Fernseh-Tipp
Die Kennedys: Im Zentrum der Macht
Das achtteilige Doku-Drama "Die Kennedys" mit Katie Holmes und Greg Kinnear blickt hinter die Kulissen der berühmtesten aller Familien.
Hamburg. Das Licht, das durch die offene Verandatür fällt, scheint die letzte Kraft zusammengenommen zu haben, den Novembertag zum Strahlen zu bringen. Doch nichts kann den Mann im Rollstuhl trösten, der sich die amerikanische Flagge wie ein Schutzschild um die Schultern gelegt hat. Nichts kann den Sohn zu seiner Linken trösten, der aussieht, als sei das Leben aus ihm gewichen. Es ist der 23. November 1963. Am Tag zuvor wurde Präsident John F. Kennedy in Dallas erschossen; die Welt seines Vaters Joseph und seines Bruders Bobby Kennedy sackte in sich zusammen wie ein Kartenhaus im Sturm. Die Szene der trauernden Männer bringt auf den Punkt, wovon die US-Serie "Die Kennedys" im Kern handelt: Von der Last der Verantwortung und den Mühen des Aufstiegs. Von der Müdigkeit und der Leere, die sich einschleicht, wenn Menschen ihr Leben allein dem Kampf, dem Sieg, dem Heimatland widmen.
Nach monatelangem Gelärme um das Doku-Drama, nach Klagedrohungen und "Charaktermord"-Vorwürfen von Kennedys einstigem Redenschreiber, JFK-Tochter Caroline und dessen Nichte Maria Shriver wurden "Die Kennedys" 2011 erfolgreich in den USA, in Kanada und Großbritannien ausgestrahlt; von heute an sind sie beim deutsch-französischen Sender Arte zu sehen. In dem achtteiligen Film stecken alle Zutaten, die es für ein Drama der Preisklasse Champions League braucht: Intrigen, Affären und Machtspielchen im Hinterzimmer, große Lieben, früher Tod. So viel ist geschrieben, geredet, gesendet worden über das glamouröseste und faszinierendste Paar des 20. Jahrhunderts, so vieles ist da noch, was die historischen Überlieferungen in neuem Licht erscheinen lässt, ändert man den Blickwinkel um ein paar Grade. Wer die Geschichte der Kennedys verstanden hat, der hat Amerika und die Welt zur damaligen Zeit verstanden.
Ausgerechnet Greg Kinnear spielt John F. Kennedy, der bislang vor allem Losern sein Gesicht geliehen hat. Helden, die mitten am Tag aussahen, als seien sie gerade aufgestanden. Hier ist er der Mann im Zentrum der Macht, der trotz Rückenleiden mit federndem Gang ins Oval Office marschiert, der gnadenlos smart und mit nie hinterfragter Anspruchshaltung die Welt um den kleinen Finger wickelt, dabei allerdings von einer Sinnkrise in die nächste taumelt. Erstaunlicherweise kommt man JFK in den gesamten 320 Minuten nicht wirklich nah. Im Privaten bleibt er der König der Unberührbaren, Profil zeigt er allein bei der Bewältigung der Kuba-Krise sowie als Hoffnungsträger der schwarzen Amerikaner.
Joel Surnow, der auch die Terrorismusserie "24" ausgeknobelt hat, richtet sein Augenmerk in "Die Kennedys" vor allem auf Bruder Bobby (herausragend gespielt von Barry Pepper, der dafür einen Emmy gewann) sowie Ehefrau Jackie, die beide mit dem Druck hadern, den der Repräsentantenstatus mit sich bringt. Sie wird hochschwanger vor die Kameras gezerrt, "um die Idioten da draußen um den Finger zu wickeln", er ist der Aufräumer und Wegputzer jedem vom Präsidenten verursachten Schlamassel. Was das Ostküstenmädchen Jacqueline Bouvier und den mit messdienerhafter Disziplin gesegneten Robert Kennedy verbindet, ist die Sehnsucht nach einem Leben fern der Öffentlichkeit. Ironischerweise sind es gerade diese beiden Menschen, die sich Präsident JFK bis zur Selbstverleugnung unterworfen haben.
"Die Kennedys" geben dem Zuschauer einen Eindruck, wie sehr Jackie die Affären ihres Mannes, von denen Marilyn Monroe nur die berühmteste war, hinter der stets perfekt ondulierten Fassade verletzt haben könnten. Ihre Einsamkeit, die Fehlgeburten, ihre mediale Vermarktung durch den Kennedy-Clan – allen Kummer dieser Frau packt die rehhafte Katie Holmes in einen um Contenance bemühten Ausdruck, der um die Bedeutung weiß, "eine Kennedy zu sein". So nennt es Joseph Kennedy Senior (Tom Wilkinson), der Patriarch, der den ruhmreichen Aufstieg der Familie überhaupt erst möglich gemacht hat. Der Film beginnt an den Tagen vor dem 8. November 1960 – dem Tag, an dem der privilegierte Kennedy-Spross John Fitzgerald zum Präsidenten der USA gewählt wurde. Er mag den Hauptgewinn in der Gen-Lotterie gezogen zu haben; die Wahlkämpfe in den Kleinstädten, die Ochsentour Richtung Macht hätte er ohne Vater und Bruder niemals durchgestanden, darüber lassen die Macher keine Zweifel aufkommen.
"Die Kennedys", gedreht in Hamilton und Toronto, wo man Ersatz fand für die Originalschauplätze Boston und Hyannis Port in Massachusetts, ist ein Film über große Männer mit großen Fehlern. Ein Film, der sich manchmal zwischen holzvertäfelten Wänden und in Verandatüren verfangenen Windböen im Pathos verliert ("Dein Daddy hat gerade die Welt gerettet"), aber derart mitreißend und emotional von dem erzählt, was man gemeinhin Schicksal nennt, dass man als Zuschauer gar nicht anders kann, als einzutauchen in das Leben dieser bis heute berühmtesten aller Familien.
Vom Politdrama "Thirteen Days" über das episodische Porträt "Bobby" bis hin zum mit Leonardo DiCaprio verfilmten Porträt "Edgar J. Hoover" über den damaligen FBI-Chef ist das US-Kino bis heute nicht vorstellbar ohne das Personal der Kennedys. Aber so detailreich, so historisch genau von Jacks knarzendem Schaukelstuhl im Oval Office bis hin zu Jackies wippenden Pillbox-Hütchen und dem Kuchen aus den letzten Pfirsichen des Sommers – so inhaltssatt wie in "Die Kennedys" hat man diese Familie lange nicht gesehen.
"Die Kennedys", 26.7., 20.15 Uhr, Arte















