13.08.12

Sänger der Schmerzen

Wenige verkörpern den Soul so authentisch wie Charles Bradley bei seinem Konzert am heutigen Montag im Gruenspan

Gruenspan. "Warum ist es so hart, es in Amerika zu schaffen?", fragt Charles Bradley in "Why Is It So Hard?" Ein Song, der so erdig nach Soul und Blues klingt, als pflüge der Sänger seine Seele eigenhändig um. In diesem Klagelied erzählt Bradley, wie er 1948 in Florida geboren wurde und wie es ihn in seinem Leben kreuz und quer durch die USA trieb. Sein ständiger Wegbegleiter waren der Glaube an das "Land aus Milch und Honig" sowie die Enttäuschung darüber, dass dort nicht die Liebe regiert, sondern Stress und Stillstand.

Charles Bradley weiß, wovon er singt. Als Künstler ist er ein früh Berufener, aber spät Erfolgreicher. Vor genau 50 Jahren sah er James Brown im legendären Apollo-Theater in Harlem. Völlig fasziniert von der emotionalen und musikalischen Wucht der Performance begann der damals 14-Jährige, den Stil und die Bewegungen des Godfather of Soul zu imitieren. Eine Bürste, an die er einen Bindfaden knüpfte, diente als Mikrofon-Ersatz. Der Drang, die große Bühne des Lebens zu betreten, ließ ihn wenig später von zu Hause ausreißen. Er, der Suchende, Hadernde hauste einige Jahre auf der Straße und in U-Bahn-Wagen. Zwischendrin kam Bradley für eine Weile an der Ostküste zur Ruhe und arbeitete als Koch, bevor es ihn weiterzog und er gen Westen trampte. In Kalifornien und Alaska, Seattle und New York schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch, meist in der Küche. Frühe Versuche als Sänger scheiterten daran, dass die Mitglieder seiner ersten Band für den Vietnam-Krieg einberufen wurden.

Erfahrungen, die sich nicht nur in tiefen Falten in sein Gesicht eingeschrieben haben. Vor allem seine Songs dienen dem Musiker als Katalysator. "Wie lang muss ich noch weitermachen, um all die Schmerzen in der Welt zu sehen?", fragt Bradley in "How Long". Eine getragene Nummer, in der jeder Takt auf der Orgel, jeder Stoß der Bläser wie ein Anschub wirkt, der den gebeutelten Mann trotz aller Hürden weitergehen lässt. Die Verse mögen aus seiner persönlichen Geschichte stammen. Die Art und Weise, wie Bradley sie singt, macht ihn zum universellen Schmerzensmann. Einer, mit dem wir leiden (und auch lieben) können. So wie heute Abend im Gruenspan auf dem Kiez.

Seine Stimme klingt, als habe sie all den Schmutz und Staub, all das Weh und Ach aufgelesen im Laufe der Jahrzehnte. Jedes Wort intoniert Bradley, als reiße er seine Seele entzwei. So zynisch es scheinen mag: Vermutlich musste Mister Bradley erst jede Menge "Heartaches And Pain" erfahren, wie er in einem weiteren Stück ausführt, um seine heutige Brillanz zu erreichen.

Erst 1996, als seine Mutter ihn bat, zu ihr zurück nach New York zu ziehen, startete seine künstlerische Laufbahn erneut. In den lokalen Musikklubs begann er unter dem Pseudonym Black Velvet eine Karriere als James-Brown-Darsteller. Allerdings nicht, ohne privat weitere Tiefschläge zu erdulden.

Bradley verstarb fast an einer Penicillin-Allergie. Und sein Bruder wurde unweit des Hauses seiner Mutter erschossen. Ein Licht am Ende des Tunnels entzündete Gabriel Roth, Mitbegründer von Daptone Records. Das Plattenlabel aus Brooklyn hat sich in den vergangenen Jahren damit verdient gemacht, Soul- und Funkperlen zu veröffentlichen. Im Gegensatz zum Retrotrend, der mit jungen Sängerinnen wie Duffy protegiert wird, setzen Roth und sein Kompagnon Neal Sugarman allerdings verstärkt auf die alte Garde, die die Motown- und Stax-Ära noch leibhaftig erlebt hat. Sharon Jones etwa, die die Menge bei Auftritten gern mal alte Tänze wie The Duck oder The Swim lehrt. Oder Gospel-Queen Naomi Shelton, die ihre Konzerte regelmäßig in eine Art Gottesdienst verwandelt.

Die Daptones-Herren luden Bradley in ihre House-of-Soul-Studios für eine erste Session. Kurz darauf stellten sie ihm den Gitarristen und Songschreiber Thomas Brenneck vor, mit dem Bradley schließlich 2011 sein grandioses wie bewegendes Debütalbum "No Time For Dreaming" fertigstellte. Gemeinsam mit einer neu formierten Band hatten sie die schweren Steine von Bradleys Herz gerollt und in Songs gegossen. Im Titelstück erklärt er stolz: "Ich muss aufstehen und mein Ding machen." Bleibt nur zu sagen: Endlich!

Charles Bradley and his Extraordinaires Mo 13.8., 19.00, Gruenspan (S Reeperbahn), Große Freiheit 58, Karten zu 28,- an der Abendkasse; www.thecharlesbradley.com

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