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Kultur & Live

Ein Plädoyer für den Liederabend

Solange die dicke Frau noch singt ...

... ist der Liederabend noch nicht zu Ende. Aber warum geht da eigentlich kaum noch jemand hin? Plädoyer für eine unterschätzte Kunstform.

Ein Klavier und eine Stimme - mehr braucht es im Grunde nicht zum Glücklichsein
Foto: Getty Images

Bei dem Wort Gesang denkt mancher an Maria Callas oder Anna Netrebko. Oder gar an die unsterbliche Bianca Castafiore aus der ebenso unsterblichen Comicserie "Tim und Struppi": Da schmettert besagte Sängerin nach allen Regeln des Klischees mit rosa Hut, wogendem Busen und ohrenbetäubender Inbrunst die Juwelenarie. Ja, die gibt es wirklich. Ist von Gounod.

Gesang, das klingt nach Oper, Diven und Koloraturen, nach Glamour, Geschmeide und Federboa. An das Lied hingegen, die ursprünglichste Form des Singens, denken die wenigsten. Und wenn, dann ergreifen sie oft die Flucht. Zu Dietrich Fischer-Dieskaus besten Zeiten, in den 60er- und 70er-Jahren, mag der klassische Liederabend geboomt haben. Heute jedoch scheint die Konzertgattung, bei der auf der Bühne nichts weiter zu sehen ist als ein Sänger, ein Pianist und vielleicht noch ein Blumengesteck, vom Aussterben bedroht.

Gut besucht sind Liederabende mit marketingträchtigen Attributen, etwa wenn der Sänger Jonas Kaufmann heißt und auf dem Programm Schuberts berühmte "Winterreise" steht. Aber eben leider nur dann. Die Hamburger Symphoniker, die vor einem Jahr eine eigene Liederabendreihe aufgelegt haben, locken trotz renommierter Künstler und interessanter Programme nur wenige Hörer in den Kleinen Saal der Laeiszhalle. Und die Elbphilharmonie-Konzerte bringen es in der laufenden Saison gerade mal auf vier Liederabende, als wagten sie keine weiteren Investitionen in das Genre.

Doch nicht jeder lässt sich durch diesen düsteren Befund vom Lied abschrecken. "Für mich ist das Lied die größte Kunst überhaupt", sagt Judith Thielsen. Die preisgekrönte junge Mezzosopranistin ist ein Aushängeschild der Hamburger Musikhochschule und Studentin des Masterstudiengangs Liedgestaltung, den der Liedpianist Burkhard Kehring seit 2008 an der Hochschule anbietet, dank Kehrings Kontakten in der Szene eine Eliteschmiede. Am kommenden Freitag stellen sich drei Duos aus der Klasse beim "Liedforum" vor. Unter dem Motto "Stilbrüche" setzen sie Lieder von Franz Schubert, dem Liedkomponisten schlechthin, in Beziehung mit Werken aus dem 20. und sogar aus dem 21. Jahrhundert.

Zu voller Blüte ist das Kunstlied im 19. Jahrhundert gelangt. Komponisten von Beethoven bis Richard Strauss, von Hugo Wolf bis Dvorák haben Gedichte von Goethe, Eichendorff oder Heine auf das Innigste mit ihrer Musik zu Miniaturen verschmolzen und einen Kosmos geschaffen, der über bekannte Zyklen wie Schuberts "Schöne Müllerin", "Winterreise" oder Schumanns "Dichterliebe" weit hinausgeht. Jedes einzelne Lied, kaum zwei oder drei Minuten lang, ist eine kleine Welt für sich. Da zählt jede Silbe, jedes Atemholen. Das fordert den Künstlern nicht nur technische Makellosigkeit ab, sondern verlangt eine bewusste Interpretation bis in Details wie etwa die Färbung der Vokale oder ein kaum wahrnehmbares Innehalten. Pathos oder Übertreibung sind fatal, Hochleistungssport ist Liedgesang schon gar nicht. Sondern die Kunst, die allereinfachsten, innersten Empfindungen so in Töne zu verwandeln, dass sie den Hörer als wahr ergreifen und nicht als Seelenstriptease peinlich berühren. Der weltweit erfolgreiche Bassbariton Hanno Müller-Brachmann drückt das so aus: "Man hat keine Bühne, kein Orchester, keinen Dirigenten, keine Kostüme, man steht da ganz nackt."

Diese hohe Verdichtung ist womöglich ein Grund dafür, dass das Lied so wenig breitentauglich ist. Wenn man einem Liederabend nicht aktiv zuhört, rauscht er an einem vorbei. Wie die Interpreten muss auch der Hörer Text und Musik verstehend zusammenbringen, er muss die plötzlichen Wendungen, die emotionalen Nuancen mitvollziehen können. Das fordert ihn ganz anders als etwa eine Oper, die das dramatische Geschehen auf der Bühne sichtbar macht. Ein Stimmungsumschwung kann da gut und gern eine ganze Szene dauern - im Lied reicht dafür mitunter eine harmonische Umdeutung aus, die manchmal in einer einzigen Note liegt.

Zudem ist die Intimität des Vorgangs nicht jedermanns Sache. Wer sich darauf einlässt, den Künstlern auf ihre Seelenreise zu folgen, der schaut auch ins eigene Innere. Das kann tief bewegend und beglückend sein, es kann aber auch etwas Bedrohliches haben. Und oft passt es schlicht nicht in das kleine Zeitfenster, das der Alltag für den Konzertbesuch lässt: Wer es gerade eben aus dem Büro ins Konzert schafft, kann nicht so schnell die innere Gangart wechseln, wie er in den Sitz sinkt.

Seine Anhänger geben den Liederabend dennoch nicht verloren - frei nach der Textzeile der Hamburger Indie-Band Kettcar: Solang die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende. Oder eben der Liederabend. "Man muss einfach an das Lied glauben und immer weitermachen", sagt Burkhard Kehring, der Spiritus Rector des Hamburger Masterstudienganges. Die Musikhochschule steht mit ihrer Initiative nicht allein da. So hat der Bariton Thomas Quasthoff, selbst ein gefeierter Liedsänger, 2009 in Berlin den viel beachteten Wettbewerb "Das Lied" ins Leben gerufen. Und ohnehin pilgern Liederfreunde jeden Sommer zu Festivals wie der "Schubertiade" im vorarlbergischen Schwarzenberg, wo sich die Besten der Branche ein Stelldichein geben. Leichter verdaulich wird es, wenn die Künstler die Lieder mit Rezitation verbinden oder szenische Elemente dazunehmen. Doch darin liegt ein Dilemma - denn von der für den Liederabend so typischen Konzentration auf die Verschmelzung von Text und Musik führen sie weg. "Gerade diese Reduktion ist doch das Höchste, was man einem anspruchsvollen Publikum bieten kann", sagt Kehring. "Die Leute lechzen nach Poesie. Wer zu einem Liederabend geht, hat genug von der Oberflächlichkeit."

Massentauglich wird das Lied nicht werden. Vielleicht muss man sich damit abfinden. Aber vielleicht gelingt es den hervorragenden jungen Liedduos ja, die Tür ein kleines bisschen weiter aufzustoßen und mehr Menschen an dem Glück teilhaben zu lassen, das diese exquisite kleine Form birgt.

Liedforum 27.1., 19.00, Musikhochschule (U Hallerstraße), Harvestehuder Weg 12, Eintritt frei

 

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