03.09.12

Hamburger Label

Fidel Bastro: 20 Jahre krumme Gedanken

Seit 20 Jahren veröffentlicht der Hamburger Bernd Kroschewski auf seinem unabhängigen Kleinstlabel Fidel Bastro Platten mit schroffen Tönen.

Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius
Fidel Bastro
Fidel-Bastro-Boss Bernd Kroschewski, 43, im Saal II in der Schanze. Im Keller des Cafés entstand ein Album seiner Band Boy Division

Hamburg. Das Leben hält nicht nur leise, zart besaitete Momente bereit. Dieses Leben, es ist häufig genug laut, dreckig und anstrengend. Und doch birgt der Lärm eine ganz eigene Poesie. Eben weil er zur Harmonie gehört wie der Schatten zum Licht, wie die Gosse zur Großstadt, wie der Kater zum Korn. Damit es kontrastreich und kontrovers bleibt, spannend und auch unbequem, vor allem in einer zunehmend hochglänzenden, dauereventbespaßten Stadt wie Hamburg, gibt es Menschen wie Bernd Kroschewski.

Seit 20 Jahren veröffentlicht der Musiker mit seiner Plattenfirma Fidel Bastro hauptsächlich einen Sound, der gemeinhin als Noise bezeichnet wird. Krach also. Produziert mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Effektgeräten wie bei seiner einen Band Potato Fritz. Oder zusätzlich mit Megafon wie bei seiner anderen Band Boy Division. Und wie groß das Bedürfnis im weniger polierten Teil Hamburgs ist, sich diese schönen, schroffen Töne ins Haus zu holen, zeigt das mehrwöchige Jubiläumsprogramm des Labels. Zwei Dutzend Bands und DJs treten an so verschiedenen Orten wie der Galerie Feinkunst Krüger, den Spelunken Komet und Molotow Bar, dem 3001-Kino sowie der Kulturfabrik Kampnagel auf (siehe Kasten).

Für jemanden, der es lieber schräg als gerade mag, sieht Kroschewski sehr gemütlich aus, wie er da in seinem Stammcafé, dem Saal II in der Schanze, sitzt und ein wenig mit dem Barmann plaudert. Sehr viel Mensch steckt da in Jeans und Karohemd. Der Tisch scheint zu schrumpfen, wenn der 43-Jährige sich auf ihn stützt. Doch eine behäbige Type ist Kroschewski keineswegs. Das zeigt sich, wenn er zu sprechen beginnt, was er fast genauso schnell kann wie kettenrauchen.

"Fan einer Band zu sein ist das A und O", sagt Kroschewski über die Motivation, 1992 Fidel Bastro zu gründen - gemeinsam mit seinem Bruder Franko sowie mit Carsten Hellberg, Sänger von Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs, und ihrem labelerfahrenen Kumpel Wolfgang Meinking. Der Name ist nicht nur eine Anspielung auf Fidel Castro, sondern bezieht sich vor allem auf die erste Band, die die vier herausbringen wollten. Die Hardcore-Gruppe Bastro aus Chicago löste sich aber noch vor der Veröffentlichung auf, weshalb das Album "The Serpentine Similar" des Nachfolgeprojekts Gastr del Sol zum ersten Produkt der Plattenfirma wurde.

Von den Gründern ist Kroschewski als Fels in der Brandung übrig geblieben. Aber seit dieser Premiere existieren Standards, die für jeden Tonträger aus seinem Hause gelten: kein Barcode direkt auf der Platte. Keine Verträge mit den Bands. Keine Förderung durch Bund oder Behörden. Und keine Hype-Huldigung. "Ich habe keine Lust, im Hinterkopf zu haben: Da ist ein Trend, da könnte was gehen, das machen wir jetzt auch", erläutert er und zieht an seiner Zigarette, bevor er seinen großen Charakterkopf zurücklehnt. Hier ist genug Platz für krumme Gedanken.

Kroschewski ist einer, der entschieden, aber nicht verbissen über die Dinge redet. Und ihm ist durchaus klar, dass er sich mit seiner konsequenten Haltung "manchmal selbst beschneidet". Meistens holt er mit den Verkäufen gerade mal die Herstellungskosten wieder rein.

Wenn man so will, ist sein Label eines der unabhängigsten unter den Indie-Plattenfirmen. Diese Kompromisslosigkeit funktioniert allerdings nur, weil sich zur Berufung noch ein Brotjob gesellt. Kroschewski arbeitet in einem Großhandel für Laborbedarf und technische Gewebe. Und das Gehalt wandert direkt wieder in die nächste Platte.

Soeben feierte Fidel Bastro mit der Potato-Fritz-Single "Mehr Tuerer" seine 77. Veröffentlichung im Komet auf dem Kiez, wo der Label-Chef auch gerne unter dem Pseudonym DJ Wuchtbrumme Platten auflegt. Nummer 78 wird Joe 4 sein, eine Band aus Kroatien. "Wenn ich Lust habe, etwas rauszubringen, dann mache ich das", lautet Kroschewskis unkomplizierte Philosophie.

Seine Bands und er haben schon in so ziemlich allen Hamburger Läden gespielt. Und aufgenommen. Die erste Boy-Division-Platte entstand in der alten Schilleroper an der Stresemannstraße, ein weiteres Album im Keller des Saal II, da Sänger Oliver Hörr das Café praktischerweise selbst betreibt.

Bei der großen Jubiläumsgala auf Kampnagel spielt am 10. November auch die (offensichtlich nicht totzukriegende) Garagensoulkapelle Superpunk ihr (angeblich allerletztes) Abschiedskonzert. Das Quintett veröffentlichte 1999 sein Debüt bei Fidel Bastro. Der Titel: "A bisserl was geht immer". Ein gutes Motto. Auch für Kroschewski.

Mehrere Wochen dauert die Fidel-Bastro-Feier. Hier eine Auswahl:

6.9. Vernissage Tom Grundmann, Feinkunst Krüger;

8.9. Boy-Division-Musik-Quiz, Kampnagel;

21.09. Fidel-Bastro-Wochen Eröffnungs-DJ-Abend, Komet;

2.11. Fidel-Bastro-"Movie"-Premiere, 3001 Kino;

9.+10.11. Kampnagel-Gala, u. a. mit Sport, Venus Vegas, Kristof Schreuf, Superpunk.

Alle Infos: www.fidel-bastro.de

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