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Kultur & Live

Der ganz persönliche Wunschroman in drei Monaten für 12 500 Euro

Selbstversuch: Von Verlagen hat Norbert Klugmann jetzt genug. Er will nun nur noch für private Auftraggeber arbeiten.

Hamburg. Hat der Mann ein Gespür für Trends oder rennt er sehenden Auges ins Unglück? "Jaja", sagt Norbert Klugmann und lacht. "Ich weiß schon, entweder ist es total größenwahnsinnig, oder es ist einfach genial."

Was ist passiert? Der in Hamburg lebende Autor Norbert Klugmann (52) hat bislang rund 50 Bücher, Romane zumeist, verfasst, er ist ein nahezu manischer Schreiber, dessen Brot fürwahr die Schrift ist. Doch Klugmann hat sich aus der Welt der Verlage verabschiedet. Erst einmal jedenfalls. Künftig will er nur noch Romane im Auftrag schreiben - Privatpersonen oder auch Firmen können bei ihm Geschichten bestellen.

Wie hätten Sie's denn gern? Ein Liebesroman für die fürsorgliche Gattin und Mutter gefällig? Kein Problem, Klugmann schreibt ihn auf. Der Erbauungsroman für den heranreifenden Zögling? Wird gemacht. Liebes-, Kriminal- oder Abenteuerroman? Alle Genres sind im Angebot.

Es ist die persönliche Bilanz der vergangenen drei, vier Jahre, die Klugmann dazu trieb, den Verlagen den Rücken zu kehren. "Seit es das gibt, was man die Verlagskrise nennt, habe ich ein schlagartig geändertes Verhalten der Verlage den Autoren gegenüber erlebt. Vertrieb und Betriebswirte haben die Macht übernommen, man redet nicht mehr über Exposes, über Dramaturgie, über Kunst, sondern nur noch über Zahlen, darüber, wie hoch die Erstauflage des nächsten Buches sein könnte." Literatur als Rechenexempel - lohnt sich das Buch, lohnt es sich nicht? Risiken werden gescheut, sind halt nicht kalkulierbar. Für Klugmann wie für andere Autoren eine frustrierende Erfahrung.

"Was früher selbstverständlich war - dass ein Lektor sich nach vielleicht vier Wochen meldet -, das gibt es offenbar nicht mehr. Die einfache bürgerliche Höflichkeit ist verschwunden. Das ist meine Erfahrung. Das Manuskript liegt vier Monate beim Verlag, und wenn man dann nachfragt, klingt die Antwort so, als sei es unverschämt, nach dieser Zeit bereits anzufragen. Ich sehne mich mittlerweile schon nach einer klaren Ablehnung. Damit lässt sich umgehen." Als das Wünschen noch geholfen hat . . .

Doch Klugmann hat in den Jahren weitergeschrieben, Text um Text, so dass sich die Manuskripte auf seinem Schreibtisch stapeln, vier Bücher sind druckfertig. Das geschriebene Wort ist ihm die Milch. Doch das Fressen, es kommt vor der Moral. "Als ich merkte, dass ich Gefahr lief, griesgrämig zu werden, habe ich nach einer Möglichkeit gesucht, wie ich weiter Bücher schreiben und damit Geld verdienen kann."

Die öffentliche Reputation ist ihm nach langen Jahren des Publizierens nicht mehr so wichtig. "Ich muss nicht in Verlagen veröffentlichen, nicht im Buchhandel verkauft werden. Ich habe genug Rezensionen gehabt, das brauche ich zurzeit nicht."

Zurzeit. So ward eine Idee geboren. Ein Autor schreibt für seinen Leser. Nie galt das mehr. "Ich möchte das tun, was bildende Künstler seit Ewigkeiten machen, sie malen ein Bild für einen Kunden, in dessen Besitz das Bild dann übergeht. Dafür erhalten sie ein Honorar, davon leben sie. So möchte ich es mit Romanen machen."

Für den Kunden ist das kein ganz billiges Vergnügen. 12 500 Euro Honorar muss er für sein Wunschbuch hinblättern, die Kosten für das Binden gehen extra, aber auch darum kümmert sich Klugmann, wenn der Kunde es möchte. "Klar, das ist viel Geld, aber ich hoffe, dass es genug Leute gibt, die bereit sind, das zu zahlen."

Dann schreibt Klugmann die ersten 50 Seiten, anhand derer der Auftraggeber entscheidet, ob es so oder anders weitergehen soll. Etwa drei Monate später bekommt er die Geschichte geliefert. Eine kurze Zeitspanne für einen Roman. Aber Klugmann ist ein Autor, der auf hohem Niveau ungemein schnell schreibt, der zehn bis 15 Seiten am Tag füllt, sieben Tage die Woche, ein Mann, der schreibt, als gäbe es kein Morgen.

Dabei geht es auch um seine Zukunft. Das Risiko, das Klugmann eingeht, ist hoch, betritt er doch publizistisches Neuland. Ein besonderes finanzielles Polster besitzt er nicht. Und wenn das Projekt scheitert? "Dann habe ich ein Problem, muss herumtelefonieren und irgendwelche Aufträge annehmen, von denen ich im Moment noch nicht weiß, wo sie herkommen sollen." Vielleicht aus der Drehbuchbranche. Hofft Klugmann.

An potenzielle Kunden will er Briefe schreiben, auch wenn er weiß, dass das wie Stochern im Nebel ist, er baut auf die Medien und vor allem auf die Mundpropaganda, damit sich sein Projekt herumspricht. Es fehlen halt Erfahrungswerte.

Auftragsschreiber für Biografien und Sachtexte gibt es zwar - aber dass ein Einzelner einen Romanautor beschäftigt? An Themen zumindest mangelt es nicht. Rund 150 Stoffe hat Klugmann vorrätig, aus denen er Romane machen könnte. Es muss nur jemand den Startschuss geben.

Doch wer? "Mein idealer Kunde ist der, der sagt, ich möchte einen Roman haben und red dir da nicht rein. Mein Horrorkunde glaubt seit 20 Jahren, er hätte es eigentlich drauf, einen Roman zu schreiben, aber nie Zeit dafür gehabt, weil er Karriere machen musste, so dass ich sein stellvertretendes Ich bin und er sich pausenlos einmischt. Das mache ich nicht mit, das ist schlimmer als der arroganteste Verlagslektor."

Als bislang letzte Geschichte ist von Klugmann die "Hamm-Saga" erschienen, eine skurrile Krimisatire in der Abendblatt-Reihe Schwarze Hefte. Und im Februar bringt ein schwäbischer Kleinverlag seinen Weinkrimi "Rebenblut" heraus - der Auftrag ist bereits vor Monaten erteilt worden. Geld lässt sich damit kaum verdienen. Bleibt das jüngste Projekt des Autors Norbert K., der aus dem immer schneller rotieren- den Verwertungskarussell in der Buchbranche aussteigt. "Ich muss Geduld haben." Das Warten hat begonnen.

 

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