18.07.12

Streit ums Geld

Die Gema kämpft um ihr Image - nicht immer mit Erfolg

Totengräber der Clubs und intransparenter Moloch: Der Musikrechtevertreter Gema steht heftig in der Kritik - nicht nur wegen seiner Tarifreform

Foto: dapd
Die Gema vertritt die Rechte von Musikautoren und Textdichtern
Die Gema vertritt die Rechte von Musikautoren und Textdichtern

Hamburg. Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte - besser bekannt als Gema - hat derzeit an vielen Fronten mit zum Teil harscher Kritik zu kämpfen. Augenblicklich sind es besonders die Diskotheken-Betreiber und der Gaststättenverband Dehoga, die den Treuhänder der Komponisten und Textdichter unter Feuer nehmen. Mit der geplanten Tarifreform für Clubs und Diskotheken würde sie ein Clubsterben ungekannten Ausmaßes auslösen, so lautet der Vorwurf. Denn die Gebühren für das Abspielen Gema-pflichtiger Musik würden teils um das Zehnfache steigen, das führe direkt in den Ruin.

+++ "Drei von vier Clubs in Hamburg droht das Aus" +++

Die Gema bestreitet das, argumentiert, dass sie ein faireres System geschaffen hätte, das kleine Betreiber sogar deutlich entlasten würde. Nur die Großen würden künftig mehr bezahlen müssen. Auch die Vorwürfe kleinerer Künstler, dass die Verwertungsgesellschaft bereits etablierte Künstler begünstigen, Newcomer hingegen übervorteilen würde, werden zurückgewiesen. Gema-Syndikus Alexander Wolf und nd der Direktor der Abrechnungsabteilung, Jürgen Brandhorst versichern: "Wenn ein Stück einer Newcomerband im Radio gespielt wird, verdient die Band genauso viel daran wie ein großer Rockstar." Wichtig seien hier nur zwei Fragen: "Wie oft und wo wird ein Werk gespielt?"

Der Unmut ist auch auf das hochkomplizierte Tarifsystem zurückzuführen, das für Außenstehende manchmal kaum zu durchblicken ist. 137 Tarife listet die Organisation auf ihrer Internetseite auf. Dazu gibt es viele Unter- und Härtefallregelungen. "Eine echte Wissenschaft", räumt Wolf ein. "Das ist auch ein bisschen die Krux der Gema. Das führt zu extrem komplexen Verteilungsmechanismen, denn das Geld muss Punkt für Punkt gerecht verteilt werden", sagt er.

Zwar wird mit dem neuen Tarifmodell, das Anfang 2013 in Kraft treten soll, vieles einfacher: Statt elf würde es dann nur noch zwei Tarife geben - je nachdem, ob die Musik live oder vom Tonträger gespielt wird. Doch bedeuteten die neuen Modelle für einen mittelgroßen Club eine Erhöhung von rund 28 000 Euro auf etwa 174 000 Euro im Jahr, sagt Lutz Leichsenring von der Berliner Clubcommission. Der Gaststättenverband Dehoga spricht von Gebührensteigerungen einzelner Betriebe von bis zu 500 Prozent.

Gema-Sprecherin Ursula Goebel gibt zu: "Für 40 Prozent der Veranstalter wird es teurer werden." Doch diese hätten bislang auch zu wenig bezahlt. Weniger als 10 Prozent der Betreiber würden künftig wirklich stark belastet – vor allem große Diskotheken ab 800 Quadratmetern und acht Euro Eintritt. Die Gema will in Zukunft einheitlich zehn Prozent der Eintrittsgelder bekommen. Zu diesen kommen jedoch abhängig von der Öffnungsdauer weitere Gebühren.

+++ Niedersachsen lehnt die neue Tarifstruktur ab +++

Auch die niedersächsische Landesregierung hat bereits Protest angemeldet. "Eine vollständige Veränderung der Tarifstruktur kann nicht einseitig festgelegt werden", sagt Ministerpräsident David McAllister (CDU). Über die geplante Tarifreform wird nun bei einem Schiedsstellenverfahren beim Marken- und Patentamt in München gestritten – der Behörde, die die Gema kontrolliert. Ein fairer und schneller Interessenausgleich wäre wünschenswert, denn die neuen Tarife sollen am 1. Januar 2013 in Kraft treten.

Doch es gibt andere Stimmen: In Hinblick auf den schwelenden Streit um den Umgang mit dem Urheberrecht im Internet, um Musikpiraterie und Tauschplattformen machte unter anderem der Musiker und Autor Sven Regener von sich reden, der im Bayerischen Rundfunk ebenso wortreich wie aufgebracht das jetzige System verteidigte: "Das ist im Grunde nichts anderes, als wenn man uns ins Gesicht pinkelt und sagt: Euer Kram ist eigentlich nichts wert, wir wollen das umsonst haben." Er forderte eine gerechte Bezahlung für die Urheber und kritisierte die Geiz-ist-geil-Mentalität vieler, die sich Musik illegal im Netz besorgen heftig. Wer würde auch künftig noch Musik komponieren, wenn er kein Geld mehr dafür bekommt? Regener sagt: "Die Gema sind letztendlich wir."

+++ Wem gehört die Musik? +++

Denn als Verwertungsgesellschaft sorgt die Gema dafür, dass die Menschen hinter den Kulissen, die Textdichter und Komponisten, die für bekannte Sänger arbeiten, ihren Anteil bekommen. Nach Vertragsabschluss fungiert sie als Treuhänder, der die ausstehenden Gebühren eintreibt, verwaltet und auszahlt. Die Gema tritt selbstbewusst auf, auch gegen scheinbar übermächtige Gegner. Gegen das Videoportal YouTube zog sie vor das Hamburger Landgericht, wollte juristisch beweisen lassen, dass die Google-Tochter für die Videos haftbar ist, die Nutzer dort hochladen. Das im April gesprochene Urteil stellte jedoch keine der beiden Parteien zufrieden. In der nächsten Instanz, dem Hanseatischen Oberlandesgericht, soll erneut verhandelt werden. (Mit Material von dpa)

Was bekommt der Texter eines Popsongs von der Gema?
Wird ein Pop-Stück bei einem ARD-Hörfunksender gespielt, fallen rund 15 Euro Tantiemen an. Davon bekommt der Komponist 6,25, der Texter 3,75 Euro und der Verlag 5 Euro.
Bei einer Live-Aufführung eines Popsongs bekommt der Komponist 1,97 Euro, der Texter 1,18 Euro und der Verlag 1,58 Euro.
Bei der Wiedergabe eines Popsongs auf CD erhält der Komponist im Durchschnitt 1,76 Euro, der Texter 1 Euro und der Verlag 1,34 Euro.
Ein auf einem ARD-Fernsehsender ausgestrahltes Pop-Stück würde rund 430 Euro an Tantiemen bringen.
Wird ein klassisches Stück aufgeführt, kann der Abrechnungsbetrag stark schwanken – je nachdem, ob es sich um ein zweiminütiges Instrumentalstück handelt oder um ein einstündiges Orchesterwerk. Für ein 15-minütiges Streichquartett etwa würde der Komponist rund 57 Euro bekommen und der Verlag 28 Euro.
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