Literatur
Buchpreis: Marketing-Wunder oder Autoren-Demütigung?
Erst kommt die Long-, dann die Shortlist. Wer den Buchpreis bekommt, steht erst im Oktober fest. Die Kritik an der Auszeichnung wird lauter.
Frankfurt/Main. Als Eugen Ruge im vergangenen Jahr den Deutschen Buchpreis erhielt, dauerte es nur wenige Tage, bis "In Zeiten des abnehmenden Lichts" auf Platz eins sämtlicher Bestsellerlisten stand. "Deutlich über 350 000 Exemplare" hat der Rowohlt-Verlag seither davon verkauft, berichtet Verleger Alexander Fest. Die Auszeichnung habe den Erfolg des Buchs "außerordentlich befördert".
Seit 2005 vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels den Deutschen Buchpreis. Einer der Erfolgsfaktoren: Die gestaffelte Ernennung. Das diesjährige Rennen geht jetzt los: Am Mittwoch (15.8.) veröffentlicht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die sogenannte Longlist mit 20 Titeln, am 12. September folgt dann die Shortlist, auf der noch sechs Titel übrigbleiben. Erst am 8. Oktober, kurz vor Beginn der Frankfurter Buchmesse, wird der Sieger bekanntgegeben. Das sichert die volle mediale Aufmerksamkeit. Dass der Sieger 25 000 Euro erhält und die übrigen fünf Autoren der Shortlist je 2500 Euro, ist fast Nebensache angesichts der Publicity.
Fest schätzt, dass die Verkaufszahlen von Ruges Buch dank der Auszeichnung etwa auf das Dreifache gestiegen sind – ein eher moderater Zuwachs: "Es gab auch Bücher, die wären ohne den Buchpreis vielleicht 5000 Mal verkauft worden." Nicht nur für den Rowohlt-Verleger ist der Buchpreis "der einflussreichste Preis für ein einzelnes Buch im ganzen deutschsprachigen Raum".
Nicht alle finden das eine gute Idee. Am drastischsten formulierte Bestsellerautor Daniel Kehlmann seine Kritik. In einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" plädierte er schon 2008 dafür, den Preis wieder abzuschaffen. Die Vergabe-Prozedur sei für Schriftsteller "demütigend" und "eine Quelle der Sorge und der Depression". Kunst sei kein Sport. "Ein solches Spektakel mag die Umsätze des Buchhandels erhöhen, für die Literatur ist es bedauerlich (...)", befand Kehlmann.
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels verteidigt die "Dramaturgie" des Preises: Die stufenweise Juryauswahl habe sich sehr bewährt, findet Sprecherin Claudia Paul. "Dadurch wird nicht nur ein Siegertitel in den Mittelpunkt gerückt, sondern die Aufmerksamkeit auf eine Vielzahl von Neuerscheinungen gelenkt." Außerdem werde damit die Arbeit der Jury transparent. Anders als bisweilen behauptet werde kein Autor gezwungen, persönlich zur Preisvergabe am Tag vor Eröffnung der Buchmesse im Frankfurter Literaturhaus anzureisen.
Auch die Kritikerin Elke Heidenreich und der Schriftsteller Wilhelm Genazino gehören zu den Gegnern. Sie stören sich daran, dass Literatur wie ein sportlicher Wettkampf inszeniert wird. Für Klaus Reichert, den Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, ist der Buchpreis sogar ein reines Medienereignis.
Die Akademie vergibt den Büchner-Preis. Buchpreis und Büchner-Preis – unterschiedlicher könnten zwei Auszeichnungen nicht sein: Den Buchpreis bekommt die – aus Sicht der jährlich wechselnden Jury – beste Neuerscheinung des laufendes Jahres, und sei es ein schmaler Debütband; den Büchner-Preis erhält ein Autor als Krönung für sein gesamtes Lebenswerk. "Der Buchpreis ist ein Preis für jüngere Autoren geworden", sagt auch Fest. "Die wirklich großen Namen kommen dafür eigentlich nicht mehr infrage." Die Vergabeprozedur findet der Verleger "nicht so schlimm: Man sollte das nicht so ernst nehmen."















