21.02.12

Musiktheater

Oper für Anfänger: Geschichten über Liebe, Wahnsinn und Tod

Der "Opernverführer" von Autor Wolfgang Herles hält nicht, was er verspricht. Dafür überzeugt jedoch die CD-Box "Oper für Dummies".

Foto: dpa/DPA
Zehn Opern bündelt Herles in seinem Buch, dabei ist auch Richard Wagners "Rheingold", hier in einer Inszenierung an der Hamburgischen Staatsoper
Zehn Opern bündelt Herles in seinem Buch, dabei ist auch Richard Wagners "Rheingold", hier in einer Inszenierung an der Hamburgischen Staatsoper

Hamburg. Schon der Titel ist, wenn man etwas länger darüber nachdenkt, ein erster Hinweis darauf, dass mit diesem Buch über Freuden und Leiden im Musiktheater etwas Grundsätzliches nicht so ganz stimmt. Er deutet aber ebenso an, wie inflationär die Ratgeberisierung unserer Vollkasko-Gesellschaft geworden ist.

Was ein Beleg auch für die Versagensängste ist, auf dem gesellschaftlichen Parkett ebenso wie bei der Ballaststoffoptimierung der privaten Obstschale, die immer weiter um sich greifen und durch alle (Vor-)Bildungsschichten wabern. Die Anschaffung von Sekundärlektüre ersetzt das Vertrauen auf den eigenen Menschenverstand und erst recht den Spaß an selbst verursachter Horizonterweiterung durch klassische Kulturgüter. Sicher ist sicher, denkt der Deutsche. Und greift lieber zum Ratgeber, bevor er Zeit und Geld womöglich falsch, also ohne sofortige Erkenntnisdividende ausgibt.

Ironisch gemeint, aber in dieser Hinsicht clever gemacht ist die CD-Box "Oper für Dummies". Über 100 Hörbeispiele aus dem Archiv, Handlungen und Stilerklärungen im Zeitraffer und als Bonustrack im Beiheft einige Benimmregeln, die weder sich noch das Thema allzu ernst nehmen.

Es geht aber leider auch anders. "Opernverführer" hat Wolfgang Herles über seine "Zehn Geschichten über Liebe, Wahnsinn und Tod" geschrieben, damit seine Bildungspille etwas appetitlicher aussehen möge.

Herles war einer der Moderatoren von "aspekte", jener Sendung, die das ZDF für ein State-of-the-art-Kulturmagazin hält; seit Kurzem ist er mit eigener Buchsendung auf ähnlich schlechtem Sendeplatz unterwegs. 2011 gab es Mal-so-mal-so-Kritiken über Herles' Schlüsselroman "Die Dirigentin", in dem eine Kanzlerin ein Verhältnis mit einer Dirigentin hat und es von Klassik-Größen und Anspielungen auf deren Kundschaft in Salzburg, Bayreuth & Co. nur so wimmelt.

"Verführer" also, na dann. Kein Opern führer soll es sein, signalisiert das, denn davon gibt es ja schon zu viele, und aus etlichen staubt es ältlich und besserwisserisch.

Doch wer verführen will, hat dabei vor allem egoistische Gründe. Goethes Mephisto war nur hinter des Faustens Seele her, andere, schlimmere Kerle wollten gleich die Weltherrschaft. Wer zum Genuss von Dingen verführt wird, die man nicht zu sich nehmen sollte oder freiwillig kaum konsumieren würde, ist danach schlimmstenfalls schwanger, frustriert, ärmer, verkatert oder vielleicht auch nur molliger um die Hüfte. Auf jeden Fall bereut man es am Tag danach.

Ach, egal. Etwas Reinlesen in die 160 luftig gesetzten Seiten kann so schlimm nicht sein. Ist es zunächst auch nicht, denn der Autor hat durchaus Erfahrung und Ahnung, und so einiges gesehen und gehört hat er auch. Herles hat zehn Opern zusammengebündelt, wie sie ihm - spielplan- oder festivalbedingt - vor den Block kamen, oft im ZDF-Auftrag. Keine Top Ten, sondern vielmehr zehn aus Dutzenden, die es genauso verdient hätten. Beethovens "Fidelio" und Mozarts "Don Giovanni", Wagners "Rheingold", Verdis "Tosca" und "La Traviata", Monteverdis "Poppea" und Dvoraks "Rusalka", Strauss' "Salome" und Schönbergs "Moses und Aron" haben es geschafft.

Ordentliche Auswahl, da könnte man kaum beckmessern, wenn nicht Mark-Anthony Turnages "Anna Nicole" dabei wäre, eine sehr entbehrliche Abhandlung, 2011 in London uraufgeführt, über Leben und Sterben der Dessous-Blondine Anna Nicole Smith, die darin als Doppel-E-Boulevardmischung aus der Monroe und der Traviata ihr Leben lässt.

Ausgerechnet zu diesem Stück, in diesem Kapitel bringt Herles eine entscheidende, bestürzend simpel gestrickte Argumentation ins Spiel: "Im Gegensatz zur Popmusik ist klassische Musik nicht voraussetzungslos konsumierbar. Dazu ist sie zu komplex." Eine Aussage, die so schlicht verkehrt ist wie hanebüchen. Denn das Popmusik-Universum ist genauso voller Verweise, Codes, Anspielungen und Philosophien. Sie sind nur anders, aber deswegen nicht weniger komplex. In jedem Radiohit, und sei er noch so hirnerweichend doof, findet sich genügend Material für Soziologenseminare und Doktorarbeiten. Und nichts davon muss man unbedingt wissen, um, je nach persönlichem Geschmack, unmittelbar von dieser Musik berührt zu werden.

Doch aus der Schwierigkeitsfalle, die er sich gebaut hat, findet Herles nicht mehr heraus. Stattdessen findet vor allem volkshochschulig gebaute Erklär-Prosa statt. Kritiker werden gern mit dem Wort "intellektuell" kombiniert. Außerdem pflegt Stücke-Gourmet Herles seine Abneigung gegenüber den Interpretationsversuchen des Regietheaters, indem er schildert, was im Libretto stand, bevor es der Bühnen-Verfremdung anheimfiel.

Es geht beim Pointenfeilen aber auch einfältiger: Im "Salome"-Kapitel bemüßigt sich Herles zu erklären, dass Richard Strauss und die Wiener Walzerkomponisten Johann Strauß Vater und Sohn weder verwandt noch verschwägert seien (ein Blick auf die Schreibweisen hätte genügt, um das zu ahnen). Im Abschnitt über Monteverdis "Poppea" und historische Aufführungspraxis darf man lesen, man wisse nicht, wie diese Musik aus dem Frühbarock korrekt zu spielen sei, weil es keine Tonaufzeichnungen gebe. "Ach was", hätte Opernliebhaber Loriot hier seufzend an den Seitenrand notiert.

Die zweitschönste Stelle, auf Seite 97: "Ich sitze in einem roten Samtsessel in der Queen's Box, der Loge der Königin." Geht's noch eine Nummer großspuriger? Mais oui. "Salzburg ist, seit ich mich Ende der 80er-Jahre mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl am nahen Wolfgangsee zu Sommerinterviews für die ZDF-Sendung ,Bonn direkt' traf und bei dieser Gelegenheit nie versäumte, die Festspiele zu besuchen, für mich der Höhepunkt des Opernjahres." Schön für ihn, aber prall an der Aufgabe vorbei.

Herles will mit dieser Selbstbespiegelung in zehn Akten zunächst sich und anschließend seine Stammkundschaft beeindrucken und geht am Ende in Deckung, weil er nichts Halbes und nichts Ganzes liefert. Der letzte Satz des Buchs, eine kleinlaute, verspätete Prophylaxe gegen seine Musikformulierungsschwächen, lautet: "Ich bitte um Nachsicht." Verführer punkten anders.

Wolfgang Herles: "Opernverführer". 160 Seiten. 19,90 Euro. Henschel-Verlag

"Oper für Dummies". 6 CDs und Begleitbuch (EMI Classics), 21,99 Euro

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