25.07.12

Hotzenplotz feiert Geburtstag

Der Mann mit den sieben Messern wird 50

Generationen von Kindern wurden mit Otfried Preußlers "Räuber Hotzenplotz" groß, dem wohl sympathischsten Unsympathen des deutschen Kinderbuchs

Foto: Altonaer Theater
Den kennt fast jedes Kind: Otfried Preußlers "Räuber Hotzenplotz"
Den kennt fast jedes Kind: Otfried Preußlers "Räuber Hotzenplotz"

Frankfurt/Main. Mit Großmutters neuer Kaffeemühle nimmt das Unheil seinen Lauf. Nichts ahnend sitzt die alte Dame vor ihrem Häuschen und mahlt Kaffee, als plötzlich ein fremder Mann mit struppigem schwarzen Bart, Hakennase, Schlapphut und sieben Messern im breiten Gürtel auftaucht. Mit vorgehaltener Pistole luchst er der Großmutter, die bald darauf in Ohnmacht fällt, die neue Kaffeemühle ab, die so schön "Alles neu macht der Mai" spielt.

Generationen von Kindern kennen diese erste Szene des "Räubers Hotzenplotz" auswendig und wuchsen auf mit Gestalten wie dem bösen Zauberer Petrosilius Zwackelmann, dem Wachtmeister Alois Dimpfelmoser und der Wahrsagerin Witwe Schlotterbeck. Am 1. August jährt sich das Erscheinen des Kinderbuchklassikers von Autor Otfried Preußler zum 50. Mal.

Eigentlich habe er sich mit der klassischen Kasperlgeschichte 1962 nur von der Arbeit an seinem düsteren Buch "Krabat" ablenken wollen, erinnert sich Preußler jetzt in einem Interview. Er habe sich gedacht: "Jetzt schreibst du mal Lustiges, etwas zum bloßen Spaß – sagen wir eine Kasperlgeschichte, in der alle Personen vorkommen, die zu einem richtigen Kasperlstück gehören, einschließlich Räuber und Polizist." Den markanten Namen des Räubers lieh er sich bei der Stadt Osoblaha in Mährisch-Schlesien, die den deutschen Namen Hotzenplotz trägt. "Als ich mir die erste Geschichte vom Räuber Hotzenplotz ausdachte, habe ich natürlich nicht ahnen können, welchen ungewöhnlichen Anklang der Mann mit den sieben Messern beim verehrlichen Publikum finden würde", sagte Preußler im Interview mit seinem Verlag Thienemann.

Der Erfolg war in der Tat gewaltig: Die insgesamt drei "Hotzenplotz"-Bände verkauften sich weltweit mehr als 7,5 Millionen Mal und allein in Deutschland über fünf Millionen Mal. Das erste Buch wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt, darunter Koreanisch, Litauisch, Russisch, Chinesisch und Afrikaans. Es erscheint zurzeit in der 64. Auflage.

Auch auf den Theaterbühnen und im Kino wurde "Der Räuber Hotzenplotz" überaus erfolgreich. 1967 brachte die Augsburger Puppenkiste die Geschichte auf die Marionettenbühne und damit ins Fernsehen. 1974 kam der Räuber zum ersten Mal ins Kino, mit Gert Fröbe in der Titelrolle. Eine neue Verfilmung folgte 2006 ebenfalls mit großem Staraufgebot: Hier spielte Armin Rohde den Hotzenplotz, in weiteren Rollen waren Christiane Hörbiger, Rufus Beck, Katharina Thalbach und Barbara Schöneberger zu sehen.

"Flut von Briefen und Postkarten"

Zu den Fortsetzungsbänden wurde Preußler quasi von seinen jungen Lesern gezwungen. "Ich habe keineswegs die Absicht gehabt, diesem (dem ersten) Kasperlbuch ein weiteres folgen zu lassen, was ich sogar beweisen kann", sagte der inzwischen 88-jährige Autor. "Sonst hätte ich nämlich den großen und bösen Zauberer Petrosilius Zwackelmann unter keinen Umständen bereits im ersten Band das Zeitliche segnen lassen. Sieben Jahre später, nachdem tausende Kinder mich mit Anfragen, Bitten und detaillierten Vorschlägen für weitere Hotzenplotz-Bücher bestürmt hatten, habe ich mich wohl oder übel dazu entschließen müssen, einen zweiten Hotzenplotz-Band zu schreiben, und da hat es mir dann um den leichtfertig aus dem Spiel gebrachten Herrn Zwackelmann ganz schön leidgetan."

Dennoch unterlief Preußler nach eigenen Worten auch im zweiten Band "Neues vom Räuber Hotzenplotz" (1969) wieder ein folgenschwerer Fehler: Er versäumte es, den in ein Krokodil verzauberten Dackel Wasti am Ende wieder zurückzuverwandeln. "Die Folge davon? Eine neuerliche Flut von Briefen und Postkarten mit der immer wiederkehrenden Frage, wie es denn mit dem Wasti Schlotterbeck weitergeht", erinnerte sich der Schriftsteller. "Diesmal hat es bloß noch vier Jahre gedauert, bis ich mürbe gewesen bin. Da habe ich dann 'Hotzenplotz 3' geschrieben und bin peinlichst darauf bedacht gewesen, am Ende des Buches nur ja keinen offen gebliebenen Handlungsfaden zu übersehen." Das Publikum fand sich – sicher schweren Herzens – damit ab.

Preußler selbst wurde spätestens mit der "Hotzenplotz"-Trilogie zu einem der wichtigsten deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchautoren. Er ist der Vater von Buchhelden wie dem "Kleinen Wassermann", der "Kleinen Hexe" und dem "Kleinen Gespenst", die die Kindheit von mehreren Generationen prägten. Seine insgesamt 32 Bücher wurden weltweit 50 Millionen Mal verkauft.

Das Publikum war für den aus Nordböhmen stammenden Schriftsteller, der seit 1949 in Oberbayern lebt, immer das Wichtigste. "Wie unendlich froh und dankbar bin ich, (...) ob Sie es glauben oder nicht, Kinder sind das beste und klügste Publikum, das man sich wünschen kann. Kinder sind strenge, unbestechliche Kritiker." Und bei ihnen sind die "Hotzenplotz"-Geschichten auch nach 50 Jahren noch so beliebt wie eh und je. "Die Kids von heute tragen vielleicht andere Kleidung, sie sind ständig von vielen, damals noch unbekannten Dingen gefordert", sagte Preußler. "Und trotzdem: Sie brauchen gute Geschichten. Und gute Geschichten erkennen und verstehen sie, immer und überall und zu jeder Zeit!" (dapd)

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