12.07.12

Geschichte

Vor 75 Jahren eröffnete die Nazi-Ausstellung "Entartete Kunst"

"Entartet" nannten die Nazis alle Kunst, die nicht ihrem Schönheitsideal entsprach. Das betraf vor allem die Moderne: Künstler wurden verfolgt, ihre Werke diffamiert und zerstört.

Foto: picture-alliance / akg-images
Ausstell. Entartete Kunst Muenchen 1937
Die Ausstellung "Entartete Kunst" begann am 19. Juli 1937.

München. Vor 75 Jahren wollten die Nationalsozialisten zeigen, wie sie die Moderne in Deutschland vernichten würden. Am 19. Juli 1937 eröffnete Adolf Ziegler, Präsident der Reichskammer der bildenden Künste, die Schau "Entartete Kunst" im leergeräumten Archäologischen Institut am Münchner Hofgarten mit den Worten: "Sie sehen um uns herum diese Ausgeburten des Wahnsinns, der Frechheit, des Nichtkönnens und der Entartung." Und er beschloss seine Rede: "Deutsches Volk, komm und urteile selbst!"

Und sie kamen, die Deutschen – insgesamt strömten in vier Monaten zwei Millionen Besucher zu der Ausstellung, so die offiziellen NS-Angaben. Schon im ersten Raum sahen sie Emil Noldes "Leben Christi", Max Beckmanns "Kreuzabnahme" sowie weitere christliche Motive von Christian Rohlfs und Karl Schmidt-Rottluff, gefolgt von Werken jüdischer Künstler, darunter Marc Chagall.

Die Namen der Künstler, die damals in sieben Sälen diffamiert wurden, stehen heute für die Freiheit der Kunst und den Aufbruch zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Lovis Corinth, Otto Dix, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Oskar Kokoschka, Otto Mueller, Ernst Wilhelm Nay, Max Pechstein, Christian Rohlfs, Kurt Schwitters und viele andere.

Hastig waren die rund 600 Exponate im Stil des Expressionismus, Dadaismus, Surrealismus und der Neuen Sachlichkeit in drei Monaten zusammengesucht worden: In Museen in Köln, Essen, Hamburg, Hannover, Stuttgart, Frankfurt und Berlin hatten Ziegler und seine Mitarbeiter die Werke beschlagnahmt. Dann hatte man sie möglichst eng und hoch gehängt, teilweise ohne Rahmen. Auf die Wände waren die ursprünglichen Kaufpreise der Werke sowie diffamierende Sprüche geschmiert worden.

"Schreckenskammern" der Moderne wollte man zeigen. Unweit davon, im neu eröffneten "Haus der Deutschen Kunst", sollte den Deutschen in monumentalen Weihehallen die "deutsche" Kunst vorgeführt werden, wie sie den Nationalsozialisten gefiel.

Eine Definition, was "entartet" sei, gab es nie. Im Gegenteil: Der Bildhauer Rudolf Belling war 1937 mit der Skulptur des Boxers Max Schmeling in der "Großen Deutschen Kunstausstellung" vertreten und wurde zeitgleich mit zwei abstrakten Werken in der Schau "Entartete Kunst" vorgeführt, bis Josef Goebbels diese entfernen ließ.

Über Emil Nolde, der Mitglied der NSDAP war, hielt Goebbels als Leiter der Reichskulturkammer zunächst noch seine schützende Hand. Doch ab 1937 galten auch seine Bilder als "entartet", und 1941 erhielt der Maler die Mitteilung: "Anlässlich der Ausmerzung der Werke entarteter Kunst in den Museen mussten von Ihnen allein 1.052 Werke beschlagnahmt werden."

Die Wertung des Expressionismus war umstritten: Goebbels sympathisierte zunächst mit dieser "deutschen, nordischen Kunst", während Adolf Hitler sie ablehnte. Ein Selbstporträt von Paula Modersohn-Becker hing angeblich in der Schau "Entartete Kunst", taucht aber in der Werksaufzählung nicht auf.

Unklar war auch die Beurteilung der Werke von Franz Marc. Sein Gemälde "Der Turm der blauen Pferde" hing zunächst in der Ausstellung. Es wurde aber entfernt, als der Deutsche Offiziersbund dagegen protestierte, dass ein verdienter Soldat des Ersten Weltkrieges in dieser Schau diffamiert werde.

Was vor 75 Jahren begann, hatte weitreichende Folgen. Stets waren Willkür und Zufall im Spiel, wenn in mehreren Wellen der Beschlagnahmung insgesamt 17.000 Werke aus deutschen Museen entfernt und in einem Berliner Depot an der Köpenicker Straße gesammelt wurden. Ein Teil der konfiszierten Kunst wurde im Ausland versteigert. Verbrannt wurden am 20. März 1939 mindestens 1.004 Gemälde und 3.825 Grafiken im Hof der Hauptfeuerwache von Berlin-Kreuzberg.

Ein Tausch von Kunst des 19. Jahrhunderts gegen sogenannte "entartete" Kunst gelang dem Ehepaar Sofie und Emanuel Fohn, das knapp 400 Werke der Moderne auf diese Weise vor der Vernichtung retten konnte. An sicheren Orten in Italien versteckt überstanden diese Bilder den Zweiten Weltkrieg und kehrten 1964 als Schenkung in die Staatsgemäldesammlung moderner Kunst nach München zurück. Viele deutsche Museen beklagten nach der Zeit der NS-Diktatur, dass durch die Beschlagnahme von 1937 wichtige Werke ihres Bestandes für immer verloren gegangen waren.

EPD
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