19.07.12

Bücher

"Shakespeares Hühner" - Viel Gegacker über die Liebe

Der Berliner Schriftsteller Ralf Rothmann erzählt in "Shakespeares Hühner" hinreißende Geschichten über unsere kleinen, großen Dramen.

Foto: Getty Images
"Jedes Ding wird mit mehr Genuss erjagt als genossen", sagte Shakespeare, und dieses Huhn hat ihn offenbar sehr genau gelesen
"Jedes Ding wird mit mehr Genuss erjagt als genossen", sagte Shakespeare, und dieses Huhn hat ihn offenbar sehr genau gelesen

In den ersten beiden Geschichten seines neuen Erzählungsbandes nimmt Ralf Rothmann den Leser mit nach Frankreich. In die Fremde, in der man doch auf das Vertraute hofft. Manchmal ist man schon etwas älter, aber immer noch jung, wenn man in einem Caféin Montparnasse sitzt an einem der letzten Tage in Paris. Sie sitzt also im "Dome", die Hauptfigur der ersten Erzählung, denkt an einen Bertram, den sie nach ihrer Rückkehr in Berlin wohl heiraten wird, so genau erfährt man das nicht. Es geht aber auch gar nicht um das Morgen zurück in Deutschland, sondern um das Heute in Paris.

Es ist ein seltsam unbestimmtes Heute. Sie rekapituliert das Jahr, das sie als Lehrerin in Paris verbracht hat: "Nicht ein einziges Mal war sie eingeladen worden von den französischen Kollegen." Auf das, was sie zu Hause erwartet, scheint sie sich nicht zu freuen, und dann wendet sie sich an einen Mann, der französisch mit deutschem oder österreichischem Akzent spricht: "Entschuldigung! Ich kenne sie!" Es ist ihr sofort peinlich, sie fügt noch leise hinzu, dass es ein Traum sei, aus dem die Bekanntschaft rühre. Der Herr, er trägt frisch gesammelte Pilze in seinem Hut, lächelt, er antwortet: "Ich erinnere mich ..." Was ist das? Eine luftige Version der Sehnsucht? Zarte Trauer? Skurrile Vergeblichkeit?

+++ Zwischen Berlin und dem Pott +++

In der zweiten Erzählung des Bandes "Shakespeares Hühner", wie das neue Werk des Berliner Schriftstellers Rothmann heißt, sind die Protagonistinnen noch jünger als in der ersten. Sie haben aber schon die Sehnsucht geschmeckt, und auch sie sind in Frankreich und erleben einen Abschied. Friederike lässt sich eine neue Frisur machen ("Ich ließ meine Haare in Avignon ...") und hat Sex mit einem zartbesaiteten deutschen Soldaten, der wegen eines Rekrutenaustausches in Avignon ist. Aber am Ende steht Friederike ohne ihre Reisefreundin Dinah da, die sie aus der Theatergruppe kennt. Sie sind wegen des Theatertreffens in Avignon, und Gefühle spielen bei dem Post-Abitur-Trip auch eine Rolle. Dinah ist in Friederike verliebt, und das ist ja eine existenzielle Sache. Besonders wenn es vielleicht um die erste Liebe geht.

Friederike hat, als sie sich auf ihre Verkörperung der Desdemona im "Othello" vorbereitete, ein altes Theaterbuch über die elisabethanische Epoche gelesen, in der statt von Helden immer von "Hünen" die Rede ist: "Deswegen las ich immer 'Hühner' und kapierte erst mal nichts." Eine fruchtbare, freudianische Fehlleistung. Denn wir sind ja eigentlich nur Hühner - Shakespeares Hühner: "Wir machen ein unglaubliches Gegacker um lauter Kram - Prüfungen, Lockenstäbe, Handymarken, Geld - und wissen insgeheim doch alle, dass es nicht das Wahre ist."

Was ist das Wahre? Um diese Frage geht es aller Literatur, ob sie darauf aus ist oder nicht. Der vielgelobte Erzähler Ralf Rothmann, geboren 1953 in Schleswig, aufgewachsen im Ruhrgebiet, wurde bereits mit etlichen Preisen ausgezeichnet. Er ist der heimliche Lieblingsautor der einsamen Großstadtcowboys und der unversöhnlichen Individualisten, die lieber von draußen nach drinnen schauen, als im Auge des Sturmes die eigenen Träume an sich vorbeiziehen zu sehen. Rothmanns Geschichten und Romane (sieben seit 1991) spielen in Berlin und im Ruhrgebiet. Rothmann, der gelernte Maurer, ist ein großer Stilist. Und ein wunderbarer Chronist unserer brüchigen Lebensläufe, die manchmal scheitern, oft aber eine transzendentale Erfüllung finden.

Es gibt immer offene Rechnungen in den Biografien von RothmannsFiguren, die uns so nah sind wie nurirgendwelche, auch wenn wir mit ihren Repräsentanten im wirklichen Leben nur beiläufig etwas zu tun haben.Einen "neorealistischen Chronisten des Lebens am Boden der Städte" hat einLiteraturkritiker Rothmann treffend genannt. In seinem letzten Roman, dem brillanten "Feuer brennt nicht", modellierte Rothmann eine Künstlergeschichte zur großen Tragödie um Begehren und Verzicht. Solch existenzielle Wucht haben seine neuen Erzählungen nicht, aber es geht doch immer um mehr als nur das Übliche, das sich in der Hektik des Alltags abspielt.

In der "Traber-Sonate" treffen sich zwei alte Bekannte, einer schwer krank, der andere fidel: Dabei war Letzterer derjenige, den die DDR wegen angeblicher Sabotage einsperrte. Der gescheiterte Republikflüchtling erkennt seinen Besucher in den Stallungen einer Trabrennbahn nicht sofort. Wie Rothmann das Wiederbegegnen beschreibt, die anfängliche Überrumpelung und spätere Überwältigung, ist groß: "Ich schloss sogar die Augen und überließ mich einen Moment lang den großen Händen und dem Geruch nach Rauch, Schweiß und Alkohol und spürte, dass irgend etwas zwischen uns geschah, über das ich keine Kontrolle mehr hatte, das gewaltig war und beiläufig zugleich. Als würden die letzten 35 Jahre von einem Herzschlag zum anderen zu einer verstohlenen Träne kondensieren."

Auch Pathos muss man können.

Ralf Rothmann: "Shakespeares Hühner".

Suhrkamp, 211 S., 19,95 Euro

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