01.06.12

Kampnagel

Camping auf Kampnagel beim Live Art Festival

Für die Veranstaltungen sind 65 junge Europäer nach Hamburg gekommen. Bis Sonntag, 3.6., bewohnen sie eine eigens für sie entworfene Bettstatt.

Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius
Roswitha Emrich beim Live Art Festival auf Kampnagel
Noch allein und etwas verloren in der temporären Wohn-Installation auf Kampnagel: Roswitha Emrich gehört zur internationalen Künstler- und Studentengruppe, die zu Gast ist beim Live Art Festival

Hamburg. Es gibt eine Rezeption zum Anmelden. Doch das Camp in der Vorhalle der Kampnagelfabrik ist alles andere als ein Hotel. Roswitha Emrich hat am Nachmittag in der Wohn-Installation eingecheckt und führt in ihr "Zimmer": Es ist eine Bettstatt auf den gestuften Paletten-Podien im Sonnenschirm-Schutz. Sie guckt sich noch etwas unsicher um. "Eigentlich ganz gemütlich", meint die 30-jährige Saarländerin, die seit fünf Jahren in Berlin lebt. Sie stellt ihre Taschen auf die Luftmatratze, blickt auf die Topfpalmen und Wohnzimmerlampen. Bis Sonntag wird sie hier übernachten.

+++ Tanztheater, Performance und Schlingensief-Film +++

+++ Live Art Festival: Weit offen für alles +++

Urban-Design-Studenten an der HafenCity-Universität entwarfen das temporäre Camp für die 65 Young Performance Art Lovers (YPAL). Sie sind zur Eröffnung des Live Art Festivals aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Irland, Italien, Kroatien und Schweden angereist, besuchen die Vorstellungen, wohnen und schlafen auf Kampnagel. Die YPALs praktizieren ein Wochenende lang im Sinn der Live Art die Verbindung der Kunst mit dem Leben.

Auf Initiative des Festivals Scènes d'Europe in Reims entstand vor drei Jahren das Netzwerk der "Jungen Zuschauer ohne Grenzen" und durch die Dramaturgin Anne Kersting die Verbindung und Kooperation mit Kampnagel. Die meisten Teilnehmer sind angehende Künstler oder Studenten, beschäftigt mit kulturbezogenen Fächern. Seit 2010 werden die YPALs mit EU-Geldern des "Jugend in Aktion"-Programms unterstützt.

Roswitha Emrich ist von Anfang an dabei, hat sich auch engagiert und mit ihren deutschen Kollegen das Geld für dieses Projekt beantragt, das in Kooperation und mit der Unterstützung von Kampnagel durchgeführt wird. Reisekosten werden erstattet, aber Taschengeld für die Gruppe ist nicht drin. "Im Unterschied zum durchgeplanten Festival in Reims organisieren wir dieses Treffen und das Austauschprogramm mit einem offenen Stundenplan selber."

Schluss mit Reden. Auf in die erste Vorstellung. Die estnische Choreografin Krööt Juurak bittet zum "Scripted Smalltalk" auf die Probebühne. In der frühen Vorstellung bleiben YPALs auf der Tribüne noch weitgehend unter sich. Kaum anderes Publikum. Leichtes Spiel für die Performerin. Denn sie macht ihre Gäste zu Performern. Zwei oder drei bekommen Zettel und Mikrofon in die Hand, zum Vorlesen der von Juurak niedergeschriebenen Gespräche. Im konzeptuellen Experiment thematisiert sie die aktuelle Situation, spricht Erwartungen und Reaktionen der Zuschauer aus. Der Erste: "Ich will eine Show sehen. Ist das konservativ?" Der Zweite: "Was sonst könnten wir tun als experimentieren? Hast du den 'Kirschgarten' erwartet?" Die dritte Stimme: "Wir sind in einem Job gelandet und nicht in einer Vorstellung."

So selbstsicher wie selbstverständlich reicht die Choreografin jetzt Mikro und Manuskript an Roswitha Emrich weiter. Sie führt brav den Dialog fort, sagt: "Wir sollten immer die Wahl haben mitzumachen oder nicht." Tatsächlich hat sie vor der Vorstellung im Gespräch, wie denn der Zuschauer sein sollte, einen ähnlichen Satz gesagt und sich gegen Mitmach-Zwang ausgesprochen. Danach gibt sie auch zu, sich in ihrer Rolle nicht richtig wohlgefühlt zu haben. "Ich bin Tänzerin und das Sprechen nicht gewohnt. Außerdem mag ich es nicht, im Publikumsraum so exponiert zu sein. Wenn ich auf der Bühne stehe, ist das etwas anderes, dann fühle ich mich sicher."

In der zweiten Aufführung des Abends - "Mimosa" - ist die gewohnte Grenze zwischen Akteuren und Zuschauern ebenfalls durchbrochen. Es wird nie dunkel und auf einigen Sitzen in den Reihen haben die Tänzer ihre Sachen deponiert. Sie schminken und ziehen sich sichtbar um, auch mal inmitten des Publikums. Keine Illusion soll entstehen. Choreograf Trajal Harrell will offenlegen, wie eine Figur entsteht bei diesem interdisziplinären Crash zwischen schwuler Subkultur und zeitgenössischem Tanz.

Die Aufführung entspricht Emrichs Vorstellung eines nicht hierarchischen Theaters: "Ich wünsche mir eine gemeinsame Ebene zwischen Performern und Zuschauern, auf der die Vorstellung erlebt wird. Sie sind genauso wichtig, wie der Spieler und sollten nicht isoliert bleiben, sondern zu einem Teil der Performance werden - was nichts mit Mitmachtheater zu tun haben muss."

Die grotesken, manchmal surrealen oder komischen, dann wieder menschlich direkt ansprechenden Bilder und Songs beim halb gefälschten, halb wahrhaftigen Umspielen einer Kunstfigur, genannt Mimosa Ferrera, hat Emrich genossen, wie sie betont. "Ich habe Dinge gesehen, die mit mir nichts zu tun haben und mir eine Welt eröffneten, die ich so nicht kenne und die mich angeregt hat." Sie findet nichts altmodisch an den zuweilen klischeehaften Zitaten aus der Gay-Szene. "Ich glaube, die Transenkultur beeinflusst das Theater und das zeitgenössische Tanztheater."

Roswitha Emrich verabschiedet sich. Und wie war die erste Nacht? "Sehr ruhig und rücksichtsvoll." Klar. Denn nur ein Viertel der Gruppe sind Jungs und die Mädels in der Übermacht.

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