Schriftsteller
Martin Walser: "Ich schreibe nur aus Liebe"
Martin Walser stellt heute im Magazin-Kino am Stadtpark seinen neuen Roman vor. "Das dreizehnte Kapitel" erscheint an diesem Freitag.
Berlin. Angst, dass die Briefkultur in Deutschland aussterben könnte, hat Martin Walser nicht. Es gebe ja inzwischen auch E-Mails, sagt er. Da gehe es noch schneller hin und her, das sei der einzige Unterschied, betont der nach eigenen Worten begeisterte Briefeschreiber. Auch im Roman "Das dreizehnte Kapitel" verständigen sich die beiden Protagonisten, die Theologin Maja und der Schriftsteller Basil, zeitweise per E-Mail.
"Das dreizehnte Kapitel" ist ein Briefroman. Maja und Basil haben sich bei einem Empfang im Bundespräsidialamt kennengelernt. Er ist fasziniert von der schönen Frau, schreibt ihr ein paar Wochen später einen Brief. Sie antwortet direkt. Es entspannt sich ein leidenschaftlicher Briefwechsel. Es gehe auch um Sexualität, aber "von Briefverkehr im doppelten Wortsinn möchte ich nicht sprechen", betont Walser.
+++ Martin Walser liest in Hamburg aus seinem neuen Roman +++
Mehr kann daraus nicht werden, das ist den zweien klar. Beide sind glücklich verheiratet. Aber gerade weil eine weitere persönliche Begegnung ausgeschlossen ist, ist der Austausch von großer Offenheit und Hingabe. "Sie können einander in ihren Briefen Sätze sagen, die sie ihren glücklich verheirateten Partnern nicht sagen können", sagt Walser. Genau darum gehe es in dem Roman. "Es gibt keine Ehe, in der man sich alles sagt, was einen bewegt." Dies habe er ausgebeutet und zum Thema gemacht. Seine Protagonistin Maja sagt es so: "Wir haben mit dem Unmöglichen geflirtet."
Mehrere Male bricht der Briefwechsel kurzzeitig ab. Einmal, weil Maja verärgert ist über ein Interview, das Basil gegeben hat. Für Verwirrung auf beide Seiten sorgt auch eine zufällige, unvorhergesehene Begegnung auf dem Flughafen in Berlin-Tegel. Er hat gerade die Zeit, ihr seine E-Mail-Adresse zuzurufen. Danach findet der Austausch immer häufiger per elektronischer Post ab, über alle Grenzen hinweg.
Das Ende ist abrupt und radikal: Majas Mann erkrankt schwer, und sie muss sich entscheiden, wo ihr Platz ist.
Wie sehr sich die Geschichte an seine eigenen Lebenserfahrungen anlehne, sei schwer zu beantworten, betont Walser: Tatsächlich habe er einmal bei einer Feier im Schloss Bellevue einer Frau gegenüber gesessen, die ihn fasziniert habe. Er habe ihr allerdings später keinen Brief geschrieben, wisse nicht einmal mehr ihren Namen. Ein Roman ernähre sich aus allen möglichen Erinnerungen, und jeder Mensch besitze eine Fülle davon.
Dass es sich bei der Protagonistin um eine Theologin handelt, ist kein Zufall. "Es war mein Bedürfnis, eine tolle Theologin zu schaffen", scherzt der 85-Jährige. Es habe auch eine Protestantin sein müssen. Maja Schneilin ist wie Walser eine Anhängerin des evangelischen Theologen Karl Barth – was ihm Gelegenheit gibt, über diesen zu schreiben. In ihren Briefen tauschen sich Maja und Basil immer wieder auch über Barths "Römerbrief" aus. Als er sich mit diesem Buch beschäftigt habe, habe er eine Art Glück verspürt, berichtet Walser.
Im kommenden Jahr werde ein weiterer Band seiner "Meßmer"-Bücher erscheinen, erzählt der Schriftsteller – dabei handelt es sich um Sammlungen von Aphorismen, Notizen und kurzen Texten. Auf die Frage nach seiner Schaffenskraft antwortet er schlicht: "Ich schreibe nur aus Liebe."
Am Donnerstag (19.30 Uhr) liest Martin Walser im Magazin-Kino am Stadtpark aus seinem neuen Roman "Das dreizehnte Kapitel". Neben der Lesung spricht Walser auch mit seinem Biografen, dem Literaturkritiker Jörg Magenau. Karten kosten 14, 12 und 10 Euro.
Mit Material von dapd















