Roman
Nicholson Baker: Kann denn Liebe Sünde sein?
Bakers jüngst erschienener Roman "Haus der Löcher" ist mehr Pornoparodie als Porno - also sehr lustig. Übersetzt hat das Werk ein Hamburger.
Nicholson Baker legt es darauf an, Puritaner zu provozieren
Foto: picture alliance / Romain Fellen/dpa
Liebesszenen sind in der Kunstform der Literatur eine heikle Angelegenheit; das Peinlichkeitspotenzial ist groß. Wer sich die Sphäre der Erotik als Übungsfeld poetischer Sprachambitionen aussucht, betritt meist das Feld epischer Sprachverirrungen. Kurz gesprochen: Viel einfacher als die Liebesszene ist der Porno. Rein, raus, in expliziten Worten, ohne schön tönende Girlanden: Naturalismus, viehische Realität. Pornografie (in ihren Abstufungen) findet sich immer wieder mal in der Belletristik: Ein ewig enttäuschter Zeitgenosse wie der Franzose Michel Houellebecq zum Beispiel schreibt zynisch über den Sex, Charlotte Roche schreibt schamlos und mit Blick auf die prosaischen Körperprozesse.
Und Nicholson Baker schreibt lustig über Sex und, anders als die beiden Genannten, auch über nichts anderes als Sex: in seinem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch "Das Haus der Löcher". Es ist ein reiner Pornoroman. Die Handlung kostümiert sich nicht als eine aus einem übergeordneten Erzählstoff, es geht wirklich nur um das Rein und das Raus. In allen Variationen. Trotzdem ist Bakers siebter Roman alles andere als langweilig, im Gegenteil ist er eine der amüsantesten Veröffentlichungen seit Langem.
"Das Haus der Löcher" ist wie der Fanfarenstoß einer Clown-Tröte: ein Luftrüssel, der sich bei Aktivierung lautstark entrollt - phallische Assoziationen sind beabsichtigt. Ebenfalls Absicht ist an dieser Stelle die familienfreundliche Aussparung beinah aller Vokabeln, die den Akt oder die daran beteiligten Körperteile beschreiben.
Was auf gewisse Weise sehr schade ist, denn die sprachlichen Albernheiten und erfindungsreichen Synonym-Feuerwerke Bakers sind kindisch-köstlich (und wunderbar übersetzt von dem Hamburger Eike Schönfeld, siehe nebenstehendes Interview).
Genannt seien zumindest einige Formulierungen: Männer sind "Dödeljungs", und sie empfinden eine "süß-salzige Geilheit". Gut, dass sie ins Haus der Löcher können: Dort dürfen sie, sofern sie die "Arschdrücker-Lizenz" haben, zärtlich weibliche Hinterteile streicheln. "Das Haus der Löcher" (im Original: "House of Holes. A Book of Raunch") ist aber gerade deswegen kein obszönes Sudelbuch - oder zumindest nur in wohlabgeschmeckten Teilen -, weil es in seiner Überpointierung viel mehr Pornosatire als Porno ist.
+++ "Der Ton des Romans ist lustig und anzüglich" +++
Wie in eine Art Wunderland wird das Personal in Bakers Pornostück in einen Sexvergnügungspark gezogen. Stets sind diese Menschen so verträumt wie Alice, wenn sie durch eine lochartige Öffnung - die Trommel eines Trockners, den gedruckten Kreis in der Zeitung, den Strohhalm - in das Urlaubsresort der Erwachsenen gesaugt werden. Im märchenhaften Haus der Löcher warten Sexspektakel und bacchantische Exzesse. Niemand der Neuankömmlinge ist verwundert, dass es dort, unter der Regentschaft einer gütigen Puffmutter namens Lila, um die Erfüllung geheimster Wünsche geht. Alles ist möglich, aber nichts umsonst: Um ein kräftigeres Geschlechtsteil zu bekommen, gibt Dave seinen Arm her. Der führt daraufhin ein eigenständiges Leben und wird wegen seiner zärtlichen Art zum besten Freund der Frauen.
"Haus der Löcher" ist ein surreales, ein ziemlich säuisches Buch. Es legt es darauf an, verklemmte Puritaner (die es in Amerika in viel größerer Zahl gibt als hierzulande) zu provozieren. Und es ist, seltsamerweise, ein wunderbar friedliches Werk. Wer Liebe macht, wer dafür die im Sexresort zur Verfügung stehenden "Masturboote", "Penissäle" und "Pornokaeder" nutzt, der führt keinen Krieg, verspekuliert nicht fremder Leute Vermögen und vertrödelt nicht den Tag im Stile des White Trash, der weißen amerikanischen Unterschicht.
Im Haus der Löcher ist der moderne Mensch auf seine Triebe zurückgeworfen, es macht ihm überhaupt nichts aus. Freud hätte seinen Spaß an Bakers blühender Fantasie, weil er wüsste: Hier lässt einer seinem Es freien Lauf. Mit Freuds Theorie von der "infantilen Sexualität" hat das fantasievolle und fruchtbare Wortgeklingel des Erzählers, der eine Sache nie mit nur einem Begriff benennen will, eher nichts gemein. Eher schon mit dem kindlichen Vergnügen an der Sprachspielerei.
Nicholson Baker ist ein 1957 geborener Mann mit Stirnglatze und weißem Rauschebart. Er sieht freundlich aus und keineswegs wie ein Lustmolch (aber wer weiß schon, wie diese Spezies phänotypisch beschaffen ist), und er muss seine Frau, mit der und den zwei Kindern er zusammen in Maine lebt, sehr zum Lachen gebracht haben.
Sollte er denn in der Entstehungszeit vom "Haus der Löcher" aus diesem vorgelesen haben. Sein neues Buch ist nicht das erste, das sich mit Sex beschäftigt: Anfang der 90er-Jahre erschienen "Vox" und "Die Fermate", wobei insbesondere Letzteres hinsichtlich unserer sexgesteuerten Träume eine Vorstufe von "Haus der Löcher" ist.
Am Ende ist "Haus der Löcher" übrigens, wenn man will, auch ein moralisches Buch, das neben der Freiheit der körperlichen Liebe auch Gefühle fordert. Der "schlechte Porno", den in "Haus der Löcher" futuristische Maschinen aus den Siedlungen dieser Welt absaugen, ist letztlich allgegenwärtig. Das Sex-Ferienlager wird geschlossen; wir sagen jetzt einfach mal: Auf Dauer geht es nicht ohne romantische Liebe, und leibhaftiges Liebemachen ist Porno sowieso immer überlegen. "Alles ist mit Sex verbunden", sagt eine von Bakers Figuren. Was keine Rechtfertigung für die Pornografisierung der Gesellschaft ist, für die Entzauberung der Liebe -"Haus der Löcher" sollte man ganz unromantisch lesen.
Nicholson Baker: "Haus der Löcher". Übers. v. Eike Schönfeld. Rowohlt. 320 S., 19,95 Euro





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