03.09.12

Theater

"Platonow" am Thalia Teater - Der Tritt sitzt

Jan Bosses "Platonow"-Inszenierung zeigt die Frauen als starkes Geschlecht. Die Männer taumeln haltlos durchs Leben.

Foto: dpa/DPA
Fotoprobe "Platonow"
Attacke von hinten: Jens Harzer (l.) als Platonow mit Jörg Pohl, Peter Maertens und Marina Galic in Jan Bosses Inszenierung

Hamburg. "Und?", fragt der junge Arzt Triletzkij die Generalswitwe Anna Petrowna. "Langweilig, jetzt schon", antwortet sie und lächelt ihn dabei so aufgekratzt an, als erwarte sie von ihm Zerstreuung, Aufregung, jedenfalls irgendetwas, das Abwechslung in ihr ödes Leben in der Provinz bringen soll.

Es sind die beiden ersten, die frühesten dramatischen Sätze, die von Anton Tschechow überliefert sind. 1880 schrieb sie der erst 20-Jährige, der da schon seine vielköpfige Familie ernähren musste. Dieser Eröffnungsdialog spricht bereits alles an, was das tschechowsche Werk im Wesentlichen auszeichnet: Das Warten auf bessere Zeiten, auf die Liebe, auf eine neue Gesellschaft, die Sehnsucht, das Spiel - um alles oder nichts.

Regisseur Jan Bosse erzählt in seiner Inszenierung von Tschechows "Platonow" am Thalia-Theater - 23 Jahre nach Flimms legendärer Aufführung mit Hans-Christian Rudolph in der Titelrolle und Elisabeth Schwarz als Generalin, die beide übrigens auch die Premiere besuchten - nicht die Geschichte vom müden Provinz-Don-Juan, um den die Gespräche und Gedanken der im Hause der Generalin auftretenden Männer und Frauen kreisen. Bosse zeigt, und das wird spätestens nach der Hälfte des gut vierstündigen Abends deutlich, dass hier nur noch die Frauen begehren, lieben, ihr Leben ändern wollen. Die Männer sind farblose Weicheier wie Sergej, trauen sich nicht, ihre Liebe zu gestehen wie Glagoljew, sind betrunken, wenn man sie braucht, wie der Arzt Triletzkij oder leben gar gleich als Tagedieb und Mörder wie Ossip.

Gewiss, die Frauen sind schon bei Tschechow die klügeren, die zupackenderen Menschen, doch in Jan Bosses Inszenierung taumeln die Männer allesamt haltlos verzweifelt durchs Leben. "Mach mit mir, was du willst", "nimm mich" oder "reise mit mir ab", fordern die Frauen Platonow wechselweise auf. Er fühlt sich von all dem überfordert. Will nichts, will alles, aber ist unfähig zu handeln. Will lieber schwafeln und höhnen, locken und lästern, herausfordern und beleidigen. Stößt seine Frau und alle anderen vor den Kopf.

+++ "Platonow" - Tolle Schauspieler in zerquälten Begegnungen +++

Nur einmal wird er schwach, latscht unentschlossen zum Ehebruch. Und muss am Ende dafür mit dem Leben bezahlen.

Sehnsüchtig erwartet wird von Anfang an der Auftritt von Platonow, dem einstigen Geistesfeuerkopf und Frauenverführer, der nun, im Alter von 38 Jahren, sein Leben als Dorflehrer verbringt, verheiratet, ohne Glanz, Geld oder Ambitionen.

Stéphane Laimé hat auf die große Thalia-Bühne einen Wohn- und Zirkuswagen gestellt, in dem sich die Gesellschaft versammelt. Kein Platz ist da. Für niemand. Man quetscht und drängelt sich. Trinkt, isst auf engstem Raum. Die Alten schwelgen in der Vergangenheit - Peter Maertens lebt von seiner Zeit als Oberst, Bruno Cathomas träumt als Glagoljew von seiner Liebe zur Generalin. Die Jungen flüchten sich in zweifelhaften Müßiggang. Wenn Jens Harzer als Platonow dazustößt, steckt er seinen Kopf vorsichtig durch die Tür. An der Hand seine Frau Sascha, deren Nähe er immer wieder sucht, nach der er tastet.

Harzers Platonow ist kein Frauenheld. Er ist mehr Beute als Jäger. Klar, er ist attraktiv, aber scheinbar will er davon nichts wissen. Er kotzt lieber seinen Weltekel aus, gibt sich als unnahbarer Zyniker, virtuos Zerrissener. Emotionen, Gefühle, Verbundenheit - sie machen Platonow Angst. Er ist ein Nihilist, der gern romantisch wäre.

Gerade deshalb ist er wohl so attraktiv für alle vier Frauen im Stück. Seine virile Wirkung scheint absichtslos, lässt selbst bei zunehmendem Verfall nicht nach. Was bloß sehen die Frauen in ihm? Erscheinung und Effekt driften völlig auseinander. Doch gerade diese Brüche, diese Komplexität eines Charakters fesseln. Ehefrau Sascha ist bei Marina Galic kein armes Hascherl, sondern eher die Familienmanagerin, die das kranke Kind, den leidenden Mann versorgen muss. Als Ehemann und Vater versagt Platonow völlig.

Dann die Ex-Geliebte Sofia. Sie ist bei Patryzia Ziolkowska die klare, starke Schöne, die nun zwar mit dem von Sebastian Zimmler wunderbar scheu und lebensuntüchtig verkörperten Erben Sergeij verheiratet ist, zerbricht aber fast an ihrer Liebe zu Platonow. Auch Maria ist wohl von Platonow einst kirre gemacht worden. Sie ist in seiner Gegenwart immer noch zittrig und unsicher. Doch Marie Locker spielt sie als Frau, die sich wehrt, ihn anklagt, die selbstsicher wird und unabhängig.

Und die Generalswitwe, die engste Vertraute Platonows, hält mit schmerzhafter Dringlichkeit fest an ihrer Liebe zu ihm. Victoria Trauttmansdorff ist die wahre Königin des Abends. Wie sie girrt und Fröhlichkeit fordert. Wie sie cholerisch wird und sich drängend Platonow an den Hals wirft. Sie bettelt, sie windet sich, setzt sich auf seinen Schoß. Vergebens. Ihr Gut wird verkauft. Was soll's.

Die Witwe hält an der Vorstellung fest, Platonows Liebe könnte sie aus der Ödnis ihres Lebens erlösen. Das wirkt umso desillusionierender, da Platonow dieser Projektion als Liebhaber, Retter und Held ja so gar nicht entspricht.

Nach der Pause scheint sich viel der Energie der Figuren zu verflüchtigen. Man steht herum, wartet auf sein Stichwort. Die Bühne ist schwarz und leer. An welchem Ort befinden wir uns? Vor seinem Ende, ehe Sofia ihn erschießt, wirkt Platonows Aufzug noch schäbiger. Sein Äußeres, sein Witz, sein Zynismus, sein letzter widerständiger Lebensfunke scheint erloschen, alle abweisende Selbstbehauptung ist verbraucht. Leider auch die Energie der Zuschauer. Viel zu lang wirkt jetzt der Abend. Schade, es begann so schön lässig. Nun wirkt die Aufführung zerfasert und zäh.

Mit der trink- und redesüchtigen Betriebsamkeit seiner Figuren, die Sozialschwätzer, verschuldete Reiche, Arbeitsmüde, Träumer, Desillusionierte sind, konnte Tschechow am Ende des 19. Jahrhunderts eine Gesellschaft, die reif für einen Umbruch ist, beschreiben. So, das ist sicher, kann es nicht mehr weitergehen. Abwarten, zögern, ignorieren und reden, reden, reden sind keine Lösung.

Hat das Ensemble uns damit nicht vielleicht ein ganz aktuelles Stück von heute vorgeführt?

"Platonow" die nächsten Vorstellungen: Di 4.9., 19.30, Mi 19.9., 19.30. Fr 5.10., 19.30, Kartentelefon 040/32 81 44 44; Infos unter www.thalia-theater.de

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