16.08.12

Literatur

"Der Sturm": Kleine Morde erhalten die Feindschaft

Rächt sich der "Süddeutsche Zeitung"-Kulturchef Thomas Steinfeld an "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher in einem Kriminalroman?

Foto: pa/SVEN SIMON, dpa/picture-alliance/Anke Fleig / SVEN SIMON, picture alliance / dpa-Zentralbild/ Arno Burgi
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Hamburg. Am schönsten und herrlichsten, auch in der Literatur, ist doch immer noch der Skandal. Und so einen gibt es jetzt wieder - mal schauen, wie groß die Wellen sind, die er tatsächlich schlagen wird.

Thema der Stunde in den Feuilletons und Medienzirkeln des Landes ist jedenfalls die Entdeckung, die die in Berlin erscheinende Tageszeitung "Die Welt", die wie das Abendblatt zur Axel Springer AG gehört, gemacht haben will: Demnach soll die Leiche in dem in der nächsten Woche erscheinenden Kriminalroman "Der Sturm" niemand anderes als Frank Schirrmacher sein, der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Es spräche zumindest, so die "Welt", vieles dafür, dass die Figur des deutschen Journalisten Christian Meier, der in der schwedischen Provinz übel entstellt und tot aufgefunden wird, in Schirrmacher seine reale Entsprechung habe.

Ein literarischer Mord also, der freilich niemals von einem schwedischen Autor namens Per Johansson begangen worden sein kann: Diesen Beweis versucht die "Welt" nun zu führen, und bei der Suche nach dem Autor hinter dem Pseudonym wurde sie in München fündig. Niemand anderes als Thomas Steinfeld, der Kulturchef der "Süddeutschen Zeitung", soll der wahre Urheber des Schwedenkrimis und Schlüsselromans sein. Und er soll mit dem ermordeten Journalisten eine Figur geschaffen haben, die eben nicht rein fiktiv ist: "ein mächtiger Mann - ein bisschen verrückt, aber ziemlich erfolgreich. Er ist der Chef einer Zeitung, die in ganz Deutschland gelesen wird."

Steinfeld selbst äußerte sich gestern zu der Causa "Kollegenmord" - und gab zu, als Teil eines Autorenduos hinter dem Pseudonym zu stecken. Er wies jedoch zurück, bei der literarischen Figur handele es sich um Schirrmacher. Der Journalist in seinem Buch, so Steinfeld, sei eine "abstrakte, idealtypische Gestalt". Es sei abenteuerlich, diese auf eine lebende Person "und zudem auf einen respektierten Journalisten" zu übertragen.

Steinfeld war bis 2001 unter Schirrmacher Literaturchef der "FAZ" und verließ die Zeitung, nachdem der umtriebige Schirrmacher im Feuilleton das Gewicht mehr auf natur- und nicht mehr nur auf geisteswissenschaftliche Schwerpunkte gelegt hatte.

Will Steinfeld, der länger in Schweden lebte und als Mankell-Fachmann gilt, trotz seiner jetzt erfolgten Erklärung mit dem literarischen Manöver eine real erlittene Kränkung bewältigen? Der Autor des "Welt"-Artikels ist der renommierte Literaturkritiker Richard Kämmerlings, der vor seinem Wechsel in die Hauptstadt selbst lange bei der "FAZ" arbeitete. Kämmerlings' Indizien sind nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen: Das zeigt sich an Steinfelds Zuneigung zu Schweden ebenso wie an seiner Liebe zu Bob Dylan, die in dem Roman eine Rolle spielt, und einem aberwitzigen Werbe-Zitat Orhan Pamuks, als dessen deutscher Entdecker Steinfeld gilt.

Der Spaß dürfte da aufhören, wo sein literarisches Kriminalstück zum echten Rufmord wird: In "Der Sturm" ist von den Puffbesuchen des Ermordeten die Rede; er sei ein Teufel gewesen, "der einen quälen konnte bis aufs Blut". Ob der schriftstellernde Kritiker wirklich Schirrmacher meint, ist für die Literaturtheorie übrigens vollkommen uninteressant: Die Freiheit der Kunst interessiert sich nicht dafür, was "wahr" ist und was erfunden.

(tha)
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