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Kultur & Live

200 Mann auf hoher See

Abenteuerfilm: Der australische Regisseur Peter Weir über "Master and Commander".

Peter Weir (59) ist ein Exot unter den im amerikanischen Kino erfolgreichen Regisseuren. Der Australier hat sich nicht von der US-Filmindustrie vereinnahmen lassen, hat Kritiker- und Publikumserfolg in Filmen wie "Die Truman Show", "Der Club der toten Dichter" oder "Der einzige Zeuge" unter einen Hut gebracht, dabei immer wieder die Rolle des Individuums in der Masse kritisch beleuchtet. Er zählte zusammen mit Phillip Noyce und George Miller schon in den 80er-Jahren zur New Wave des australischen Kinos, war mit seinen Filmen viermal für den Oscar nominiert. In Hamburg hat er vor fünf Jahren für "Die Truman Show" den Douglas-Sirk-Preis des Filmfests gewonnen. Jetzt kommt er mit "Master And Commander" nach fünfjähriger Pause zurück in die Kinos - der Film wurde prompt mit dem Prädikat "Besonders wertvoll" ausgezeichent. Sein Landsmann Russell Crowe spielt in dem Hochseeabenteuer einen englischen Kapitän, der Anfang des 19. Jahrhunderts ein Schiff der napoleonischen Flotte auf Biegen und Brechen zur Strecke bringen will.

ABENDBLATT: Stimmt es, dass Sie zuerst an Richard Burton als Hauptdarsteller gedacht haben?

WEIR: Ja, aber der war unabkömmlich, zutiefst unabkömmlich sozusagen. Manchmal gehe ich im Geiste die toten Schauspieler durch, um zu überlegen, wie man eine Rolle besetzen kann. Von Burton kam ich dann auf Russell Crowe, der gewisse Ähnlichkeiten in seiner männlichen Ausstrahlung aufweist.

ABENDBLATT: Waren Kapitäne die Helden Ihrer Kindheit?

WEIR: Ich habe mir gewünscht, einen in meiner Familie zu haben. Meine Vorfahren kommen aus Schottland: Arbeiter und Bauern. Ein Kapitän eines Hochseeschiffs wäre total aufregend gewesen.

ABENDBLATT: Sind Sie ein Mensch der Küste?

WEIR: Ja, wie so viele Australier hocke ich am Rand des großen Kontinents. Schon als Kind habe ich immer die Schiffe beobachtet, die nach England abfuhren. Eines Tages, das wusste ich, würde auch ich an Bord sein.

ABENDBLATT: So ist es ja auch gekommen. War die Seekrankheit bei den Dreharbeiten ein Thema?

WEIR: Nicht so sehr, denn wenn man einen Film über ein Schiff auf einem riesigen Ozean dreht, muss man entweder das Schiff oder den Ozean bewegen. Ich hatte Bücher über das Drehen auf dem Wasser gelesen wie Spielbergs "Der weiße Hai" oder John Hustons "Moby Dick". Also dachte ich, es sei besser, den Ozean in Wallung zu bringen und das Schiff still zu halten. Wir haben größtenteils in diesem großen Becken in Mexiko gedreht, in dem auch die "Titanic" entstanden ist. Dort waren wir 90 Tage, auf See waren es letztlich nur zehn.

ABENDBLATT: Sie arbeiten auch in diesem Film wieder mit starken Gegensätzen.

WEIR: Gerade das hat mich als Filmemacher ja gereizt. Auf dem Schiff sind 200 Mann auf engem Raum zusammengepfercht. Und diese Klaustrophobie ist von endloser Weite umgeben.

ABENDBLATT: Es geht nicht nur um das Duell zweier Kapitäne, sondern auch um Freundschaft, Gehorsam, Erziehung, Musik . . .

WEIR: Viele dieser Dinge stehen schon in der Romanvorlage von Patrick O'Brian. Die Themen sind reich an Metaphern: die Reise des Lebens, eine Gemeinschaft, die versucht, das Beste aus einer schwierigen Situation zu machen. Was mich besonders gereizt hat, waren die Funken von Menschlichkeit, die es in dieser ansonsten brutalen Welt gab. Unter schlimmen Umständen kann man das Schlimmste, aber auch das Beste im Menschen finden.

ABENDBLATT: Im Roman segelt das Schiff an den Galapagos-Inseln nur vorbei. Sie durften dort sogar drehen. Gab es Schwierigkeiten?

WEIR: Noch nie durfte dort jemand einen Spielfilm drehen. Wir haben neun Monate verhandelt. Die größte Sorge der Verantwortlichen war die Zahl der Leute, die dorthin kommen sollten. Sie sind ja nur an zwei bis drei Dokumentarfilmer auf einmal gewöhnt. Unser Thema hat ihnen gefallen. Wenn ich einen "James Bond" dort hätte drehen wollen, hätten sie mir das niemals erlaubt.

ABENDBLATT: Der Film hat 135 Millionen Dollar gekostet und ist Ihr bislang teuerster Film.

WEIR: Die Budgets aller meiner bisherigen Spielfilme zusammen passen in dieses Budget hinein. Aber: Ein kleiner Film, der zehn Millionen Dollar verliert, kann genauso ein Desaster für eine kleine Produktionsfirma sein wie ein Flop in diesen Ausmaßen für eine große. Ich wurde engagiert, um diesen Film zu machen, und die Produktionsfirma glaubt, dass wir ein Publikum dafür finden. Ihr Zutrauen zu mir wurde kurz vor dem Kinostart auf eine harte Probe gestellt. Vielleicht bekam sie Bedenken: Ist diese Geschichte zu untypisch für Hollywood? Es gibt keine Frauen und keinen richtigen Schurken.

ABENDBLATT: Kurz vor Ihnen ist der "Fluch der Karibik" in See gestochen. Gibt es jetzt eine Renaissance der Abenteuerfilme?

WEIR: Der "Fluch" war als Komödie sehr erfolgreich. Wie wir mit unseren etwas ernsteren Themen ankommen, muss man abwarten. Mit den Special Effects sind viele Sachen heute erst möglich, aber das hat auch seinen Preis.

ABENDBLATT: Zwischen der "Truman Show" und diesem Film liegen fünf Jahre. Wollen Sie in diesem Rhythmus weiterarbeiten?

WEIR: Dies war eine komplexe, aber auch sehr stimulierende Erfahrung für mich. Ich werde wohl eher wieder anfangen, ich werde ja schließlich auch nicht jünger.

Interview: VOLKER BEHRENS

 

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