Tonträger
125 Jahre Schallplatte: Eine runde Sache
Schallplatten feiern 125 Jahre nach ihrer Erfindung weltweit ein Comeback. Die schwarzen Scheiben werden mit jährlichen Millionenauflagen gepresst.
Der Vorgänger der Vinylscheibe: Eine Schallack-Platte von Enrico Caruso aus den 20er Jahren
Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb/dpa
Röbel. Als runde Sache und beidseitig mit haarfeinen Rillen versehen dreht sich die 125 Jahre alte Platte bis heute. Anno 1887 von Emil Berliner erfunden, erlebt der totgesagte schwarze Tonträger weltweit eine Renaissance. Auf dem Tiefpunkt der Vinylproduktion 1991 gegründet, erlaubte sich das CD-Werk der Hamburger Edel AG, die optimal media in Röbel an der Müritz, schon bald eine launige Liebhaberei: 1995 rettete der Mecklenburger Newcomer auf dem Musikmarkt museumsreife Kunststoff-Pressen vor der Verschrottung und legte die ersten heißen Scheiben neu auf. Heute produziert der gut 600 Mitarbeiter zählende Betrieb wieder mehrere Millionen Schallplatten im Jahr und gehört damit zu den letzten LP-Fabriken Europas.
Auch wenn Musik-CDs heute den Ton angeben: „Die Schallplatte war nie tot, allenfalls vorübergehend verdrängt“, sagt Produktionsleiter Bernd Altmann. Er selbst nutze fast nur Vinyl. „CDs werden eingeworfen, Plattenhören, das zelebriert man“, erklärt er. „Erst ausgiebig das Cover betrachten, dann die zerbrechliche Scheibe bedächtig auspacken, abwischen, auflegen – und genießen.“ Musikfreaks in aller Welt lieben den warmen Klang einer LP. „Die analoge Aufzeichnung lässt unnatürliche Töne gar nicht zu“, sagt Tonmeister Heino Leja. Daher werde die Schallplatte vom menschlichen Ohr oft als angenehmer empfunden als neutraler CD-Sound oder MP3-Musik.
Im Gegensatz zur digitalen MP3-Datei könne man die Platte anfassen, sagen die Macher in Röbel. Jene, die mit Vinyl aufgewachsen sind, verbänden oft wichtige Erlebnisse mit einer Langspielplatte oder Single. Jüngere mögen den Retro-Sound, den DJs nur mit dafür handverlesenem PVC auf ihrem Plattenteller mixen könnten. Obwohl silberne CDs die schwarzen Scheiben seit den 80er Jahren aus Schrankwänden und Verkaufsregalen verdrängten, sieht auch der Bundesverband Musikindustrie (Berlin) ein Come-back der einst Totgesagten aus Polyvinylchlorid.
Mit rund 1,5 Millionen Einzelexemplaren (entspricht 600 000 Alben) seien 2010 fünfmal so viele Schallplatten in Deutschland verkauft worden wie 2006, sagt Verbandssprecher Andreas Leisdon. Der Trend halte an, während der Umsatz bei CDs leicht sinke und bei knapp 100 Millionen Einheiten im Jahr liege. In Europa produzierten nur noch eine Hand voll Hersteller Schallplatten, erklärt optimal-Sprecherin Petra Funk. Neben den Mecklenburgern setzt in Deutschland auch die 1948 gegründete Schallplattenfabrik Pallas im niedersächsischen Diepholz auf LPs. Rund vier Millionen Platten verließen pro Jahr den Familienbetrieb, sagt Geschäftsführer Holger Neumann.
Röbel in der Mecklenburgischen Seenplatte packte in den besten Zeiten um den Jahrtausendwechsel schon mal sieben, acht Millionen Schallplatten jährlich in stilechte Cover. Im Geschäftsjahr 2010/11 liefen 4,2 Millionen schwarze Scheiben vom Band, sagt Funk. Vinyl machte rund neun Prozent des Umsatzes aus, der bei 85 Millionen Euro lag. Schwerpunkt des Werks seien CDs und DVDs mit 153 Millionen Stück Jahresproduktion. Für 2012 gehe sie wieder von steigenden Zahlen vor allem beim Vinyl aus, so Funk.
Coldplay, David Guetta, Beach Boys, Kate Bush, Kraftwerk, Depeche Mode, Pink Floyd, Kylie Minogue, Madonna, Die Ärzte, Die Toten Hosen, Nena, AC/DC, Rammstein. Wolfgang Ahnert kennt sie alle. Als „Mutterstecher“ sitzt er an der Quelle. Auf den „Mutterplatten“, den Matrizen der künftigen Pressstempel, fahndet der Elektroingenieur nach Aussetzern, Knistern, Knacken, Rauschen. Mögliche Fehlerstellen „sticht“ er unter dem Mikroskop mit feinstem Werkzeug aus den Rillen der silbrig glänzenden Nickelscheiben. Diese „Mütter“ bilden schließlich die Basis einer aufwendigen Produktionskette, wie er betont.
Wahre Museumsstücke sind die Platten-Pressen in der ansonsten hochmodernen Ton- und Datenträgerfabrik. Gut 30 Jahre alte Maschinen, mit denen bis zur Wende beim „VEB Deutsche Schallplatten“ DDR-Labels wie „Amiga“ oder „Eterna“ entstanden, holten die Mecklenburger aus dem russischen St. Petersburg zurück. Andere Pressen kauften sie in Finnland, England und Schweden zusammen, denn weltweit würden keine neuen mehr gebaut, weiß Produktionsleiter Altmann.
Der Senior im Presswerk Röbel: Eine Leihgabe des Deutschen Technikmuseums Berlin. Henry Schulz bedient diese Handpresse, deren Zählwerk aktuell die Plattennummer „5 268 562“ anzeigt. „Funktioniert wie ein Waffeleisen“, sagt Schulz. In 20, 30 Sekunden „backe“ er damit aus einem heißen Vinyl-Kloß eine sauber gerillte, traumhaft klingende schwarze Scheibe aus.





Branchenbuch Hamburg
Trabrennbahn Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages



