Fernsehen
Drama von Schlöndorff: Letzte Worte für die Nachwelt
In seinem beeindruckenden Drama "Das Meer am Morgen" erzählt der Regisseur vom sinnlosen Sterben in Zeiten des Krieges.
Hamburg. Flugblätter sind ihnen beiden zum Verhängnis geworden. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum man Guy Môquet schon häufiger mit Sophie Scholl verglichen hat. Sie wurde verhaftet, nachdem sie politische Schriften in der Universität ablegte, er verteilte Texte gegen die deutschen Besatzer in einem Kino. Wie die Widerstandskämpferin der Weißen Rose ist auch der junge Franzose danach Opfer willkürlicher Gewalt durch die Nazis geworden. Arte zeigt Volker Schlöndorffs Film "Das Meer am Morgen" über die letzten Tage im Leben des 17-Jährigen, den in Frankreich jeder Schüler kennt.
1941 wird in Frankreich ein Offizier der Wehrmacht hinterrücks erschossen. Die Täter können unerkannt entkommen. Hitler tobt und will Rache. 150 Franzosen sollen im Gegenzug hingerichtet werden, darunter auch 27 Geiseln aus dem Internierungslager Choisel in der Bretagne. General von Stülpnagel (André Jung) ist entsetzt. "So werden wir die Herzen der Franzosen nie gewinnen", ahnt er und beauftragt den Hauptmann und Schriftsteller Ernst Jünger (Ulrich Matthes) die Ereignisse genau aufzuzeichnen.
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Eine makabre Mechanik setzt sich in Gang, die Chronik eines angekündigten Todes. Stülpnagel, Oberbefehlshaber in Frankreich, kann und will sich nicht gegen den Druck aus Berlin wehren. "Ich befinde mich in einer unmöglichen Lage, in der man eigentlich nur Fehler machen kann, egal ob man handelt oder nicht." Ein junger französische Landrat, der mit den Deutschen bisher gut zurechtgekommen ist, soll die Delinquenten auswählen. Um "guten Franzosen" das Leben zu retten, geht er besonders sorgfältig vor.
Schlöndorff erzählt sein beeindruckendes Drama aus drei Perspektiven. Aus der des jungen Môquet, der im Internierungslager einsitzt, aber zu überleben hofft. Aus der eines jungen Wehrmachtsoldaten, der seinen Tornister auf dem Fahrrad eines Kameraden transportiert hat, statt ihn selbst zu tragen und deshalb in das Erschießungskommando abgeordert wird. Das Vorbild für diese Figur war ein Soldat, den Heinrich Böll in seiner Erzählung "Vermächtnis" beschreibt. Und aus der von Jünger, der im Gespräch mit einer französischen Freundin mit der Vorstellung eines Tyrannenmords an Hitler kokettiert und gern nach Kriegsende in Frankreich leben möchte.
Schlöndorff hat für sein Drehbuch die Aufzeichnungen Jüngers benutzt, der damals seine nationalistische Frühphase schon überwunden hatte. Ihn spielt Ulrich Matthes, mit dem der "Blechtrommel"-Regisseur auch schon das Kammerspiel "Der neunte Tag" über Gewissenskonflikte eines Kirchenmannes im Dritten Reich drehte. Der frankophile Filmemacher war 1956 selbst im Rahmen eines Schüleraustauschs in der Bretagne. "Was noch präsent war, als wäre es gestern gewesen, waren die Jahre der deutschen Besatzung", erinnert er sich. Vor der Haustür eines seiner französischen Schulkameraden geschah 15 Jahre vorher der Mord, der damals alles auslöste.
Jünger hat auch den Abschiedsbrief von Guy Môquet an seine Eltern ins Deutsche übersetzt. Dieses Dokument eines sinnlosen Todes ist zugleich ein Mahnmal gegen nationalen Größenwahn und Kriegstreiberei in Europa. Präsident Sarkozy hat angeordnet, dass er an jedem Todestag Môquets an allen Schulen Frankreichs verlesen wird.
"Das Meer am Morgen", Freitag, 23. März, 20.15, arte















