Buch-Tipp
Chris Adrian: Shakespeare in Kalifornien
Chris Adrian ist Arzt und Autor. In seinem Roman "Die große Nacht" verarbeitet er den "Sommernachtstraum" und eigene Erfahrungen.
Hamburg. Wenn Chris Adrian nicht gerade Romane oder Erzählungen schreibt, arbeitet er als Arzt. Sein Weg zur Klinik in San Francisco führte ihn immer wieder durch den Buena Vista Park. Meistens sehr früh am Morgen oder ganz spät am Abend. Und das befeuerte irgendwann seine Fantasie: "Zu diesen Zeiten sieht der Park oft sehr merkwürdig und unheimlich aus, wenn der Nebel hereinzieht gegen diesen hohen Berg. Ich konnte mir gut vorstellen, dass dort nachts seltsame Dinge passieren." Und die hat er aufgeschrieben.
"Die große Nacht" ist eine moderne Version von "Ein Sommernachtstraum". Anders als bei Shakespeare spielt sie eben nicht im Wald von Athen, sondern in Kalifornien. Der Roman ist eher fantastisch als komisch. Es gibt keine Hochzeit von Theseus und Hippolyta, keinen Lysander. Oberon und seine Elfenkönigin regieren unterirdisch in einem Hügel mit Elfen und ähnlichen Kreaturen.
Oberon hat Titania einen kleinen Jungen gebracht, den er der leiblichen Mutter gestohlen hat. Zum ersten Mal empfindet sie Mutterliebe, aber das Kind stirbt an Leukämie, und Oberon verlässt sie. Die einsame Königin hat danach überhaupt keine Lust, das Fest der Sommersonnenwende zu feiern. Stattdessen löst sie den Zauber, der die zerstörerischen Kräfte von Oberons Leibdiener Puck gebändigt hat. Danach geht es nicht nur im magischen Reich drunter und drüber, sondern auch im Leben der Menschen. Von Henry, dem Mann mit dem Putzfimmel, der von seinem Freund Bobby verlassen worden ist, aber auch von Molly, die mit dem Tod ihres Partners Ryan nicht fertig wird. Baumchirurg Will hofft dagegen, dass er sein zerrüttetes Verhältnis zu Carolina wieder kitten kann.
Adrian entwirft hier ein großes, vielschichtiges, fantastisches Tableau mehrerer virtuos miteinander verbundener Handlungsstränge. Er schreibt phasenweise brillant, manchmal etwas eitel. Er macht nicht nur Anleihen bei Shakespeare, sondern auch bei "Alice im Wunderland" und vielen Quellen der populären Kultur. Aus den Handwerkern der Komödienvorlage wird bei ihm eine Gruppe von Obdachlosen, die im Wald für das Musical "Soylent Green" probt. Gelegentlich bricht die Realität in die fantastische Welt herein. Adrian erwähnt Carly Simon, Mariah Carey, Chers Schlafzimmer, Grace Jones und zitiert George W. Bush ("mission accomplished").
Erstaunlich viele Anleihen hat er aber bei seinen eigenen Lebenserfahrungen gemacht. Adrian arbeitet heute als Kinderkrebsarzt. Die Episode von Oberon und Titania, die ihr Kind zur Leukämiebehandlung ins Krankenhaus bringen, basiert auf einem konkreten Fall. Adrian holte sich die Erlaubnis der Eltern, um ihn fiktiv verarbeiten zu können. Als junger Krebsarzt hatte der 1970 geborene Autor sehr damit zu kämpfen, die Krankenhauserlebnisse zu verarbeiten. "Man muss einen Weg finden, wie man es schafft, jeden Tag wieder zur Arbeit zu kommen, auch wenn dort ziemlich schreckliche Dinge passieren. Es hilft, wenn man schreibend darüber reflektiert, was passiert." Viele ältere Kollegen erzählten ihm, dass ihr erstes Jahr auf der Kinderkrebsstation das schwerste in ihrem Leben war. Unter dem Druck litt auch sein Privatleben, seine Beziehung ging in die Brüche. Deshalb hat er auch die unter Trennungen leidenden Menschen in den Roman hineingeschrieben. Heute unterrichtet er, der 1988 ein Jahr lang Austauschschüler in Dortmund war, selbst Medizinstudenten im "creative writing", wenn er es schafft, sie zu überzeugen. "Einige denken, das sei Zeitverschwendung, weil es nicht so prüfungsrelevant ist, wie ein EKG zu lesen oder einen Labortest zu interpretieren."
Adrian hat lange tagsüber praktiziert und nachts geschrieben. Das geht jetzt nicht mehr. "Die Ansprüche steigen auf beiden Seiten", weiß er. Es wäre schade, wenn Adrian sein schriftstellerisches Talent hintanstellen würde, andererseits kann sein "Zweitberuf" immerhin Leben retten. Leser und Kritiker mögen jedenfalls seine Bücher. Er wurde nicht einmal dafür kritisiert, sich an den Klassiker Shakespeare herangewagt zu haben. Allerdings brachten ihm einige intime Textpassagen eine Nominierung für den "Bad sex in fiction"-Preis ein. Der wird nur an Romanautoren vergeben. Ob seine nächste Arbeit deshalb ein Theaterstück werden soll? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
















