09.06.12

Ausstellung zeitgenössischer Kunst

Gauck eröffnet documenta: "Wir brauchen die Kunst"

Startschuss für die weltweit wichtigste Schau zeitgenössischer Kunst: Rund 750.000 Besucher werden in Kassel zur documenta erwartet.

Foto: dapd

Bundespräsident Joachim Gauck hat am Sonnabend die Kunstausstellung documenta in Kassel eröffnet

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Kassel. Für die nächsten 100 Tage ist Kassel das Zentrum der Kunstwelt: Bundespräsident Joachim Gauck hat am Sonnabend die documenta eröffnet. Die weltweit wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst findet zum 13. Mal statt. Sie wird nur alle fünf Jahre veranstaltet und dauert bis zum 16. September. "Wir brauchen die Kunst wie die Religion und die Philosophie, um tiefer in die Dinge hineinzukommen und uns selber zu entdecken. Kunst kann uns aufwecken", sagte Gauck. Rund 750.000 Besucher werden zur documenta (13) erwartet, ebenso viele wie bei der Vorgängerschau 2007.

Bei Sonnenschein hatten sich hunderte Besucher und Schaulustige vor dem Fridericianum in der Kasseler Innenstadt versammelt. Nach einem Rundgang durch einige Ausstellungsräume erklärte die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev dem Bundespräsidenten den "Doing-nothing-Garden" (Nichtstun-Garten) des chinesischen Künstlers Song Dong, ein aus Müll und Abfällen aufgeschichteter – und mittlerweile mit Gras und Blumen bewachsener - Hügel.

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Er habe zuvor über die Schau in der Zeitung gelesen, sagte Gauck. "Und da dachte ich: "Mein Gott, wo gehst du hin?" Aber mein Kopf und mein Herz haben etwas bekommen. Also, es war eine andere Begegnung, als die über die Medien zuvor", erzählte er nach dem Rundgang. Einiges erkläre sich fast von selbst, bei anderem brauche man einen kleinen Hinweis, sagte Gauck. Der Bundespräsident bekam nicht nur viel Beifall von den Zuschauern, sondern auch Blumen von einem Kind und ein Fußball-Trikot eines türkischen Vereins.

Beeindruckt hatte Gauck das Werk des Frankfurter Künstlers Thomas Bayrle, ein acht Meter hohes und über 13 Meter breites Schwarz-Weiß- Bild eines Flugzeugs, das aus unzähligen kleinen Flugzeug-Bildern zusammengesetzt ist. Sieben auf Podeste montierte Automotoren "beten" Bayrle zufolge und kommentieren so den Traum vom Fliegen. Eine Verbindung von alten Motoren mit Texten aus Kirchenräumen – "das habe ich noch nicht gesehen", sagte Gauck.

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Die Teilnehmerliste der 13. documenta umfasst 297 Namen, darunter auch Wissenschaftler, Mitarbeiter des Kuratorenteams und bereits gestorbene Künstler wie Salvador Dalí. Was diese Teilnehmer ausstellen, "mag Kunst sein oder nicht", hatte documenta-Chefin Christov-Bakargiev bei der Vorstellung ihres Konzepts erklärt. "Die Grenze zwischen dem, was Kunst ist und was nicht, wird unwichtiger."

Außer in Museen und Parks wird die Kunst auch an vielen alltäglichen Orten zu sehen sein – in einem Bahnhof, einem Bunker, einem Hotel mit Ballsaal, in Kaufhäusern oder in leerstehenden Büros.

Auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) nahmen an der Eröffnung teil. "Die documenta markiert immer wieder die Reflektion über das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft. Auch diese documenta wird wieder eine Bühne sein, auf der unsere Auffassungen von Leben in der Gegenwart in eindrucksvoller Weise hinterfragt werden", hatte Neumann bereits zuvor mitgeteilt.

Bouffier erklärte in einer Mitteilung: "Hier kann eine Orientierung in der Debatte um Positionen der Kultur von heute gefunden werden. Hier können die Perspektiven für die Zukunft erkundet werden. Die documenta gibt Anstöße für die Besucher, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen – selbst wenn sie für uns manchmal unbequem oder irritierend sein können."

Die wichtigsten Fakten zur documenta
Am 9. Juni beginnt die 13. Ausgabe der Kunstausstellung documenta.
Die früher alle vier, seit 1972 alle fünf Jahre stattfindende Schau ist die weltweit wichtigste Ausstellung für zeitgenössische Kunst.
Die 13. documenta in Zahlen:
Dauer: 100 Tage (9. Juni bis 16. September)
Künstler: mehr als 150 Künstler aus 55 Ländern
Künstlerische Leiterin: Carolyn Christov-Bakargiev
Orte: Hauptorte sind Fridericianum, documenta-Halle, Neue Galerie, Orangerie und der Karlsaue-Park. Es gibt aber viele weitere Orte wie ein Kino oder ein Hotel und auch Orte außerhalb Kassels.
Ausstellungsfläche (inklusive Außenflächen): rund 1,5 Quadratkilometer
Besucher: Vor fünf Jahren kamen rund 750.000, die documenta-Chefin wünscht sich eine Million
Etat der documenta: 24,6 Millionen Euro
Akkreditierte Journalisten: Mehr als 2500
Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 20 Uhr
Preise: Tageskarte 20 Euro (ermäßigt 14 Euro), Dauerkarte 100 Euro (ermäßigt 70 Euro), Familientageskarte für bis zu zwei Erwachsene und drei Kinder 50 Euro.
Publikationen: "Das Buch der Bücher" mit Abbildungen und Aufsätzen, "Das Logbuch" über die Entstehung der documenta und "Das Begleitbuch"
Quelle: dpa
Die Hauptorte der documenta
Noch nie wurden während einer documenta an so vielen Orten in Kassel Kunstwerke gezeigt.
Die Karlsaue ist diesmal der größte und wichtigste documenta-Ort. Rund 30 Kunstwerke sollen unter freiem Himmel zu sehen sein. Die Karlsaue geht auf einen geometrisch geformten Lustgarten zurück. Heute ist sie mit ihren 125 Hektar Grünfläche ein beliebter Erholungsort. Seit der documenta II wurde die Karlsaue regelmäßig für Außenprojekte genutzt, in Erinnerung ist zum Beispiel der "Eis Pavillon" von Thomas Schütte.
Auch die barocke Orangerie an der Karlsaue wird bespielt.
Das Fridericianum am Friedrichsplatz ist während der documenta der Hauptort für überdachte Kunstwerke. Es wurde zwischen 1769 und 1776 im klassizistischen Stil von Simon Louis du Ry gebaut und gilt als das erste öffentliche Museum auf dem europäischen Festland.
Die documenta-halle schmiegt sich an den Hang zur Karlsaue an. Der langgestreckte Glasbau wurde 1992 vom Architektenbüro Jourdan und Müller errichtet. Direkt neben dem Kasseler Staatstheater wurde sie immer wieder auch als Spielort genutzt.
Das Gloria Kino wurde 1953 gebaut. Es eröffnete am 18. Februar 1954 mit Paul Martins Film "Die Privatsekretärin". Mit seinem Ambiente hat es bis heute Charme und Popularität erhalten.
Die Neue Galerie wurde zwischen 1869 und 1877 erbaut und bis Ende 2011 grundlegend saniert. Sie liegt an der "Schönen Aussicht" und tatsächlich hat man von dem Gebäude einen Panoramablick auf die Karlsaue. Ein Schwerpunkt in der Neuen Galerie ist die Geschichte der documenta.
Der Hauptbahnhof war Kassels zentraler Kopfbahnhof, bis 1991 die Fernzüge über den neuen ICE-Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe geführt wurden. Bereits 1997 und 2002 diente er als documenta-Ausstellungsort. Beherrscht wird er durch den "Man walking to the Sky" von Jonathan Borofsky auf dem Vorplatz.
Das sanierte Brüder-Grimm-Museum im 1714 erbauten barocken Palais Bellevue ist erst Ende Januar 2012 nach mehrjähriger Umbauzeit eröffnet worden. Ein bulgarischer Künstler präsentiert dort sein Konzept einer modernen Art des "Geschichten-Erzählens".
Quelle: dpa
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