Besuch aus Entenhausen
Entenalarm an der Elbe: Donald Duck in Hamburg
Jubel! Freu! Applaudier! Heute erscheint ein "Micky Maus"-Heft, in dem Donald Duck mit seiner Familie auf Schatzsuche in Hamburg geht.
Hamburg. Das Charmante, geradezu metaphysisch Liebenswerte an der Großfamilie Duck war stets, dass sie überall sein konnte und zugleich nirgends. Wahre Weltbürger eben, wenn auch mit klar erkennbarem Hang zum Teutonischen. Donald, der ewige Loser mit extragroßem Schnabel und goldenem Herzen, ist eh einer von uns. "Donald gibt uns Absolution, er segnet unser aller Mittelmäßigkeit, weil er immer wieder aufsteht, wenn er auf den Schnabel fällt", sagt der Literaturkritiker und Donald-Bewunderer Denis Scheck. Der berühmte Erikativ, die handliche Verkürzung von Verben auf den Wortstamm mit abschließendem Ausrufezeichen, ist eine typisch deutsche Erfindung, ein linguistischer Geniestreich der Übersetzerin Erika Fuchs.
Aber Entenhausen an sich ist, allen geografischen Bemühungen zum Trotz, stets unauffindbar gewesen, zumindest auf von Menschen geschaffenen Karten. Dass manche Donaldisten Stein und Bein auf die Theorie schwören, die von Emil Erpel gegründete Stadt befände sich auf einem sehr fernen Planeten namens Entenstern, macht die Sache mit der Frage, in welchem Teil der Welt diese Enten denn nun hausen, kein bisschen einfacher.
Wo Entenhausen wirklich liegt, wie und warum, wird sich auch in den nächsten sieben Wochen nicht klären lassen. Fünf seiner berühmtesten Bewohner jedoch sind in dieser Zeit dienstlich verreist, unterwegs auf einer clever inszenierten und vermarkteten Städtereise.
Anstatt Gold, Glück oder am besten beides in irgendwelchen fernen Fantasie-Ländern finden zu wollen, veranstalten Donald, seine Neffen und Onkel Dagobert, sehr bodenständig und heimatverbunden, eine achtwöchige Schnitzeljagd kreuz und quer durch das ganz reale Deutschland, nach der Devise: Warum in die Ferne fieselschweifen, wenn das Gute liegt so nah? Von heute an gastieren sie, auf elf Comic-Seiten im aktuellen "Micky Maus"-Heft, in Hamburg. Weitere Stationen sind das Ruhrgebiet, München, Frankfurt, Köln, Stuttgart und Dresden.
In Berlin, wo sie im Oktober auch enden soll, begann die Suche nach dem sagenhaften Schatz der Gräfin von Tarn und Tuxis (Namensähnlichkeiten mit lebenden und trotzdem sehr comichaften Blaublüterinnen sind natürlich beabsichtigt). Dort wurden lokal Prominente wie der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit gut erkennbar duckisiert, die Einheimischen wurden, ganz wie im richtigen Leben, als von Herzen unfreundliche Zeitgenossen gezeichnet, und von den Currywürsten dort mussten sich die armen Ducks übergeben. Kein Wunder also, dass es sie für das Kapitel "Wem die Stunde schlägt" von der Spree direkt an die Elbe zog.
Für Enten sonderbares Essen bekommen sie auch in Hamburg vorgesetzt, Fischbrötchen, was auch sonst, allerdings ohne Gerstenkaltschale zum Schwimmenlassen. Die meisten Comic-Hamburger tragen Ringelpullis wie Hein Blöd und klingen auch so ("Mussu büschn aufpassn, min Jong!"). Aale-Dieter heißt hier Aale-Ole, der im "Enten-Kurier" zitierte Fischmarkt-Wachtmeister trägt den hübschen Namen Donner Lüttchen. Das Rätsel dieser Episode allerdings, das hat es rumpelreimig in sich: "Auf der Reeperbahn mittags um eins, ob du'n Schätzchen hast oder auch keins, sagt der Michel zum Paul: Hab acht! Hafenrundfahrt, sonst Schatz, gute Nacht!" Natürlich sind es Tick, Trick und Track, die drei kleinen Klugscheißer, die dank ihres schlauen Buchs entscheidende Hinweise geben.
Mit etwas Stöbern im Kleingedruckten findet man nette Anspielungen auf den Gastspielort an der Elbe. Die Elbphilharmonie, das nächste weltbekannte Wahrzeichen dieser Stadt, hat es immerhin bis zum Szenen-Hintergrund geschafft, in der Form leicht verändert, aber, so viel Realität darf sein, unvollendet, umgeben von Baukränen. Es gibt James-Bond-reife Bootsrasereien durch die Speicherstadt, auf dem Fischmarkt wird mit Fisch um sich geworfen. Udo Lindenberg bleibt gänzlich unverduckt und unerwähnt, ebenso Helmut Schmidt. Bevor es hoch zur Michel-Uhr und hinter das Ziffernblatt geht, wird noch eine Dosis Geschichtsunterricht in die Sprechblasen gedrückt. Das ist ein wenig fremdschamverursachend, wie in jenen beflissenen "Tatort"-Folgen, in denen partout mit dem jeweiligen Regionalstolz gewedelt wird, ohne sich um Dramaturgie zu scheren. Ein weiterer Unterrichtsstoff ist die Frage, warum der Hamburger Hamburger heißt. Andererseits, so ganz ohne pädagogischen Nährwert soll die Heimatkunde-Lektüre ja auch nicht gewesen sein.
Lokalpatriotisch tragisch an dieser niedlichen Abenteuer-Geschichte, erst recht für die hanseatischen Stadtmarketing-Experten, die sich ja stets freuen wie kleine Kinder, sobald hübsche bunte Hamburg-Bilder in den Rest der großen weiten Welt versendet werden: Das Beatles-Museum bei den heißen Katzen an der Reeperbahn, neben Michel, Reeperbahn, Speicherstadt, Hauptbahnhof und St. Pauli ein wichtiger Bestandteil dieses Comic-Krimi-Kapitels, wurde vor einigen Monaten geschlossen. Tja. Schlechtes Timing, Künstlerpech. Vorsichtig ausgedrückt. Peinlich jedenfalls für die selbsternannte Musikmetropole Hamburg, in der aus einer Handvoll unerzogener Liverpooler Jungs jene Beatles wurden, die es als "Needless" mit Bingo Star und mit ihrem Hit vom "Pink Submarine" bis in Walt Disneys Paralleluniversum geschafft haben. Donalds Bewunderung für den großen Pop-Star Bingo und sein unkaputtbares Liedgut kommt zu spät, um noch wahr zu sein.
Wenn man in der Chefetage von Hamburg Marketing so etwas hätte, müsste man sich jetzt wohl in den Bürzel beißen und lauthals "Seufz! Grummel! Schäm!" jammern.

















