07.09.12

Filmfestival Venedig

Große Auswahl: Die Favoriten für den Goldenen Löwen

Macht das Sekten-Drama "The Master" das Rennen? Oder doch eines der anderen Werke? Es gibt gleich mehrere Anwärter auf den Goldenen Löwen.

Foto: dpa
Die heiß begehrte Trophäe, auf die alle Wettbewerbsteilnehmer in Venedig hoffen.
Die heiß begehrte Trophäe, auf die alle Wettbewerbsteilnehmer in Venedig hoffen.

Venedig. Sie streiten und betrügen sich. Sie kämpfen um Anerkennung und ihren eigenen Weg zum Glück: Beim Internationalen Filmfestival Venedig waren in den vergangenen eineinhalb Wochen viele Werke über Menschen in Krisensituationen zu sehen. Das war teilweise sehr düster, gleichzeitig überzeugten die meisten der 18 Wettbewerbsbeiträge aber auch mit ihrer Intensität. Da überrascht es dann auch nicht, dass völlig offen ist, welcher Film an diesem Samstagabend den Hauptpreis gewinnt. Im Rennen um den Goldenen Löwen gibt es gleich mehrere hoch gehandelte Favoriten. Auch für Werke mit deutscher Beteiligung könnte es Auszeichnungen geben.

Während Brian De Palmas deutsche Koproduktion "Passion" am letzten Wettbewerbstag als schmerzhaft groteske Rachegeschichte enttäuschte, steht das Sekten-Drama "The Master" von Paul Thomas Anderson in der Gunst der Kritiker weit oben. Immerhin feiert es mit seiner opulenten Optik und seiner detailreichen Ausstattung die große Leinwand und das Kino. Die Hauptfigur des Sektenführers basiert laut Anderson in Teilen auf Ron Hubbard, auf dessen Theorien Scientology zurückgeht - das wird sicher für so manch hitzige Diskussion sorgen. Der US-Regisseur nimmt die Ideen seines Sektenführers zwar nicht explizit auseinander, zeigt aber doch auf spannende Weise, wie anfällig die Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg für scheinbar sinnstiftende Ideen und starke Führungspersönlichkeiten waren.

Auch der Franzose Olivier Assayas stellte eine Epoche aus der Vergangenheit ins Zentrum und porträtierte in "Après Mai" eine rebellische Jugend in den 1970er Jahren. In seinem Gesellschaftsporträt beobachtet Assayas genau und ohne verklärende Klischees, wie junge politische Idealisten vom Leben eingeholt werden und einst heftig vertretene Ideen in den Hintergrund treten.

Ganz anders, aber dennoch preiswürdig, sind zwei Filme aus Asien: "Thy Womb" des Philippinen Brillante Mendoza berührte als tief-trauriges Liebesdrama, während "Pieta" des südkoreanischen Filmemachers Kim Ki-duk seine Geschichte um einen brutalen Geldeintreiber mit Kritik an der Jagd auf immer mehr Geld und den damit verbundenen Fragen um Moral und Macht verband.

Ein weiteres Werk, das in Erinnerung blieb, ist der russische Wettbewerbsbeitrag "Betrayal" – auch wegen seiner herausragenden Hauptdarstellerin, der Deutschen Franziska Petri. Die verkörperte die betrogene Ehefrau mit einer solchen Intensität, dass sie gute Chancen auf die Auszeichnung als beste Schauspielerin hat. Ähnlich wie die Österreicherin Maria Hofstätter in der deutschen Koproduktion "Paradies: Glaube". Sie liefert sich als überzeugte Katholikin einen privaten Kleinkrieg mit ihrem muslimischen Ehemann, drastisch inszeniert und einprägsam.

Bei den Männern ist die Sache klarer und komplizierter zugleich. Denn dass sich Joaquin Phoenix als zwielichtiger Vertrauter des Sekten-Führers in "The Master" einen Preis verdient hat, darin sind sich viele einig. Doch der Film, der den Goldenen Löwen gewinnt, darf nach den Festivalregeln keinen weiteren Hauptpreis gewinnen. Sollte sich die Jury also für Phoenix entscheiden, fiele "The Master" aus der Goldener-Löwe-Konkurrenz raus.

Möglicherweise zeichnet die Jury aber einen ganz anderen Film aus. Immerhin gäbe es noch eine schwierige Vater-Sohn-Geschichte des US-Regie-Hoffnungsträgers Ramin Bahrani, mit "Fill the Void" eine Studie aus dem jüdisch-orthodoxen Milieu und das Sterbehilfedrama "Bella Addormentata" der italienischen Regielegende Marco Bellocchio. Die Auswahl ist in diesem Jahr eben groß. Keine einfache, aber auch eine beneidenswerte Situation für die Jury. (dpa)

Die Filme im Wettbewerb um den Goldenen Löwen von Venedig
Die waren die Filme im Wettbewerb um den Goldenen Löwen von Venedig
"At Any Price" von Ramin Bahrani (USA, Großbritanien)
"Bella Addormentata" von Marco Bellocchio (Italien, Frankreich)
"La cinquième saison" von Peter Brosens und Jessica Woodworth (Belgien, Niederlande, Frankreich)
"Lemale Et Ha'Chalal (Fill the Void)" von Rama Burshtein (Israel)
"È stato il figlio" von Daniele Ciprì (Italien, Frankreich)
"Un giorno speciale" von Francesca Comencini (Italien)
"Passion" von Brian De Palma (Frankreich, Deutschland)
"Superstar" von Xavier Giannoli (Frankreich, Belgien)
"Pieta" von Kim Ki-duk (Südkorea)
"Outrage Beyond" von Takeshi Kitano (Japan)
"Spring Breakers" von Harmony Korine (USA)
"To the Wonder" von Terrence Malick (USA)
"Sinapupunan (Thy Womb)" von Brillante Mendoza (Philipinen)
"Linhas de Wellington" von Valeria Sarmiento (Portugal, Frankreich)
"Paradies: Glaube" von Ulrich Seidl (Österreich, Frankreich, Deutschland)
"Izmena (Betrayal)" von Kirill Serebrennikov (Russland)
"The Master" von Paul Thomas Anderson (USA)
"Après Mai (Something in the Air)" von Olivier Assayas (Frankreich)
Die Siegerfilme der vergangenen Jahre
2011: "Faust" von Aleksander Sokurow (Russland). Das auf Deutsch gedrehte Werk basiert auf dem gleichnamigen Drama von Johann Wolfgang von Goethe, ist allerdings eine sehr freie Adaption.
2010: "Somewhere" von Sofia Coppola (USA). Der Film erzählt von einem Hollywoodstar, der auf seine elfjährige Tochter aufpassen muss. Durch sie erkennt er, wie leer sein Leben ist.
2009: "Libanon" von Samuel Maoz (Israel). Der Regisseur verarbeitet seine Erfahrungen als junger Soldat im ersten Libanon-Krieg 1982. Der Film zeigt den Krieg aus der Sicht von vier unerfahrenen Soldaten, die in ihrem Panzer festsitzen.
2008: "The Wrestler" von Darren Aronofsky (USA). Die Erzählung beleuchtet den Comeback-Versuch eines abgehalfterten Schaukämpfers.
2007: "Gefahr und Begierde" von Ang Lee (Taiwan/USA). Die Geschichte ist 1939/40 in Schanghai angesiedelt und erzählt von einer Gruppe chinesischer Studenten, die einen politischen Mord planen. Doch die Liebe kommt dazwischen.
2006: "Still Life" von Zhang Ke Jia (China). Ein Film über Menschen, die beim Bau des riesigen Drei-Schluchten-Staudamms in China ihre Heimat verlieren.
2005: "Brokeback Mountain" von Ang Lee (USA). Der Film ist ein tragisches, modernes Western-Melodram um zwei homosexuelle Cowboys.
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