25.07.12

Sommer-Lektüre

Unangenehmes Strandgut: Der Tanz der Medusen

Feuerquallen sind keinesfalls der Schrecken der Meere, wohl abe der Badenden. Dabei schafft der Mensch ihnen ständig neue Quartiere.

Foto: picture alliance / dpa Themendie/dpa Themendienst
Ein Ohrenquallen-Massentreffen im Hafen von Burg auf Fehmarn
Ein Ohrenquallen-Massentreffen im Hafen von Burg auf Fehmarn

Ja, ja, ja. Sie sind eklig und gehirnlos. Sie brennen. Sie verderben den Badespaß. Die Rede ist von "Feuerquallen", zoologisch korrekt Blaue Nesselquallen und Gelbe Haarquallen. Kommt man mit ihnen in Berührung, was schon im flachen Meereswasser passieren kann, wird die Haut an Füßen und Knöcheln sprichwörtlich feuerrot, juckt, schwillt unter Umständen allergisch an.

Lebensgefahr besteht aber nicht, auch wenn uns das Arthur Conan Doyle in seinem Sherlock-Holmes-Krimi "Die Löwenmähne" (1926) weismachen will. Die da als Mörderin eines halb nackten Mannes am Strand entlarvte Gelbe Haarqualle steigert zwar die dramatische Spannung, doch im wahren Leben haben ihre Tentakel noch keine Menschenseele um die Ecke gebracht. Kriminelle Energien weist hingegen die Portugiesische Galeere auf, deren Name bereits Martialisches ahnen lässt. Das Gift dieser bläulich schimmernden Wasserwesen, die aus Tausenden von Polypen bestehen, kann zu Lähmungen, Atemnot, sogar Herzstillstand führen. Zu Recht wird vor diesen Quallen gewarnt. Vorzugsweise suchen sie die Küsten der Kanarischen Inseln auf, die Strände von Südspanien, um Malta, Miami Beach und Kuba. Selbstverständlich in der Hochsaison!

Dass die Nesseltiere selbst aber keine Schuld trifft, wenn sie sich durch Überfischung und Überdüngung seit einer Weile sehr viel schneller vermehren, interessiert Otto Normalurlauber dieser Regionen kaum. Und es dürfte ihm auch ziemlich egal sein, dass ständig neue Kais, Stege und Marinas gerade Polypen super Wohnbedingungen zur Verfügung stellen. Das gilt auch für Bohranlagen draußen im Meer. Aber die sind ja vom Strand aus nicht zu sehen. Kommen wir zum Schluss noch zur Seewespe aus der Familie der Würfelquallen. Ihr Toxincocktail ist stärker als Kobragift. Bei ihrer Jagd auf Fische und Garnelen gelangen die grazilen "Killer" dicht in Ufernähe, besonders an der Nord- und Ostküste Australiens. Badebuchten und Strände sind hier darum mit engmaschigen Netzen abgeschirmt.

An den deutschen Küsten treibt hauptsächlich die Ohrenqualle umher. Und obwohl diese Aurelia aurita völlig harmlos ist und keiner Fliege was zuleide tut, hat auch sie keine Freunde. Vielmehr sieht man erstaunlich oft am Strand, wie sich der Sadismus unserer jugendlichen Hoffnungsträger speziell an Quallen austobt, indem sie zermatscht, zerhackt und zertreten werden. Erziehung? Wo kommen wir denn da hin!

Jerry Hopkins, Autor der Kultbiografie über die Rocklegende Jim Morrison ("The Lizard King"), gab unlängst kund, dass Quallen in Japan zu Haustieren aufgestiegen sind. Sie sabbern nicht, bellen nicht, zerkratzen kein Sofa, man muss nicht mit ihnen Gassi gehen, als "lebendige Lavalampen" beruhigen sie im Aquarium. Läutet unerwartet Besuch an der Tür, heißt es: Schluss mit Haustier, klatsch aufs Küchenbrett, in Scheiben geschnippelt, und fertig ist der Quallensalat. Feinschmecker Jerry Hopkins empfiehlt zum Würzen in seinem Bestseller "Strange Food" (2001) Erdnussbuttercreme, Sojasauce, Zucker, Essig, Sesamöl. Und zum Trinken grünen Tee. Für mich bitte einen doppelten Whisky!

Die Medusen der Meere gehören zu den ältesten Tieren der Erdgeschichte, fossile Spuren legen die Vermutung nahe, dass sie seit 670 Millionen Jahren auf unserem Planeten existieren. Wie Ballerinen schweben sie mit ihren langen verschlungenen Tüllschleppen durch die Unterwasserwelt. Spitzentanz kennen sie nicht, nie haben sie an der Stange geübt. Bei manchen ihrer Attitüden bildet man sich ein, leise im Hintergrund Strawinsky oder Debussy zu hören.

Die Medusenschirme, ausladend zuweilen wie Wagenräder, glühen orange, blauviolett, neongrün. Wie viele Mitglieder das gesamte Medusen-ensemble zählt, bleibt rätselhaft. Mehrere Hundert auf jeden Fall. Meeresbiologen entdecken ständig neue Wunder.

Rippenquallen sind keine Medusen, sondern eine eigene Spezies. Sie haben keine giftigen Nesselzellen, schießen darum auch keine tödlichen Harpunen ab. Hauptmerkmal der zarten Geschöpfe ist ihre Durchsichtigkeit. In einem Heft der Neuen Brehm-Bücherei über "Die Glastiere des Meeres" (1958) steht ein hübscher Vergleich: "Durch ein faustgroßes Tier hindurch kann man noch die feinste Druckschrift lesen. Der Körper ist so klar und hell wie das Wasser selbst." Wie gewebte Schleier, versehen mit Flimmerplättchen, bewegen sich die Rippenquallen gern auch in der Nordsee und Ostsee.

Außerhalb ihres Elements würden sie in Bruchteilen von Sekunden "wie Eiweißschnee" auseinanderfallen. Anders die Seestachelbeere, eine Variante von ihr. Die drei Zentimeter runde Meeresfrucht, auf den ersten Blick leicht zu verwechseln mit einem Edelstein, findet man hier und da am Strand. Aber nicht zum Verzehr gedacht!

Medusen haben alte treue Verehrer. Der wohl bekannteste ist der Zoologe Erich Haeckel von der Jenaer Universität. 1854, als 20 Jahre alter Student, begann er vor den Felsen der Insel Helgoland, die "reizenden Thiere" zu erforschen, zu skizzieren und zu malen. Monatelange Reisen führten ihn nach Skandinavien, Schottland, Irland, Holland, Belgien, nach Frankreich, Italien, Dalmatien, um an den dortigen Küsten die Medusenfauna zu studieren.

Das Ergebnis der umfänglichen Recherchen, bei denen er sich auch vom Wissen der "Schiffs-Capitaine" beraten und aus der Tiefsee Quallen mitbringen ließ, veröffentlichte Erich Haeckel schließlich 1879 unter dem Titel "Das System der Medusen", ergänzt von einem Bildatlas, dessen Tafeln aus seiner Feder zu den schönsten naturkundlichen Aquarellen des 19. Jahrhunderts zählen.

Eine weithin vergessene Medusen-Verehrerin ist die Jugendstilkünstlerin Helene Varges. In ihrem Buch "Flutkante und Inselflora" (1923) inszeniert sie Quallen wie für einen glanzvollen Bühnenauftritt oder ein festliches Defilee. Als Primaballerina tanzt eine Kompassqualle, Chrysaora melanaster . Aus ihrer samtenen goldbraunen Glocke fließt ein verführerischer Rock aus hauchdünnen Fäden, deren Enden im Takt der Musik winken, sich kräuseln. Der Tanz, umgeben von anderen Medusen, füllt den ganzen Raum. Endlos möchte man weiterschauen.

Der Weimarer Theaterkritiker Alfred Kerr könnte Helene Varges persönlich gekannt haben. Vielleicht inspirierten ihn ihre Zeichnungen zu seinem eigenen Stück über Quallen, jene "wunderbaren Schalen mit veilchenfarbenem Inhalt", denen er in zehn Miniaturen huldigte. Der gebürtige Breslauer "schlemmte" Impressionen, wanderte gern am Ostseestrand, berauschte sich an der Schönheit der Medusen, die er vom aufsteigenden Wind in ihrer "ursprünglichen Herrlichkeit, im hohen Glanze des Meeresdaseins" vor sich im Wasser sah.

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