Staatsoper
New Yorker "West Side Story" verzaubert Hamburg
Einhelliger Jubel nach der Premiere am Donnerstag: Diese "West Side Story" ist schön anzusehen, mit Leidenschaft getanzt und klingt gut.
Hamburg. Der Sommer, die theatertote Zeit, ist für den Rest des Monats August gerettet. Die "West Side Story" von Leonard Bernstein und Stephen Sondheim hat zwar 55 Jahre auf dem Buckel und kommt fast so originalgetreu über die Rampe wie bei der von Jerome Robbins choreografierten Uraufführung 1957; aber die großen Broadway-Musicalproduktionen laufen ja alle nach der Knebel-Devise: You shall never change a winning team. Und der einhellige Jubel nach der Premiere am Donnerstagabend in der Staatsoper gibt den Machern Recht. Diese "West Side Story" aus New York, die jetzt, nach Endproben in Berlin und ersten Aufführungen in Köln, vier Wochen lang in Hamburg Station macht, ist schön anzusehen, sie ist mit der Leidenschaft der Jugend gespielt und getanzt, und sie klingt gut.
Bernsteins Musik, live gespielt von einem präzis vorbereiteten kleinen (Jazz-)Orchester aus den USA (Leitung: Donald Chan), trägt die Show viel mehr als die Geschichte. Doch im zweiten Teil entfaltet das sehr frei nach Shakespeares "Romeo und Julia" erdachte Geschehen um die rivalisierenden Gangs der Sharks und der Jets in der New Yorker West Side eine beachtliche emotionale Kraft.
Vor allem Elena Sancho Pereg spielt sich als Maria mit ihrer jugendlichen Frische und Tiefe in die Herzen der Zuschauer. Ihr gewaltiger Opernsopran bringt manchmal die Mikroport-Anlage ans Limit. Liam Tobin als Tony sind andere stimmliche Grenzen gesetzt, doch auch er hat anrührende Momente auf der großen Bühne, die mit ihrer in Quadrate aufgezeichneten und verspiegelten dunklen Tanzfläche den geometrischen Grundriss der Straßen von Manhattan aufnimmt. Links und rechts schwenken nach Bedarf die typischen New Yorker Fassaden mit ihren Feuerleitern ins Bühnenbild.
Die Inszenierung ist komplett frei von allen Hinweisen auf im Lauf des vergangenen halben Jahrhunderts eventuell neu in die Welt gekommene Integrationsprobleme, was Liebhaber der sogenannten Werktreue entzücken wird. Das große Ensemble tanzt und spielt in bekannter amerikanischer Show-Perfektion, wobei das rasante Ballett der Sharks-Mädchen zu "America" und die Gruppenchoreografie zu "Officer Krupke" das Highlight an Witz, Timing und Kraft darstellen. Bei allem Respekt vor der konservatorischen Leistung in diesem Museumsdorf des Show-Business: Ein bisschen mehr Explosionsgefahr, ausgelöst durch ein Fünkchen mehr Bezugnahme auf den Zündstoff der Gegenwart, würde die "West Side Story" zu einem prickelnderen Theatererlebnis machen.
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