12.07.12

Literatur

Später Erfolg für Autor Fallada in den USA

Amerikanische Leser begeistern sich für "Jeder stirbt für sich allein" – das Buch weckt neues Interesse an der Nazi-Diktatur.

Foto: picture-alliance / akg-images
Hans Fallada mit seinen Kindern / Foto
Rudolf Ditzen alias Hans Fallada mit seinen Söhnen.

Washington. Sie scheint eine endlose Erfolgsgeschichte zu werden, diese englische Übersetzung eines deutschen Romans. Da liegt sie nun seit bald drei Jahren auf den Bestseller-Tischen amerikanischer Buchläden – die englische Version von "Jeder stirbt für sich allein". Eine Geschichte, die Hans Fallada (1893-1947) vor mehr als 60 Jahren geschrieben hat. Als ein kleiner New Yorker Verlag im Jahr 2009 seine Übersetzung ins Englische auf den Buchmarkt brachte, konnte keiner wissen, welch ein andauernder Verkaufsschlager das Buch nicht nur in den USA, sondern inzwischen auch in Großbritannien werden würde.

Das Werk prägt inzwischen in diesen Ländern wie wohl kein anderes deutsches Buch das Bild, das die Menschen sich dort vom Leben in der nationalsozialistischen Diktatur machen. Tausende Bewertungen wurden von den Lesern auf den einschlägigen Web-Seiten verfasst, und sie sind fast ausnahmslos voller Bewunderung.

Hans Fallada schrieb ihn 1947 in wenigen Wochen und stützte sich dabei weitgehend auf die Akten der Gestapo. In ihnen wird die Geschichte eines Ehepaares aus dem Berliner Arbeiterviertel Wedding nachgezeichnet. Otto und Elise Hampel hatten über Jahre hinweg mit selbst geschriebenen Karten zum Sturz des Regimes aufgefordert, waren verraten und dann in Plötzensee hingerichtet worden. Sicher trägt der Umstand, dass hier eine wahre Geschichte literarisch verarbeitet wurde, zu dem späten Erfolg bei. Aber auch die Art und Weise, in der Fallada diese Geschichte erzählt, ergreift die Leser in Übersee.

Auf der von Leseratten gerne genutzten US-Website "goodreads" haben inzwischen gut 800 Literaturfreunde ihre teils sehr ausführlichen Kommentare abgegeben. Das ist weit mehr als beispielsweise für die "Blechtrommel" des Nobelpreisträgers Günter Grass. Und viele dieser Kommentare stammen aus diesem Jahr und dokumentieren damit auch das nicht nachlassende Interesse an diesem Buch.

Wer sie liest, erlebt das heutige Amerika auf einer Entdeckungsreise in ein Nazi-Deutschland, von dem die Bürger dort bislang keine rechte Vorstellung hatten. "Verstehen" heißt in solchen Kommentaren das Zauberwort, und zuweilen kommt so etwas wie Sympathie auf. "Für mich war der Gewinn größeres Mitgefühl und Verständnis für das deutsche Volk" schreibt beispielhaft dafür ein "Terry".

Und zu diesem Verstehen kommt dann die in unterschiedlichster Form geäußerte Bewunderung für das Berliner Ehepaar. "Darüber nachzudenken, dass zwei Menschen solch eine Anstrengung unternahmen, um die Aufmerksamkeit ganz normaler Bürger zu gewinnen und sich dabei so großer Gefahr aussetzten, das hat mich inspiriert", meint eine "Carol". Viele der Leser schreiben, dass sie sich zuvor schon ausführlich mit Nationalsozialismus und Krieg auseinandergesetzt hätten, sich teilweise vor dem Thema scheuten, dann aber bei Fallada plötzlich ganz neue Dimensionen entdeckten.

Andere dagegen räumen ein, dass sie keine Ahnung davon hatten, wie Deutsche ihre Opposition zu Hitler lebten. "Als ich dieses Buch las, habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht, dass es in Deutschland auch Menschen gegeben haben mag, die gegen Hitler waren", schreibt ein Sam Arnold. In einem jedenfalls scheinen sich sehr viele Leser sowieso einig und "Tim" drückt es so aus: "Es ist verwunderlich, dass es 62 Jahre brauchte, bis dies in Englisch gedruckt wurde."

Der späte Erfolg von Hans Fallada, der 1947 noch vor der Drucklegung des innerhalb weniger Wochen geschriebenen Buches starb, ist sicher einzigartig für einen deutschsprachigen Autor. Und inzwischen gibt es auch Überlegungen für ein Filmprojekt nach der Romanvorlage.

Aber vielleicht brauchte es seine Zeit, bis das Buch diese Wirkung entfalten konnte, meint Professor Haggai Ben-Shamma von der Londoner National Library. 1948 hätten etwa die Briten der Idee misstraut, "dass es gute Deutsche gegeben hat, die wirklich leiden mussten".

dapd
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