Lesung im Uebel & Gefährlich
Ham.Lit mit Jan Brandt und Heavy Metal
Autor und Entertainer Jan Brandt sorgt für einen fulminanten Auftakt bei der Ham.Lit mit den Shooting-Stars der jungen deutschen Literatur.
Der Autor Jan Brandt hat die Ham.Lit im Uebel & Gefährlich in Hamburg mit einer Lesung aus seinem Buch "Gegen die Welt" eröffnet
Foto: picture alliance
Hamburg. Mit seiner dunklen Hornbrille und den kurz geschnittenen Haaren entspricht Jan Brandt genau dem Klischee des Nerds, jener Tageslicht-abgewandten Spezies, die sich vor Computern verkriecht und absonderlichen Spezialinteressen nachgeht. Wenn Schriftsteller auch zur Gattung der Sonderlinge zählen, gehört Jan Brandt zweifellos dazu. Und wer einen 920 Seiten starken Debütroman geschrieben hat, wird so manchen Tag das Sonnenlicht nicht erblickt haben. Doch als er mit seiner Lesung aus „Gegen die Welt“ die Ham.Lit im Uebel & Gefährlich eröffnet, wird schnell klar, dass dieser junge, bebrillte und etwas blasse Mann nicht nur ein außergewöhnlicher Erzähler ist, sondern auch über Entertainer-Qualitäten verfügt, die im Literaturbetrieb nur wenige besitzen.
Launig und pointiert erzählt Brandt zwischen den Lesepassagen, dass sein Roman wegen leerer Seiten, verblasster Schrift und zweigeteilter Seiten – zwei Handlungsstränge laufen über 150 Seiten parallel oben und unten - das am meisten zurückgegebene Buch ist. Viele Käufer glauben, es handele sich um einen Fehldruck. Brandt witzelt über Hannover und den Bundespräsidenten, erinnert die HSV-Stürmer Hrubesch und Schatzschneider („er hat den HSV zerstört“) und unterstützt eine Romanstelle, in der es um einen nur sekundenlangen Heavy-Metal-Song von Napalm Death geht, genau mit diesem Krachmoment, der die Zuhörer kurz zusammen zucken lässt wie ein Starfighter, der im Tiefflug über die Köpfe hinwegdonnert und die Schallmauer durchbricht. Mit Jan Brandt haben die Organisatoren geschickt einen der Shooting-Stars der jungen deutschen Literatur an den Anfang gesetzt, doch der Abend im brechend vollen Bunker-Klub bringt noch mehr erstklassige Schriftsteller und zum ersten Mal Livemusik.
+++ Ham.Lit – Wo Bücher schimmern +++
Wie etwa Leif Randt. Von dessen zweiten Roman „Schimmernder Dunst über Coby County“ schwärmen die Kritiker und das Auditorium hört ihm gebannt zu, lediglich gestört vom Scheppern umfallender Bier- und Brauseflaschen, wenn sich jemand von seinem Stuhl erhebt, um den Ballsaal in Richtung Turmzimmer oder Terrace Hill zu verlassen, wo auch gelesen wird. Diese fast unvermeidlichen Nebengeräusche – wer sieht sich schon permanent auf die Füße, wenn er einen Raum möglichst unauffällig verlassen will? – stören besonders bei Daniela Seels Lyrik. Die bildreichen Gedichte der Frankfurter Dichterin bedürfen aufmerksamer Konzentration, um ihre ganze Schönheit zu erfassen.
Nach eineinhalb Stunden gibt es eine Zäsur und Niels Frevert kommt auf die Bühne. Eine halbe Stunde lang singt er Songs und begleitet sich dazu auf der akustischen Gitarre. Seine Pop-Poesie erreicht jedoch bei weitem nicht die Tiefe der Schriftsteller bei dieser langen Nacht junger Literatur und Musik. Es ist gefälliger Pop, hübsch vorgetragen, aber ohne Ecken und Kanten. Da ist die Sprachkunst einer Franziska Gerstenberg doch von einem anderen Kaliber. Sie liest aus „Spiel mit ihr“, einem desillusionierenden Roman über Liebe, Rollenspiele beim Sex und Internetbeziehungen.
Nach 15 Lesungen und einem Singer/Songwriter darf am Schluss getanzt werden, denn den wirklich krönenden Abschluss gestaltet Frank Spilker mit seiner Band Die Sterne. Seit zwanzig Jahren ist die Hamburger Gruppe ein Garant für in die Füße gehende Grooves mit einem charismatischen Sänger, einem knochentrockenen Bass und Refrains, die das Mitsingen geradezu erzwingen. Höhepunkt an diesem Abend ist „Was hat dich bloß so ruiniert“, eine Single aus dem Jahr 1996. Da tanzt der ganze Saal, und auch Jan Brandt hört aufmerksam zu. Er trägt ein T-Shirt von Kill Mister, der Metal-Band, die in seinem Roman eine wichtige Rolle spielt. Gut, dass die Ham.Lit-Veranstalter sich für Die Sterne entschieden haben haben, Kill Misters Musik ist untanzbar.





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