"Ich möchte niemand mehr kennen lernen"
Harald Schmidt kommt nach Hamburg: Er gastiert mit der Bochumer Inszenierung von "Warten auf Godot" am Thalia.
Hamburg. Zwei Landstreicher und zwei Wandernde vertreiben sich in Samuel Becketts Stück die Zeit mit Warten auf Godot, den Mann, der nie erscheint. Der Bochumer Intendant Matthias Hartmann hat mit den Schauspielern Michael Maertens, Ernst Stötzner, Fritz Schediwy und Harald Schmidt eine Inszenierung von wunderbarer Leichtigkeit geschaffen. Am 19. und 20. Mai gastiert "Warten auf Godot" am Thalia. Wir sprachen mit Harald Schmidt, der den Knecht Lucky spielt, an einer Hundeleine herumgeführt wird und nur einen von der Logik des Denkens losgelösten Monolog zu sprechen hat. ABENDBLATT: Sie sind seit kurzem Ensemblemitglied in Bochum, zeichnen täglich in Köln Ihre TV-Show auf, gastieren mit "Godot", proben vormittags in Bochum, haben Sie noch Zeit für etwas anderes, ein Privatleben? SCHMIDT: Ich hab gar kein Interesse für das so genannte andere. Die meisten Menschen wollen privat noch irgendetwas Tolles erleben. Was soll ich denn privat noch erleben wollen, wenn ich eine Sendung mit Isabella Rossellini machen kann? Ich möchte niemand mehr kennen lernen. ABENDBLATT: Aber vielleicht mal abends essen gehen? SCHMIDT: Nein, auch nicht. Essen gehen ist für mich nichts als ein weiterer Termin. Was macht man schon groß abends? Lesen oder ins Kino gehen kann ich auch am Wochenende. ABENDBLATT: Ins Theater? SCHMIDT: Da hab ich oft nicht den Antrieb, um mich aufzuraffen. ABENDBLATT: Verreisen? SCHMIDT: In den Sommerferien, und unbedingt in Deutschland. Ich fahre immer nach Juist. Das Liebste allerdings ist mir der kleine Urlaub im Alltag. Wenn meine Familie mal ohne mich verreist, gehe ich drei Tage in Köln ins Hotel. Dann werd ich zwar gefragt, ob es bei mir zu Hause jetzt wie bei Uschi Glas ist, aber das ist mir egal. Ich bin ein unglaublicher Hotelfan. Am liebsten wohne ich in plüschigen Hotels mit viel Komfort und viel Personal. Das Tolle daran ist, man kann auf dem Zimmer einen Film gucken und sich Schnitzel mit Kartoffelsalat bestellen. Großartig. Zu Hause wär ich zu faul, mir ein Brot zu schmieren. Neuerdings fahre ich auch gerne mit dem Zug nach Paris. Am Wochenende erwische ich den 18-Uhr-Zug, bin vor Mitternacht da und kann ins Hotel. Klasse. Ich gehe auch nur noch in Sendungen, wo ich ein Hotel bekomme, das mir gefällt. Das ist das Hauptkriterium. Der Inhalt der Sendungen ist mir völlig wurscht. ABENDBLATT: Sie werden jetzt noch mehr Theater spielen? SCHMIDT: Nach "Godot" hab ich wieder großen Spaß am Theaterspielen gefunden, insbesondere am Ensemblespielen. Ich war früher, über 15 Jahre, nur solistisch unterwegs. Die Kollegen haben mich sehr wohlwollend aufgenommen, und ich bin bemüht gewesen, bescheiden aufzutreten. Dazu ist mein Respekt viel zu groß. ABENDBLATT: In Ihrer nächsten Premiere spielen Sie in "Die Direktoren" einen von sechs mobbenden Managern. Greifen Sie da auf Erfahrungen zurück? SCHMIDT: Nein. Das Stück ist für mich großer Boulevard. In Frankreich war es das erfolgreichste Stück der vergangenen Saison. Ich finde auch, dass durch mein Theaterspielen meine Sendung sehr gewonnen hat, wir spielen mehr. ABENDBLATT: Warum haben Sie sich bei der Rückkehr zum Theater für "Godot" entschieden? SCHMIDT: Mich hat der Lucky-Monolog gereizt. Natürlich hatte ich das Stück vorher gar nicht genau gelesen. Ich wollte schon an der Schauspielschule den Lucky vorsprechen, hab mich dann aber für die klassische Heldenrolle des Prinzen von Homburg entschieden. Das Stück hat hohe literarische Qualität, es ist aktuell, ohne es sein zu wollen. Da stehen Sätze drin, die auf mich wie ein Erdbeben wirken. Das ist Kunst in Höchstform. ABENDBLATT: Welche Erfahrungen haben Sie in den vergangenen Monaten am Theater gemacht? SCHMIDT: Ich bin ein größeres Risiko eingegangen, als ich annahm. Zwischendurch habe ich gedacht: "Du lieber Gott, worauf habe ich mich eingelassen, hoffentlich schaffe ich das." Bei der Arbeit mit so einem Regisseur merke ich aber, dass ich Sachen aus mir rausholen kann, von denen ich gar nicht wusste, dass sie da sind. Außerdem hab ich den Vorteil, dass ich keinen Ehrgeiz habe, Hauptrollen zu spielen. Das brauch ich nicht mehr, auf dem Plakat oben zu stehen. Interview: ARMGARD SEEGERS



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