16.08.12

Filmstart am 16. August

Wenn das eigene Kind ein Mörder ist

Lynne Ramsey Drama "We Need To Talk About Kevin" mit Tilda Swindon und John C. Reilly ist ein verstörendes Meisterwerk geworden.

Foto: Fugu Filmverleih
Tilda Swinton
"We Need to Talk About Kevin": Tilda Swinton und John C. Reilly

Die Farbe dieses Filmes ist rot. Rot wie der Ketchup, den der aufsässige Junge literweise über sein Essen kippt. Rot wie die Spritzer aus den Farbbeuteln, die Nachbarn an die Hauswände der Familie werfen. Tiefrot wie das Blutbad, das Kevin in der Turnhalle seiner Schule angerichtet hat. Das Blutbad, das die Mutter bis in ihre Träume verfolgt, jede einzelne Nacht.

"We Need To Talk About Kevin" heißt der Film der schottischen Regisseurin Lynne Ramsay nach einem Roman von Lionel Shriver. Es ist ein grausamer Film. Ein meisterhaftes Werk, das einem bis in die äußersten Herzklappen vordringt und sich im Bauch ausbreitet wie eine zu kalte Flüssigkeit. Es gibt Filme, durch die geht man hindurch, als wäre nichts passiert, nachher fühlt sich nicht anders an als zuvor. Und es gibt Filme, die einen packen mit ihren Konflikten, ihren unauflöslichen Widersprüchen und ihren Figuren, die es einem so schwer machen, sie zu mögen. "We Need To Talk About Kevin" ist ein solcher Film.

Tilda Swinton spielt Eva, die Mutter des 15-jährigen Amokläufers - und fügt ihrer Karriere nach Erzengeln, Alkoholikerinnen und Fremdgeherinnen eine weitere unvergessliche Rolle hinzu. Mit versteinerter Verzweiflung wandert sie durch diesen Film, im festen Glauben, den Trümmerhaufen, vor dem sie steht, verdient zu haben. Es war keine leichte Schwangerschaft, Kevin ein schwieriges Baby. Immer schreiend, das kleine Gesichtchen wutverzerrt. Eine Wochenbettdepression ist dagegen ein Strandspaziergang. Einmal, als sie mit ihren Kräften am Ende ist, bleibt Eva neben einem Presslufthammer stehen, der laut genug ist, das Babybrüllen zu übertönen; ein leises Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Die Mutter-Sohn-Beziehung wird ein einziger Machtkampf bleiben. Kevin lügt und manipuliert, wütet und verweigert - alles mit dem Ziel, seiner Mutter größtmögliche Verletzungen zuzufügen.

Ramsay zeichnet das Drama aus der Perspektive der Mutter. "We Need To Talk About Kevin" ist deshalb nur am Rand ein Film über ein Massaker und vor allem eine ungeschönte Studie über eine Familie am Abgrund. Ein Schrei nach Liebe ist dieser Film gewissermaßen - aber alles Rufen verhallt hier ungehört. "We Need To Talk About Kevin" ist auch deshalb ein (absichtlich) in die Irre führender Titel, weil ebendies nicht geschieht: Niemand redet Klartext über Kevin, mit Kevin, der nicht laufen will, nicht sprechen; als er größer ist, schießt er seiner kleinen Schwester ein Auge aus. Der Vater (John C. Reilly) ist blind für die zerstörerische Wut des Jungen, der es schafft, seine bloße Anwesenheit im Raum wie eine Provokation wirken zu lassen. Eva wiederum plagt das schlechte Gewissen, ihr Kind nicht genug geliebt zu haben. Immer verhärteter, ausgezehrter wirkt ihr Gesicht, immer gläserner, durchlässiger ihre Präsenz auf dieser Welt.

Ramsey erzählt in Rückblenden und Traumsequenzen von dem Schulmassaker. Dabei hat sie sich entschieden, vieles anzudeuten und wenig zu zeigen. Dem Schrecken der Tat tut das keinen Abbruch - zu präsent die Nachrichtenbilder von Amokläufen in Blacksburg und Littleton, in Winnenden und Erfurt. Die Regisseurin konzentriert sich auf die mütterlichen Schuldgefühle, die wie Felsbrocken auf Evas Schultern zu liegen scheinen und auf die Frage, wie Gewalt und Hass in der Familie entstehen.

"We Need To Talk About Kevin", der bereits 2011 beim Filmfestival in Cannes lief, kratzt an Tabufragen wie jener, ob man sein eigenes Kind lieben muss, auch wenn es ein Mörder ist. Er gibt sich nicht mit küchenpsychologischen Deutungsversuchen zufrieden, sondern wirkt stellenweise genauso ratlos wie seine gebeutelten Figuren. Einem wunderbaren Casting verdankt Ramsay ihre drei Kevin-Hauptdarsteller verschiedener Altersstufen, die nicht nur über einen mit Abneigung gepanzerten Blick verfügen, der dem Zuschauer Gänsehaut macht, sondern Tilda Swintons Eva wie aus dem Gesicht geschnitten sind. Dass dieser Junge ihr eigen Fleisch und Blut ist, führt Kevin ihr in jeder Sekunde des Zusammenseins als stillen Triumph vor Augen.

"We Need To Talk About Kevin" ist kein Film für Menschen, die Angst vor Konflikten haben, im Kino und im Leben. Es ist ein unbequemer Film, der einen schüttelt und fassungslos macht. Erlösung ist hier nicht vorgesehen.

+++++ "We Need To Talk About Kevin" Großbritannien 2011, 110 Minuten, ab 16 Jahren, R: Lynne Ramsay, D: Tilda Swinton, John C. Reilly, Ezra Miller, täglich im 3001 (OmU); www.fugu-films.de

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