14.08.12

Literaturbetrieb

Luchterhand will Vorwürfe zu Nazi-Zeit aufarbeiten

Der Münchner Verlag soll von der Politik der Nazis profitiert haben. Nach einem kritischen Zeitungsbericht geht er jetzt in die Offensive.

Foto: picture-alliance / Judaica-Samml/Judaica-Sammlung Richter
Zweiter Weltkrieg
Nazis unter sich - profitierte Luchterhand von den Faschisten?

München. Der Luchterhand Literaturverlag will nach dem Vorwurf der Bereicherung in der Nazi-Zeit seine Vergangenheit wissenschaftlich aufarbeiten. "Wir werden uns in den kommenden Wochen darum bemühen, geeignete Wissenschaftler für eine unabhängige Aufarbeitung der Verlagsgeschichte zu gewinnen", teilte der Verlag am Dienstag mit. Es gehe um eine fundierte Forschungsarbeit, die alle Quellen berücksichtigen solle. "Fortschritte und Ergebnisse entsprechender Recherchen werden wir zeitnah öffentlich kommunizieren." Die Berliner Tageszeitung "taz" hatte berichtet, der Verlag haben in seinen Gründungsjahren von der Unterdrückungspolitik der Nazis profitiert.

1939 habe sich der Luchterhand Verlag zu einem äußerst günstigen Preis in die Druckerei von Otto Heinrich Scholz eingekauft, der von den Nationalsozialisten drangsaliert wurde, schrieb die "taz" unter Berufung auf Akten aus dem Berliner Landesarchiv. Scholz sei wegen seiner jüdischen Lebensgefährtin und späteren Frau von der Gestapo verfolgt und im Naziblatt "Stürmer" verhöhnt worden. Nach der Auswanderung des Paares nach Großbritannien hätten die Nazis ein Ausbürgerungsverfahren eingeleitet; Luchterhand-Verlagschef Eduard Reifferscheidt und Heinz Luchterhand hätten gegen Scholz geklagt und ihn so ganz aus seiner Druckerei herausgedrängt.

"Wir waren wirklich überrascht davon – das war hier nicht bekannt im Hause", sagte ein Verlagssprecher am Dienstag. Nach mehreren Umzügen und Besitzerwechseln sei der wichtigste Bestand des Luchterhand-Archivs seit den 1990er Jahren in den Händen des Deutschen Literaturarchivs Marbach. Die restlichen Unterlagen befänden sich im Unternehmensarchiv von Bertelsmann in Gütersloh, jedoch handele es sich hier um Dokumente erst ab dem Jahr 1947.

Dem Luchterhand Literaturverlag sei "sehr daran gelegen, die, folgt man den vorliegenden "taz"-Recherchen, bestürzenden und beschämenden Vorgänge in der NS-Zeit rückhaltlos aufzuklären", teilte der Verlag weiter mit. "Wir können es momentan nicht überprüfen, wir gehen aber einmal davon aus, dass die Aktenlage korrekt wiedergegeben worden ist", ergänzte der Sprecher.

Laut "taz" ist im Berliner Landesarchiv das Verfahren dokumentiert, mit dem Scholz nach Kriegsende versuchte, eine Wiedergutmachung zu erreichen. Darin sei von Gutachtern festgestellt worden, dass die Veräußerung an Luchterhand eine Entziehung gewesen sei, die durch Zwang veranlasst worden sei. Ein Gericht habe diese Auffassung 1955 bestätigt. Wie die "taz" weiter schreibt, kam es 1961 zu einem Vergleich. Scholz nahm die Rückerstattungsansprüche zurück und Luchterhand zahlte an Scholz 125 000 Mark (rund 63 900 Euro)

Bei Luchterhand veröffentlichten nach dem Krieg Autoren wie Alexander Solschenizyn, Christa Wolf oder Jurek Becker. Mit der "Blechtrommel" von Günter Grass erlangte der Verlag internationale Bekanntheit. Der Luchterhand Verlag, 1924 von Hermann Luchterhand gegründet, wurde 1987 an die niederländische Verlagsgruppe Wolters Kluwer verkauft, die kurz darauf nach Protesten der Autoren den literarischen Teil an die Arche Verlag AG Zürich weitergab, der seitdem Luchterhand Literaturverlag heißt. Nach Krisenjahren mit weiteren Umzügen kaufte 1994 kaufte der Münchner Wirtschaftsanwalt Dietrich von Boetticher den Literaturverlag, von dem ihn 2001 die Verlagsgruppe Random House im Bertelsmann-Konzern übernahm. Daneben gibt es den Luchterhand-Fachverlag bei Wolters Kluwer Deutschland.

(dpa)
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