uhr, Kampnagel, Jarrestr. 20, Eintritt 8,-; www.funke-reckless.de

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