Hamburger Literaturhaus
Hohe Räume und hohe Literatur an der Alster
Das Literaturhaus ist Hamburgs schönster Lesesalon. Nur Vampirromane haben hier keinen Zutritt. Ein Einblick in den Alltag des Teams.
Hamburg. Richard Ford hängt schief. "Der muss wieder gerade gerückt werden", sagt Rainer Moritz, Chef des Hamburger Literaturhauses. "Der Autor kommt schließlich im Herbst zur Lesung." Es ist ein Montag, später Mittag. Die wöchentliche Teamsitzung im Haus am Schwanenwik.
Den amerikanischen Literaten Richard Ford, aufgenommen von Peter Peitsch, zeigt eine der Fotografien auf der Autorentreppe der spätklassizistischen Villa, die vom Erdgeschoss hinaufführt in die dritte Etage. Dort, wo einst die Dienstboten ihre Schlafräume hatten, haben auf rund 150 Quadratmetern die vier Büros des Literaturhauses ihren Ort. Alles im Lot so weit, nur dass Ford halt schief hängt, im Rahmen verrutscht. Geht natürlich nicht.
Immer wieder montags: Rückblick, Ausblick, was war, was kommt. Die Themen heute: Die Website soll überarbeitet werden, das Logo auch. Der Ticketverkauf soll künftig auch online organisiert werden - und: Welche Lesungstermine sind im Herbst noch frei? Wo fehlt noch ein Moderator, wo ein Schauspieler, der liest? "Wie funktioniert eigentlich die neue Spülmaschine?", fragt Moritz in die Runde. "Keine Probleme", antwortet Tina Matthies, eigentlich zuständig für die Veranstaltungsorganisation. Moritz nickt nur. Eigentlich war er gegen die Anschaffung, aber wenn sie nun schon mal da ist, dann soll sie bitte schön auch laufen. Hohe Literatur und die Niederungen des Alltags.
Für Rainer Moritz kein neues Spannungsfeld. Seine zweite Arbeitsstelle hatte er im Wissenschaftsverlag Erich Schmidt in Berlin. Ein Spezialverlag, der die Zeitschrift "Müll und Abfall" im Portfolio führt. Moritz war dort in der philologischen Abteilung tätig. In seinem Arbeitszeugnis wurde ihm später bescheinigt, er könne Mitarbeiter durch seine "natürliche Autorität" führen.
"Ich war es nicht", ruft Moritz mit der kräftigen Stimme des einstigen Fußballschiedsrichters durchs Büro, als Tina Matthies verkündet, das Literaturhaus erwarte Nachwuchs. Umsonst die Aufregung, es geht nur um Matthies' Hund. Moritz ist beruhigt.
Seit 1989 wird in dem Haus an der Alster die Literatur gehegt und gepflegt. Auf ehemals morastigem Uhlenhorster Grund, den Dr. August Abendroth vor 175 Jahren von der Hamburger Kämmerei erwarb. So beherbergt nicht nur das 1868 erbaute Haus eine lange Geschichte - von der heilgymnastischen Privatanstalt Dr. Krieg Anfang des 19. Jahrhunderts über die Lola-Rogge-Schule bis zum "Wohnheim für weibliche Lehrlinge, Durchgangsheim für gefährdete weibliche Jugendliche und Schutzhaftstelle für Aufgegriffene", das 1939 eröffnet wird. Auch die Institution Literaturhaus speist sich aus historischen Quellen. Als Vorbilder dürfen durchaus die literarischen Salons des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts gelten. Voltaire und Diderot etwa verkehrten damals in den Pariser Salons, in denen der Keim der Französischen Revolution aufging. Rahel Varnhagen förderte in ihrem Berliner Salon in jener Zeit junge Talente aus Literatur und Musik, als Ort des schrankenlosen Austausches von Ideen.
An künftigen Revolutionen bastelt Rainer Moritz vermutlich nicht, wohl aber daran, jenem Geist der Förderung, Vermittlung und Verortung von Literatur auch im öffentlichen Leben unübersehbar Gestalt zu verleihen. "Das Literaturhaus muss ein Ort der Begegnung sein, ein Ort für literarischen Austausch und für das kulturelle und ästhetische Streitgespräch", sagt er. 1986 wurde in Berlin das erste deutsche Literaturhaus aus der Taufe gehoben, mittlerweile sind zwölf Häuser aus Deutschland, Österreich und der Schweiz im Netzwerk der Literaturhäuser organisiert.
Schwer atmend steigt der Postbote die 76 Stufen vom Bürgersteig bis ins Literaturhausbüro empor. Er trägt ein voluminöses Paket bei sich. Die neuen Verlagsprogramme. Jutta Dötsch, seit zehn Jahren Sekretärin im Literaturhaus, schleppt umgehend einen großen Stapel ins Chefzimmer. Ein Schrei ertönt. Ein zweiter. Rainer Moritz mag keine Verlagsprogramme.
"Man darf sich von den Verlagen nicht einfangen lassen", sagt Moritz. Gewiss, man sei bei Lesungen auch auf die Unterstützung der Verlage angewiesen, müsse aber unbedingt seine Eigenständigkeit bewahren. Seit 2005 ist Moritz verantwortlich für das Programm des Literaturhauses. Im Vergleich zu seiner Vorgängerin Ursula Keller hat er das inhaltliche Spektrum der Lesungen deutlich vergrößert. Das Programm, ein "bunter Strauß", wie er es nennt. Allerdings: "Vampirromane kommen mir nicht ins Haus." Rund 13 000 Literaturinteressierte besuchen jährlich das Haus, im Schnitt etwa 100 pro Veranstaltung. Womit gewiss auch diese moritzsche Haltung goutiert wird: "Ein Platz auf der Bestsellerliste ist kein Qualitätsausweis, aber auch kein Beleg für fehlende Qualität." Offenheit ist gefragt, kein "elitäres Nischendenken", die Balance gilt es zu wahren zwischen Populärem und Avantgarde, zwischen Bestsellerautor und experimentellem Geist. Ihr Ort der Begegnung ist der prächtige Ballsaal im Hochparterre des Hauses, neben dem Spiegelsaal im Museum für Kunst und Gewerbe der einzige seiner Art in Hamburg.
"Das Kinder- und Jugendprogramm müssen wir komplett über Stiftungen finanzieren", sagt Isabell Köster. Sie betreut die Reihen "Gedankenflieger" und "Spaß mit Büchern", die sich an junge Menschen wenden. Und seit einigen Monaten auch den "Schulhausroman", ein Projekt, das Isabell Köster besonders am Herzen liegt. Die Idee stammt aus der Schweiz. Hamburger Autorinnen und Autoren wie Laura de Weck, Stefan Beuse, Katrin Seddig oder Michael Weins gehen an Stadtteil- oder Berufsschulen und entwickeln dort mit Schülern zwischen zwölf und 17 Jahren Geschichten oder einen Roman aus deren Erfahrungswelt. Das Ergebnis wird im Literaturhaus präsentiert, das sich für den Kinder- und Jugendbereich weiter öffnen will.
"Zwei Anrufer haben mich heute Morgen schon mit ihren Burn-out-Geschichten am Telefon genervt", ruft Moritz, während er in das Büro stürmt. "Ich habe auch Burn-out", entgegnet Antje Flemming trocken. Sie ist zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. "So was kommt mir hier nicht ins Haus", deklamiert Moritz mit Emphase. Und schließt die Tür zu seinem Büro. Eigentlich ist sie immer zu, wenn Moritz drin ist. Vielleicht schreibt er wieder ein Buch. Über den Fußball? Über die Liebe? Den Schlager?
Projekte, Lesungen, Betreuung der rund 700 Mitglieder des Literaturhaus-Vereins, Tagungen wie kürzlich die "Graphic Novel"-Tage - das Team des Literaturhauses steht im Zentrum der literarischen Szene Hamburgs. Der Kulturbehörde ist dieses Engagement aktuell 160 000 Euro im Jahr wert. Der Betrag deckt gerade ein Fünftel des gesamten Etats am Schwanenwik. Der Rest wird durch Mitgliedsbeiträge, Veranstaltungserlöse und Vermietung erzielt. Die Buchhandlung Samtleben und ein Café im Erdgeschoss, Büros des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und des Literaturzentrums Hamburg - die Mieter des Hauses. Geballte literarische Kompetenz, wenn man so will. Mit Option auf Zukunft: Zum Jahresende wird der Erbpachtvertrag mit der "Zeit"-Stiftung, seit 1987 Eigentümerin des Hauses, um 25 Jahre verlängert.
Richard Ford hängt wieder gerade, der Herbst kann kommen. Doch nun ist Wolf Biermann im Passepartout verrutscht. Macht nichts, eine Lesung mit ihm ist in nächster Zeit offenbar nicht geplant. Etwas schräg darf es gleichwohl zugehen im Literaturhaus.















