Gesang
Emotionsträger Stimme - Die Seele sitzt im Hals
Was unsere Stimme über uns verrät und warum Singen so wichtig ist - nicht nur für die Profis und sonntags, sondern für alle und jeden Tag.
Das Känguru singt. Jedenfalls in dem Lied, das die junge Frau mit der Gitarre anstimmt. Elf Kinder, drei bis fünf Jahre alt, sitzen im Kreis um sie herum, aber der kriegt ziemlich schnell Beulen, weil die Kinder immer näher an die Sängerin heranrutschen. Nach ein paar Takten fangen einige an zu hüpfen. Andere winken, wieder andere singen mit - und ein Junge sitzt mit weit aufgerissenen Augen einfach nur da und bewegt lautlos die Lippen. Man kann es geradezu greifen, wie der ganze, kleine Körper auf Empfang gestellt ist.
"Manche der Jüngeren sind noch nicht soweit, dass sie gleichzeitig aufnehmen und mitmachen können. Sie gucken erst mal nur was geschieht. Aber sie saugen Musik auf wie ein Schwamm", sagt Corinna Sieg. Die 30-Jährige, im Hauptberuf Musicaldarstellerin, kommt jede Woche in die Bahrenfelder Kita Rasselbande und singt in zwei Gruppen mit den Kindern. Die Eltern haben sich das gewünscht. Und sie bezahlen extra dafür.
Mit der Singstunde ist die Rasselbande auf der Höhe der Zeit: In gebildeteren Kreisen ist es heute Gemeingut, dass Singen die Persönlichkeitsentwicklung begünstigt - stärkt es doch so wichtige Kompetenzen wie Selbstvertrauen und Empathiefähigkeit.
Dessen ungeachtet wird in den Elternhäusern immer weniger gesungen. Längst nicht alle Schulen und Kindergärten haben die Mittel, diesen Mangel durch zusätzliche Lehrkräfte oder Fortbildungen auszugleichen. "Erzieher und Lehrer trauen sich nicht mehr zu singen", klagt der international tätige Bariton Hanno Müller-Brachmann, selbst Vater von drei Kindern. "In unseren Bildungseinrichtungen arbeitet eine stimmlose Generation."
Dieser Befund ist beileibe keine bloße Befindlichkeit einer bildungsbürgerlich-elitären Kaste. Schon möglich, dass mangels geeigneter Pädagogen die eine oder andere kleine Anna Netrebko unentdeckt bleibt. Doch grundlegender, gravierender ist etwas anderes: Wo nicht gesungen wird, geht unserem Miteinander etwas verloren. Profi oder Laie, Pop, Rock oder Klassik: Kein anderes Musikinstrument klingt so individuell wie die Singstimme, kein anderes geht uns so nah.
+++ Singen macht glücklich und klug +++
Die Stimme ist Ausdruck der Seele. Ohne es uns überhaupt bewusst zu machen, erkennen wir in Sekundenbruchteilen am Stimmklang eines vertrauten Menschen, wie es ihm geht - sogar durchs Telefon. Ob die Stimme heiser klingt oder obertonreich, ob sie belegt ist oder frei, in welcher Tonhöhe und wie melodisch jemand spricht, all das transportiert ungezählte seelische Nuancen von zärtlich über fröhlich bis wütend. "Die Stimme ist ein wichtiger Emotionsträger", sagt der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Bernhard Richter, Professor am Institut für Musikermedizin der Freiburger Universitätsklinik. "Das ist uns angeboren, genauso wie laufen oder klettern."
Doch genauso wie Kinder immer wieder auf Bäume klettern müssen, um immer besser klettern zu lernen, verhält es sich auch mit der Stimme. "Wer seine Stimme nicht trainiert, der kann seine Emotionen stimmlich auch nicht so differenziert vermitteln", sagt Richter. Und das beste Training für eine modulationsfähige Stimme ist natürlich - das Singen.
Nur - warum hat es das Singen in Deutschland so schwer? Viele finden es peinlich oder uncool, je nach Generation. Doch was hinter diesem diffusen Unbehagen steckt, ist damit noch lange nicht erklärt. Manchem ist es womöglich gerade deshalb unangenehm, sich singend hören zu lassen, weil er instinktiv spürt, wie viel er damit von sich preisgibt. Und klassische Sängerwecken oft Befremden oder gar Misstrauen, weil sie sich in der Ausbildung vom naturbelassenen Stimmklang wegentwickeln. Das Klangideal der klassischen Musik orientiert sich nämlich grundsätzlich am italienischen Belcanto, also Schöngesang. Beim Belcanto erklingt etwa ein wesentlich größerer Anteil einer Silbe als Vokal als bei einer unausgebildeten Stimme, und der Sänger setzt Vibrato gezielt ein. Gerade solche Merkmale einer für Konzertsaal und Opernbühne ausgebildeten Stimme wirken auf viele ungeübte Hörer weniger kunstvoll als künstlich, um nicht zu sagen affektiert. Auch jenseits der Tempel der Hochkultur sieht es nicht besser aus. Das Volkslied etwa gehört auf der ganzen Welt, von den Inuit am Polarkreis bis zu den Yanomami im Amazonasgebiet, zum Identitätskern jeder Volksgruppe. Doch in Deutschland leidet es bis heute unter dem Bannfluch des Philosophen Theodor W. Adorno. "Singen tut nicht not", dekretierte er in den 50er-Jahren. Adorno hatte nachvollziehbare Gründe, schließlich hatten die Nazis das Volkslied gnadenlos für ihre Zwecke missbraucht. Dafür konnte das Volkslied natürlich nichts. Trotzdem war das Singen als solches diskreditiert, selbst aus den Ausbildungsrichtlinien für Pädagogen wurde es gestrichen. Erst in den letzten Jahren zeichnet sich eine zarte Renaissance ab; Titel wie "Bunt sind schon die Wälder" oder "Sah ein Knab ein Röslein stehn", lange Zeit unter Kitschverdacht, finden sich wieder in den CD-Regalen.
Zu den Fürsprechern des Volkslieds gehören nicht nur Gesangsprofis wie die preisgekrönte A-cappella-Formation Singer Pur. Der Musiksoziologe Karl Adamek hat 2002 das Singprogramm "Canto Elementar" entwickelt, das kürzlich mit dem Deutschen Nationalpreis ausgezeichnet wurde: Ehrenamtliche Singpaten besuchen Kindergärten und singen mit den Kindern und den Erzieherinnen Volkslieder. Die meisten der Singpaten sind Senioren, sie tragen das Liedgut ihrer Kindheit spielerisch in die nächste und übernächste Generation.
Das ist ganz im Sinne des Forschers Bernhard Richter. "Um singen zu lernen, brauchen die Kinder ein Gegenüber", sagt er. "Canto Elementar" ist ein Modell dafür, wie "Häschen in der Grube" und Co. wieder in die Kindergärten finden können. Die Kita Rasselbande hat den Anfang schon gemacht. "Wir haben das Singen in den Alltag integriert", sagt die Leiterin Manja Neumann. "Statt zu rufen, singen wir: vor dem Essen, vor dem Aufräumen, zum Schlusskreis sowieso." Wer je den selbstvergessenen Singsang erlebt hat, in dem die Kinder die ritualisierten Melodien mit sich tragen wie einen Lieblingsteddy, der braucht keine klugen Vorträge zu hören, der kann es mit dem Herzen erfassen: Singen ist ein Grundnahrungsmittel.















