07.05.12

Neues Buch

Glücksfaktor Familie in der Wohlstandsgesellschaft

Je mehr Freiheiten wir haben, desto größer der Stress. Dabei können Bindungen uns befreien, sagt der Psychologe Bas Kast in seinem neuen Buch.

Foto: AP
Sie schlagen und sie lieben sich, die Mitglieder der berühmten Fernsehfamilie "Die Simpsons". Aber eigentlich sehen sie dabei sehr glücklich aus
Sie schlagen und sie lieben sich, die Mitglieder der berühmten Fernsehfamilie "Die Simpsons". Aber eigentlich sehen sie dabei sehr glücklich aus

Hamburg. Das Kinderglück der Dreijährigen auf einem Spielplatz in Ottensen oder Blankenese ist kaum zu übertreffen: Die Kleinen wissen nichts davon, dass das Glück flüchtig ist. Weshalb wir sie manchmal, ganz kurz, um ihre Ausgelassenheit beneiden, ehe wir uns dem Alltag zuwenden, wie er sich für Erwachsene darstellt. Meist ist dieser Alltag recht angenehm, er spielt sich ja in einer Stadt, einem Land ab, das so wohlhabend ist wie nie. Und trotzdem sind wir so gestresst, unzufrieden und nicht selten auch unglücklich.

Wir wollen alle so dies und das: Karriere, Familie, Konsumartikel, Urlaub, den perfekten Lebenslauf. Die Chancen dafür, sich selbst zu verwirklichen, stehen eigentlich gut. Deutschland ist ein demokratisches Land, dessen Erfolg sich am (relativen) Wohlstand seiner Bewohner ablesen lässt. Dennoch ist es so, dass die Deutschen als chronisch unzufrieden gelten; bei der schönen Erfindung "Glücks-Index" steht Deutschland seit Jahren unten. Woran das liegt?

Natürlich daran, dass die Wohlstandsgesellschaft nicht nur Wünsche erfüllt, sondern sie vor allem unablässig produziert. Die Wahl wird zur Qual. In einer freiheitlich genannten Gesellschaft darf, von der Idee her, jeder das tun, was er will (sofern er sich dabei im Einklang mit den Gesetzen befindet). Aber genau das ist vielleicht das Grundübel: dass uns keinerlei Mangel mehr einschränkt und es keine vorgezeichneten Wege mehr gibt, weil uns alle offenstehen.

Was will ich eigentlich? Diese Frage stellen sich viele Menschen, und sie tun das wahrscheinlich umso heftiger, je jünger sie sind. Der Psychologe und Wissenschaftsjournalist Bas Kast, Jahrgang 1973, widmet sich in seinem neuen Buch ganz dem Phänomen des Zuviels, das recht gut für die modernen Verhältnisse steht. Es heißt: "Ich weiß nicht, was ich wollen soll. Warum wir uns so schwer entscheiden können und wo das Glück zu finden ist" und ist, zum Glück, kein Ratgeberbuch, sondern eine flüssig geschriebene Analyse der Zustände, die der in Berlin lebende Autor mit Begriffen wie "Das Freiheitsparadox" und "Wir Großstadtneurotiker" leicht verständlich auf den Punkt bringt.

Dabei klingt seine These, wonach die Vielzahl der Möglichkeiten undLebenswege, die seiner Generation offenstehen, für eine gewisse Desorientierung sorgt, ja erstaunlich banal. Besonders nach dem Schulabschluss, in den Jahren einer verlängerten Jugend, sehen viele den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Dass die riesige Auswahl zu einer ermüdenden Übersättigung führt, ja zu einer Lähmung der Entscheidungsfähigkeit, ist in vielen Versuchen und Experimenten von Verhaltensforschern belegt worden. Bewiesen ist etwa, dass Käufer in einem Supermarkt viel eher dann ein Glas Marmelade kaufen, wenn sie nur zwischen einer überschaubaren Anzahl von Sorten wählen können.

Wir leben in einer Multioptionsgesellschaft, schreibt Bas Kast. Es ist eine Gesellschaft, die Schuldgefühle produziert, weil Freiheit eben auch Druck aufbauen kann: Wer theoretisch machen kann, was er will, der leidet unter Umständen irgendwann darunter, keine Entscheidung treffen zu können - respektive eine treffen zu müssen. Ständig muss man sich gegen etwas entscheiden. Wäre es nicht besser gewesen, ins Umland zu ziehen und nicht nach Altona? Ist das jetzt der Mann fürs Leben, und soll ich eigentlich Kinder bekommen oder alles auf die Karriere setzen? Sich festzulegen ist manchmal allzu schwer, davon zeugen auch die Auswüchse der Singlegesellschaft, in der Scheidungen und Trennungen auf der Tagesordnung stehen.

In der Postmoderne geht bekanntlich alles - und das nicht nur in der Kunst oder Architektur. Wir bauen uns unsere Lebensläufe aus dem theoretisch besten Material, das dem Menschen je zur Verfügung stand: Der westliche Gesellschaftsentwurf floriert am Ende doch, trotz Rückschlägen wie der Euro- und Finanzkrise. Er äußert sich in diesen Zeiten vor allem in einer allumfassenden Mobilität. Aber nicht jeder kann mit den Freiheiten umgehen, das zeigen gerade die seelischen Erkrankungen, die die Wartezimmer der Psychologen füllen. Das Burn-out-Syndrom und andere Formen von Depressionen haben, folgt man Autor Bas Kast in seiner Argumentation, sehr viel mit dem Bestreben zu tun, das Maximale aus unseren Möglichkeiten herauszuholen. Da geht es dann nicht nur um die Marmelade, die am besten schmeckt, sondern um den Job, der am meisten Geld und den Zeitvertreib, der den größten Kick bringt.

Dass der Kapitalismus keine nur freudvolle Angelegenheit ist, hat Karl Marx einst erkannt. Bas Kast argumentiert in seiner Studie immer auch (ein wenig) marxistisch - wenn er etwa das Beispiel eines amerikanischen Dorfes im Staat Pennsylvania anführt, in dem die Nachfahren italienischer Einwanderer leben. Bis in die 60er-Jahre hinein zog sich dort kaum jemand im Laufe seines Lebens ein Herzleiden zu.

Roseto, so heißt der Ort, war ein "gesunder" Ort - weil er nach modernen Gesichtspunkten rückständig war. Die Familienstrukturen waren intakt, alle lebten auf demselben gesellschaftlichen Niveau und waren glücklich ohne Swimmingpool oder Sportwagen. Der uns allzu bekannte Konkurrenzdruck und die großstädtische Hast waren den Dorfbewohnern fremd. Unter verschärften Bedingungen finden sich diese Voraussetzungen heute noch in den Gemeinden der Amischen ("Amish People"), die jeglichen technischen Fortschritt ablehnen.

Als in Roseto die Normalität Einzug hielt, stieg die Krankenrate auf Normalniveau. "Befreiende Bindungen" nennt Kast in einer eigenen Formulierung den Glücksfaktor Familie. Wer lernt, im zwischenmenschlichen Miteinander Kompromisse einzugehen, der steht dem Überfluss des Alltags weniger hilflos gegenüber: Auf eine solche Formel lässt sich diese Logik in etwa bringen. Vier Jahrzehnte nachdem die Generation der jetzigen "Silver Surfer" aus der Enge ihrer Elternhäuser ausbrach, ist das eine erstaunliche Entwicklung.

Bas Kasts Buch liest man deshalb mit Gewinn. Seine Frage, wo das kleine oder große Glück denn nun zu finden ist, läuft auf einen so einfachen wie hilfreichen Ratschlag hinaus: Einfach mal genügsam sein, Verzicht üben. Vielleicht eine Familie gründen. Und raus aus dem Hamsterrad.

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