06.07.12

Interview

Erwin Schrott: "Nach der Oper erst mal Klappe halten"

Erwin Schrott ist im Hauptberuf Bariton, im Nebenjob der Mann von Anna Netrebko: Der Sänger über Stimmkrisen, Familie und Tangotanzen.

Foto: picture alliance / dpa/dpa
Erwin Schrott, 39, ist in Uruguay aufgewachsen - damals eine Militärdiktatur. "Das Theater war mein Zufluchtsort, mein Märchenland", sagt er
Erwin Schrott, 39, ist in Uruguay aufgewachsen - damals eine Militärdiktatur. "Das Theater war mein Zufluchtsort, mein Märchenland", sagt er

Hamburg. Um sich einen Eindruck von Erwin Schrotts Temperament zu machen, muss man ihm eigentlich nur Schokolade vorsetzen. Sein Blick saugt sich an den drei Schälchen fest, die die Kellnerin auf den Tisch stellt: weiß, Vollmilch, zartbitter. "Vorsicht, geben Sie es mir nicht, sonst esse ich das in zwei Minuten auf! Ich bin ein Schokoholic!", sagt er und seufzt, dass es einem noch im hintersten Rang eines Opernhauses einen Schauder über den Rücken jagen würde. Der 39-jährige Uruguayer mit dem biederen deutschen Namen und dem Aussehen und der Geschmeidigkeit eines Indianerhäuptlings ist ein besessener Sängerdarsteller. Von Salzburg bis zur New Yorker Metropolitan Opera singt er an den ersten Opernhäusern der Welt. Für noch mehr öffentliches Aufsehen sorgt er allerdings in seiner Eigenschaft als Mann an der Seite der Sopranistin Anna Netrebko. Ob nun verheiratet oder liiert - Schrott nennt Netrebko seine Frau, nur die Klatschwelt zweifelt an der Echtheit der Liaison. Das Traumpaar der Klassik lebt mit Söhnchen Tiago in Wien.

Hamburger Abendblatt: Herr Schrott, was für Gutenachtlieder singen Opernsänger am Kinderbett?

Erwin Schrott: Wir singen gar keine. Erstens ist das wirklich laut (er singt ein paar Noten und sprengt fast den Raum). Und zweitens wäre unser Sohn so fasziniert, der würde total aufdrehen, statt einzuschlafen. Tagsüber haben wir viel Spaß. Aber Bettzeit ist Bettzeit.

Wie viel Zeit haben Sie mit Ihrem Sohn?

Schrott: Oh, viel. Nicht genug, aber viel.

Obwohl Sie zum Singen durch die ganze Welt jetten?

Schrott: Da nehme ich die Familie mit, wenn es geht.

Würfeln Sie, wer was singen darf - Sie oder Ihre Frau? Oder singen Sie beide?

Schrott: Wir machen nur selten Projekte zusammen. Es ist ziemlich kompliziert, wenn wir beide arbeiten. Die Oper ist eine magische Welt, und es ist ein großes Geschenk, singen zu dürfen. Aber der Stress, das Reisen, die ganze Verantwortung sind auch anstrengend. Es tut gut, wenn jemand für einen da ist. Wir versuchen, ein ganz normales Familienleben zu führen.

Woher kommt dieser Familiensinn?

Schrott: Von meinen Eltern. Meine uruguayischen Freunde sind auch so. Die Freundinnen meiner Frau wollen alle nach Uruguay ziehen! (lacht)

Welche Rolle spielt Ihre Herkunft für Ihren Werdegang?

Schrott: Eine riesige! Wegen der Militärdiktatur musste mein Vater seine Schuhfabrik schließen. Wir hatten große Geldsorgen, aber meine Eltern versuchten trotzdem, unser kulturelles Leben aufrechtzuerhalten. Sie liebten Musik und schickten mich in den Chor. Mit acht Jahren bin ich zum ersten Mal bei "La Bohème" aufgetreten. Das Theater wurde mein Zufluchtsort, mein Märchenland. Das ist es bis heute.

Das merkt man Ihnen an. In Claus Guths Salzburger "Don Giovanni"-Inszenierung, die gerade in Berlin läuft, sind Sie der Diener Leporello. Der ist bei Ihnen kein alter Grantler, sondern ein hyperaktiver Kokainjunkie mit reichlich Ticks.

Schrott: Oh, das! Ich hatte nachher einen steifen Nacken von diesem dauernden Zucken! Leporello ist der komplexeste Charakter der Oper. Don Giovanni ist charmant, ein richtiger Torero, der die ganze Zeit kämpft, aber durchschaubar. Bei Leporello weiß man nie.

Was machen Sie, wenn Sie der Ansatzeines Regisseurs nicht überzeugt?

Schrott: Mein Job ist es zu spielen, was der Regisseur will. Wenn er eine schlüssige Idee hat, geht das auch. Es gibt aber Regisseure, die blättern in der Probe in einem CD-Booklet nach der Übersetzung, so wenig sind die vorbereitet. Vor solchen Leuten habe ich null Respekt. Wenn ich so schlecht vorbereitet wäre, würde meine Karriere ganz schnell abstürzen. Es kostet unglaublich viel Geld, dieses Mammut Oper am Leben zu erhalten. Steuergeld. Wenn wir nicht sehr gute Arbeit machen, dann haben die Steuerzahler alles Recht, sich zu beschweren und zu fragen: Was macht ihr mit unserem Geld?

Sie haben Ihre Karriere mit Mozart angefangen. Auf Ihrer neuen CD "Arias" machen Sie den Schritt ins italienische und französische Fach, zu Verdi, Bizet, Puccini. Worauf achten Sie bei diesem Repertoire?

Schrott: Gerade Verdi hat endlos lange Phrasen. Da muss man locker bleiben, weite Linien singen und auf den eigenen Körper und die eigene Technik vertrauen, dann kommt die Stimme auch über das dick besetzte Orchester.

Haben Sie schon einmal eine Stimmkrise durchgemacht?

Schrott: Ständig! Was glauben Sie? Das ist normal! Schon wenn Sie nur mit einer Erkältung singen, können Sie eine kleine Stimmkrise durchmachen. Oder wenn Sie eine Zeit lang das falsche Repertoire gesungen haben. Man muss wissen, wie man da wieder rauskommt. Karriere macht man nicht nur mit der Stimme, Karriere macht man auch mit dem Kopf. Mit Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Und mit Demut gegenüber der Natur. Was nicht da ist, kann man nicht erzwingen.

Ihr Kollege Rolando Villazón ist jahrelang zwischen Krise und Comeback gependelt. Das ist Ihnen erspart geblieben.

Schrott: Ja. Ich befolge ein paar schlichte Regeln. Eisern. Zum Beispiel lege ich nach jeder Produktion eine Erholungspause ein. Da könnten Sie mir ein Ticket zum Mond anbieten, und ich würde zu Hause bleiben. Und nach einer Opernaufführung: Klappe halten. Eine Oper dauert drei, vier Stunden. Die Stimmbänder sind stark durchblutet und extrem beansprucht. Die brauchen hinterher genauso eine Pause wie die Beine nach einem Marathon.

Vermissen Sie es nicht, hinterher Party zu machen?

Schrott: Ach, wissen Sie, ich bin Frühaufsteher. Ich vermisse eher meine Familie, wenn ich nicht bei ihnen bin.

Tanzen Sie denn nicht gern?

Schrott: Doch, klar! Tango! Aber nachmittags. Anna und ich tanzen viel zu Hause.

Ohne Tango geht's wohl nicht für einen Latino ...

Schrott: Das ist die Musik meiner Heimat! Tango, das ist Drama und Leidenschaft, ganz wie die Oper. Oper geht so: Da ist ein Sopran. Auftritt Tenor. Tenor verliebt sich in Sopran. Sopran wird krank. Sopran stirbt. Tenor ist einsam. Auftritt Bariton. Die beiden bekommen Ärger. Bariton bringt Tenor um. Bariton bleibt allein zurück.

Und beim Tango?

Schrott: Dasselbe. Nur dauert es nicht drei Stunden, sondern anderthalb Minuten, und man braucht nur einen Sänger. Sie sehen: Es ist kürzer und billiger.

Erwin Schrott: "Arias" erschienen bei Sony

Die Favoriten unseres Homepage-Teams

HSV-Sportdirektor Frank Arnesen hat derzeit reichlich Gegenwind
20.05.13HSV
"Lauter Fallobst": Scharfe Kritik an Sportchef Arnesen

Nach Netzer schießen jetzt auch Schnoor und Hartwig gegen den Dänen. Arnesen habe "die falschen Spieler verpflichtet". Auch Son sei "nicht der große Spieler, zu dem er immer gemacht wird". mehr...


Victorias Marcus Rabenhorst stemmt im heimischen Stadion den Pokal in die Luft
20.05.13Oddset-Pokal
SC Victoria holt den Pokal und löst DFB-Pokal-Ticket

Durch ein 2:1 nach Verlängerung gegen den Oberliga-Meister FC Elmshorn hat sich der SC Victoria erneut den Titel im Hamburger Oddset-Pokal gesichert. Damit qualifiziert sich die Mannschaft von Trainer… mehr...


Am Sonntag kamen mehr als 20.000 Besucher zur IGS. Die Veranstalter hatten sich noch mehr erhofft.
20.05.13IGS in Wilhelmsburg
Pfingst-Regen kostet Gartenschau Besucher

Das lange Pfingst-Wochenende sollte der Durchbruch der Internationalen Gartenschau werden. Doch die Feiertage waren in Hamburg kühl, zeitweise regnete es sogar kräftig. Die Veranstalter wollen jetzt… mehr...


Russlands Präsident Wladimir Putin
20.05.13Wirtschaftsreformen
Russlands verzweifelter Kampf um neues Wachstum

Selten zuvor war der Reformdruck in Russland so hoch. Das ölgestützte Wirtschaftsmodell hat ausgedient, doch ein neues ist noch nicht in Sicht. Unter der Elite in Moskau macht sich Panik breit. mehr...

Multimedia

Anna Netrebko in Hamburg

Alles über Ihre Straße

Top-Videos
Kongress in Hamburg
Scholz und Bayer über Lokaljournalismus

Bürgermeister Olaf Scholz und Axel-Springer-Vorstandsmitglied Jan Bayer referierten beim Lokaljournalismus-Kongress in der Hamburger Handwer…mehr »

Top Bildergalerien mehr
Neu im Kino

Die Filmstarts am 16. Mai

Neu im Kino

Die Filmstarts am 9. Mai

Neu im Kino

Die Filmstarts am 2. Mai

"Tatort"

Wotan Wilke Möhring als "Tatort"-Kommissar Falke

Hamburg Guide mehr
Weitere Dienste alle Dienste
tb_spargel.jpg
Spargelzeit im Norden

Hier erhalten Sie Wissenswertes & Tipps!mehr

Highlights
tb_hh_mahjong100.jpg
Mahjong

Spielen Sie mit!mehr

rb_wetter_926045a.jpg
Wetter in Hamburg

Der aktuelle Wetterbericht mit Karte und Vorhersagemehr

rb_stadtplan_926042a.jpg
Stadtplan Hamburg

Mit dem Hamburger Stadtplan Adresse und Orte findenmehr